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Frischer, junger Jazz in einer alten Stadt

Eindrücke vom Jazzfest Chur

Chur, 18.09.2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: medimarc gmbh

Die wunderschöne, älteste Stadt der Schweiz nur wegen dem Jazz besuchen, warum nicht! Auch wenn die beiden weltberühmten Kurorte Davos und St. Moritz um die Ecke liegen, bekannte Skigebiete oder auch Italien nah sind. Aber schließlich bringt der Verein JazzChur mit mehr als 100 Veranstaltungen das ganze Jahr über Musik auf die heimischen Bühnen, betreibt mehrere Podcasts und eine Jazzschule für den musikalischen Nachwuchs. Da war es eigentlich logisch dass bei der siebten Ausgabe vom JazzChurFestival am letzten Festivalmorgen nun erstmals ein Mitmachkonzert für Kinder auf dem Programm stand.

Auch in diesem Jahr lag der Fokus des Festivals auf dem Schweizer und dem europäischen Jazz. Und es gab wieder Ungewöhnliches zu hören. Etwa das Soloprojekt „Pink Dawn“ des Tessiner Schlagwerkers Sheldon Suter. An Perkussionen, zwei Zittern, Plattenspieler und Klangobjekten und mit Hilfe von Loops und Sounds schuf Suter ruhige, verträumte Klanglandschaften, vielfach mit meditativem Charakter. Hier produzierte ein wundervoller Musiker keine lautsprechenden, dezibelstarken Soundgewitter, sondern eigenwillige Klangbilder, die den Zuhörer auf imaginäre Reisen einluden. Nicolas Masson verzauberte direkt danach mit seinem langjährigen Quartett gleich weiter das Publikum. Das Zusammenspiel des Genfer Saxofonisten mit Pianist Collin Vallon, Bassist Patrice Moret und Schlagzeuger Lionel Friedli darf man ohne jeden Zweifel traumwandlerisch nennen. Seine wunderschönen, dunkel-melodischen Kompositionen zwischen Freiheit und Jazztradition dienten als Ausgangspunkt beeindruckender, kollektiver Gestaltungskraft in Stimmungen zwischen zart und zerbrechlich bin hin zu kraftvoll und mitreißend. Ein fantastisches Konzert.

Familiare Stimmung an intimen Orten

Was dieses ja noch immer junge Festival auch so sympathisch macht, ist die familiäre Stimmung im Spielort, der Postremise, einem historischen Gebäude mitten in Chur, ehemals sowohl Reithalle als auch Schauspielhaus, später dann ein Depot für zunächst Postkutschen und dann Postautos. Der Konzertsaal hat die richtige Größe für intime Konzerterlebnisse. Man ist nah an den Künstlern dran, kann diese im Anschluss an die Auftritte ganz ungezwungen an der Bar im Vorraum noch auf einen kleinen Plausch treffen. Etwa die sympathische, iranische

(Bass-)Klarinettistin Shabnam Parvaresh, die zuvor mit ihrem mit E-Gitarre (Ula Martyn-Ellis) und Schlagzeug (Philipp Buck) besetzten Sheen Trio Brücken baute zwischen schroffem Postrock, Avantgarde und Folklore aus dem Mittleren Osten, zwischen lyrischer Zartheit und ruppiger Energie. Auch das Quintett Pilgrim des Schweizer Saxofonisten Christoph Irniger pendelte geschickt zwischen musikalischen Extremen, zwischen Komposition und Improvisation, zwischen Ausbruch und Zerbrechlichkeit.

Das JazzChurFestival fordert die Zuhörer durchaus mit seinem Programm. Eine Band wie das Trio Enemy um den britischen Pianisten Kit Downes mit seinen rhythmischen Verschiebungen in komplexen, vielschichtigen Kompositionen, die gerne mit der Jazztradition brechen, ist sicher nicht unbedingt Easy Listening, aber faszinierend in jedem Moment. Das Trio des deutschen Bassisten Nils Kugelmann, wie Enemy in der Besetzung Piano, Kontrabass und Schlagzeug unterwegs, ist mit seinen sehr melodischen und zugänglichen Stücken Musik dagegen eine Band, die man ganz sicher als Crowd Pleaser bezeichnen kann. Ein Klaviertrio mit Bassist als Leader, das es wie einige andere Klaviertrios auf der aktuellen Jazzszene perfekt versteht, technische Brillanz mit Eingängigkeit und Popappeal zu verbinden – und mit dieser Formel auch Leute erreicht, die sich nicht unbedingt als Jazzfans bezeichnen würden. Das Solokonzert der im letzten Jahr mit dem Österreichischen Jazzpreis als Best Newcomer ausgezeichneten Wiener Kontrabassistin Helene Glüxam war wiederum ein Auftritt, auf den man sich einlassen und intensiv zuhören musste. Mit Gesang, mehr einem hellen Summen als einem Singen, zudem nicht sehr wandelbar, begleitet sich die Anfangdreißigerin selbst bei ihrem vielfältigen Spiel auf dem akustischen Tieftöner, dessen Saiten sie mal zupft, mal mit Bogen spielt, und manchmal auch mit unterschiedlichen Klöppeln bearbeitet zum Vibrieren bringt. Ihre Kompositionen klingen mystisch, manchmal dunkel-düster, sind durchsetzt von Improvisationen, pendeln zwischen Avantgarde und schönen Melodien. Eine Künstlerin durchaus zum Entdecken.

Ein Podium für junge Künsterinnen und Künstler 

Auch dafür steht der Verein JazzChur, weil er jungen Künstlern gerne ein Podium gibt. Große Namen sind dem Festival nicht wichtig, sondern musikalisch einfach mal was wagen und anbieten. So durfte sich direkt am Auftaktabend des Festivals die junge Schweizer Posaunistin Gloria Ryter mit ihrem neuen Projekt Glo vorstellen und das erste richtige Konzert in dieser Quartett-Formation spielen. Ein wenig brav klingen ihre Musik und ihr Spiel noch. Aber lobenswert, dass dieses besuchenswerte Festival mit seinem eigenständigen Profil auch dem Nachwuchs schon die große Bühne bereitstellt.

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