Karl Lippegaus' diary of jazz

#12 Erinnerungen an eine Stadt |

Anouar Brahem, Tunis

Text: Karl Lippegaus | Fotos: ECM

Köln, 28.12.2014 | Anouar Brahem, ich habe den Eindruck, dass dieses Doppelalbum ‚Souvenance‘ eine Ihrer bislang wichtigsten Einspielungen und von zentraler Bedeutung für Ihr Schaffen ist.

Nun, es freut mich, dass Ihnen die Musik gefällt. Ich hatte die Arbeit beendet mit dem Gefühl, wirklich nicht genau zu wissen, wie sie aufgenommen würde. Weil es ja doch eine etwas spezielle Musik ist.

Wie kam es zur Entstehung von ‘Souvenance’?

Das ganze Projekt habe ich unter großen Schwierigkeiten in Angriff genommen. Wie alles, was ich mache, ehrlich gesagt. Ich beginne jedes Mal ohne einen präzisen Arbeitsplan, anfangs mit kleinen Skizzen und kleinen Ideen. Ich brauche immer viel Zeit, um interessante Dinge auszuwählen, sie weiterzuentwickeln und eine Struktur zu finden, eine Instrumentierung, etc.. Diesmal fiel es noch schwerer, denn ich hatte zwar, nach meinem letzten Album The Astounding Eyes of Rita, ein wenig weiter komponiert, jedoch ohne präzise Vorstellung. Dann kamen diese außergewöhnlichen politischen Ereignisse in Tunesien - ob man sie nun als Revolution bezeichnet oder als „arabischen Frühling“ - , jedenfalls hat diese politische Aktualität in meinem persönlichen Universum eine ungeahnte Dimension eingenommen, einen solch großen „emotionalen Raum“, dass es mir schwer fiel weiterzuarbeiten; alles was ich tat, erschien mir im Vergleich dazu etwas banal. Was sich da ereignete, hatte ein so enormes Gewicht. Sagen wir so: Ich habe etwas mehr Schwierigkeiten als bei früheren Gelegenheiten. Doch diesen Druck musste ich loswerden, erstmal etwas Distanz zu mir selbst finden und eine neue Inspiration. Leben wir nicht alle manchmal mit der Angst, nicht diesen guten Moment der Inspiration zu finden? Dann kamen mir auch ein paar Ideen und mir wurde klar, das Klavier musste eine zentrale Rolle in diesem Projekt haben. In der Folge stieß ich dann auf die Idee eines Streicherensembles. Das hat mich selbst überrascht, ich komme ja nicht aus der klassischen Musik, anfangs hielt ich es für eine Phantasie ohne große Zukunft. Bei der weiteren Arbeit erwies sich diese Idee mit den Streichern jedoch als geradezu unverzichtbar. Gleichzeitig war unser Quartett, das auf Rita zu hören ist, live immer mehr zusammengewachsen - ich wollte also auch diesen Weg weitergehen.

In einem früheren Gespräch sagten Sie mir, Sie hätten eine Abneigung gegen die Rolle, die man Ihrem Instrument Oud, der arabischen Laute, in der populären Musik des Orients zugewiesen hat. Ich erinnere mich, Sie waren sehr kritisch, was diese Musik betraf, die Sie in Ihrer frühen Jugend in Tunis oft hören mussten – mit 110 Geigen, großem Orchester, Sängern und irgendwo dazwischen den kaum wahrnehmbaren Klängen des Oud, dem Sie selbst eine so herausragende Stimme gegeben haben. Die Art, wie Sie jetzt auf ‚Souvenance‘ mit Streichern arbeiten, unterscheidet sich deutlich von diesem herkömmlichen Gebrauch.

(Lacht.) Sie haben ein gutes Gedächtnis. Ja, es stimmt, ich habe tatsächlich angefangen, Musik zu machen in dieser Umgebung: in der viele arabische Musiker versuchten, die okzidentalen Orchester ein wenig zu imitieren. Die Orchester vergrößerten sich und wirkten förmlich aufgebläht, ich meine diese vielen unisono spielenden Geigen. Als ich selbst zu komponieren begann, ist mir diese Tendenz oft begegnet. Ich wollte zwar „moderne“ Musik machen, aber im Grunde bin ich zu einer sehr viel traditionelleren Struktur des Musizierens zurückgekehrt: mit kleinen Ensembles, die sehr der Kammermusik ähnelten. Weil ich diesen Gebrauch des Orchesters vermeiden wollte, hatte ich es in der Vergangenheit immer abgelehnt, auf Angebote einzugehen, mit Sinfonieorchestern aufzutreten. Für mich war es nie der richtige Moment, ich hatte nichts Geschriebenes, was dem entgegenkam, vor allem aber wollte ich keine Platte machen, nur weil sich gerade mal diese Möglichkeit mit Streichern zu arbeiten bot. Also keine Streicher, um bloß etwas bereits Vorhandenes auszuschmücken; ich befürchtete sehr, dass sowas einem „orientalistischen“ Klischee gleichgekommen wäre. Diesmal bestand aber gerade darin die besondere Herausforderung. Ich wusste überhaupt nicht, wohin die Reise ging und was das Resultat wäre. Die Streicher sollten in Bezug auf die Musik selbst ihre Rolle erhalten, was etwas erklärt, warum es eher „minimalistisch“ klingt, was sie da tun. Das Orchester spielt wenig an Melodien oder die Melodie.

Sie lassen die Streicher anders klingen und oft sehr leise spielen. Trotzdem stellt sich manchmal ein geradezu „ozeanisches Gefühl“ ein, der Eindruck großer Weiten, ein Blick aufs Meer, da tun sich wunderbare Räume auf.

Ja, es war wirklich ein langer Prozess - auch was die Arbeit mit dem Quartett betraf. Wir haben viel geprobt, damit jedes Instrument seinen Platz fand. Ich arbeite mit wunderbaren Musikern, die vom Jazz her kommen. Manchmal habe ich sie gebeten, nur ganz wenig zu spielen, nicht zu viel zu tun – danach verlangte eben die Musik. Das galt auch für das Orchester, für das ich eng zusammenarbeitete mit einem Arrangeur (Johannes Berauer bzw. Tõnu Kõrvits). Um sehr dicht an der wahren Natur der Musik und ihr treu zu bleiben.

Es gibt so viele Parameter in dieser Musik, dass ich mir vorstellen kann: bis zur letzten Etappe, der Tonabmischung und dem Mastering, war ‚Souvenance‘ eine bis ins Kleinste gehende Arbeit.

Ja, es stellte bis zum Ende eine Herausforderung dar. Es war meine erste Arbeit mit Streichern und ich glaube, ich habe das Orchester wie ein fünftes Instrument benutzt. Dass es eine organische Funktion bekam, war mir wichtig - in der Interaktion mit dem Quartett (Anouar Brahem, Oud; François Couturier, Klavier; Klaus Gesing, Bassklarinette; Björn Meyer, Bass). Es ging sehr um Texturen, um Transparenzen, aber auch um konkretere dynamische, sagen wir „erdigere“ Phänomene - all dies spielte eine große Rolle.

In der Musikgeschichte finden sich zahlreiche Beispiele für Werke, die zur Ehre großer Staatsmänner geschrieben wurden. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich die ‚Eroica‘, die Beethoven als Widmung an Napoleon schrieb (und diese Widmung später wieder zurückzog). Sehen Sie sich mit ‚Souvenance‘ in der Rolle eines Komponisten, der etwas für sein Land, in Ihrem Falle Tunesien geschrieben hat? Welche Bedeutung hat dieser Titel ‚Souvenance‘?

Ich suchte nach einer Überschrift, nachdem wir die Musik aufgenommen hatten. Es schwebte mir etwas in Verbindung mit dem Gedächtnis vor, aber ich fand das Wort nicht. Memoria, Memory, Souvenirs – all das gab nicht wieder, dass es sich gleichsam um einen Abdruck der Geschichte handelte. Dann war es meine Frau, die mir dieses Wort souvenance vorschlug, und sofort leuchtete mir das als die Lösung ein. Es ist ein sehr altes französisches Wort, das sogar viele Franzosen nicht mehr kennen. Ich übernahm es für die Premiere meines Werkes in Tunis und wusste noch nicht, ob ich es für das Album beibehalten wollte, aber es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin vielleicht eher ein Künstler, der aus seiner eigenen inneren Welt schöpft. Ob es eine direkte Verbindung zu den Ereignissen in Tunesien gibt, kann ich nicht so einfach sagen, aber natürlich hat mich das, was in Tunis in den letzten Jahren passierte, sehr stark berührt, politisch wie emotional. Ich kann das nicht leugnen und es ging uns allen so. Ob diese Verbindung (zur Musik von Souvenance) existiert kann ich wirklich nicht wissen. Ich bin sehr skeptisch, was den Sinn und Nutzen der Vereinnahmung politischer Vorgänge für musikalische Zwecke betrifft. Gleichwohl sind alle Stücke in dieser Periode entstanden und ich wollte, dass diese Verbindungen sichtbar wurden: sei es auch nur in bestimmten Titeln („Improbable day“, „Ashen sky“, „Deliverance“, „Tunis at dawn“, „January“ oder „Nouvelle vague“); vielleicht auch durch die Covergestaltung. Es war mir übrigens wichtig, dass die Premiere in Tunis stattfand.

Die Fotos, die Sie für Ihre Alben wählen, sind immer sehr bezeichnend für das, was uns musikalisch in diesen Hüllen erwartet. Besonders eindrucksvoll finde ich das Foto für ‚Souvenance‘. Man sieht da einen maskierten Mann, der durch eine leere Straße läuft, hinter ihm eine Wolke vermutlich aus Tränengas, währenddessen er sich die linke Hand vors Gesicht hält. Das Foto stammt von Nacer Talel und ist signiert mit ‚Tunis, 18. Januar 2011‘. An jenem Tag demonstrierten im ganzen Land Zehntausende gegen die Minister des Diktators Ben Ali, die in der Übergangsregierung wieder Plätze belegten. In Tunis machte die Polizei von Tränengas Gebrauch, um wie es hieß die „Maskerade“ zu entlarven – die Demonstrationen von Studenten und Gewerkschaften.

Manchmal schlägt mir Manfred Eicher die oft sehr schönen Fotos für das Cover vor. Oder ich suche selbst etwas Passendes aus. Diesmal aber suchte ich nach etwas, das einen echten Bezug zu Tunis hat. Ich wollte ein Foto aus der Stadt und suchte lange nach einem Bild mit einer leeren Straße, in einer verlassenen Stadt, und ich habe bestimmt Tausende von Fotos angeschaut. Die Mehrzahl war zu konkret und ähnelte den Fotos der Presseagenturen. Am Ende hatte ich vier oder fünf gefunden, die schön und abstrakt zugleich wirkten. Das endgütige Coverfoto war jedoch nicht in meiner ersten Auswahl dabei, ich fand es etwas zu direkt, zu „brutal“ vielleicht. Seltsamerweise aber, im Laufe der Zeit und beim Hören der Musik, drängte es sich als das einzige auf; und während ich der Musik lauschte und dieses Foto betrachtete, kam es mir immer mehr so vor, als würde es sich bewegen, reagieren, erstaunlicherweise bei allen Stücken. Es wurde das Foto – aber diese Wahl war mir anfangs gar nicht so klar.

Anouar Brahem, Sie haben eingangs vom „arabischen Frühling“ gesprochen. In ‚Le Monde‘ vom 31. Oktober 2014 stieß ich auf dieses Zitat des Präsidenten Essebsi: „2011 wurde ich eingeladen zum G 8-Gipfel nach Deauville. Der ägyptische Premierminister war anwesend und ich entwickelte dort den Gedanken, dass es keinen ‚arabischen Frühling‘ gibt. Ich sagte: ‚Es gibt den Beginn eines tunesischen Frühlings, der, falls er sich bestätigt, sich in einen ‚arabischen Frühling‘ verwandeln kann.“ Essebsi sprach von Hoffnung und von einer „Kultur des Dialogs“. Diese Aspekte klingen auch in Ihrer Musik an und insofern kann Musik vielleicht etwas sehr Wichtiges zu dem ganzen Prozess der Erneuerung beitragen.

Ich stimme mit Essebsis Kommentar in der Tat überein. Wissen Sie, wir in Tunesien haben etwas den Eindruck, dieser Ausdruck „arabischer Frühling“ sei von außen „importiert“ worden. Und wir misstrauen den importierten Dingen ein wenig. (lacht) Aber wir hoffen natürlich auf einen tunesischen Frühling, denn wir sind durch sehr verschiedene Etappen gegangen: mit starken Hoffnungen, aber auch vielen Ängsten, mit Befürchtungen und großen Illusionen. Es gab sehr schmerzhafte Erfahrungen und manchmal fühlten wir uns wie festgefahren in einer Sackgasse. Es klaffte ein großer Graben in der Gesellschaft und wir hatten Angst, in Gewalt und Bürgerkrieg zu verfallen. Aber glücklicherweise hat der Gemeinsinn die Oberhand gewonnen, obwohl wir uns oft am Rande eines Abgrundes befanden. Offensichtlich aber gibt es im kollektiven Bewusstsein der Tunesier eine Form von Weisheit, die bewirkt, dass sie sich wieder fangen, wenn sie am Abgrund angelangt sind. Ich war immer der Meinung, dass Tunesien nicht anders regiert werden kann als auf der Basis eines nationalen Konsenses. Wir sind in einer Übergangsphase und erlernen die Demokratie. Die ganze Phase ist sehr fragil und wir müssen eine Form des Dialogs finden, aber zum Glück haben wir eine recht starke Zivilgesellschaft.

In der neuen Geschichte des Mittelmeeres von David Abulafia (s.u.) wird wunderbar gezeigt, wie sich die Kulturen über Jahrhunderte vermischt und gegenseitig beeinflusst haben. Wie das Webmuster eines riesigen kostbaren Teppichs, das man auf der Unterseite erkennt, sieht man all die Verbindungen. Ich denke an die Einflüsse der jüdischen bzw. sephardischen Kultur in Städten wie Alexandria, Karthago, Genua oder Granada. Mir scheint, in Ihrer aktuellen Musik finden sich viele dieser Bezüge wieder: Dinge, die auf etwas sehr Altes, weit Verstreutes und tief in die Geschichte Zurückreichendes hindeuten.

Ich freue mich sehr, dass Sie von dieser bereits existierenden Diversität in den Musikkulturen sprechen. Das hat sicherlich schon immer existiert, es ist im Grunde nichts Neues. Wenn ich sehe, was heute in bestimmten Ländern des Nahen Ostens geschieht, wo eigentlich diese religiöse, kulturelle und ethnische Diversität existiert, macht es mich sehr betroffen, dass es diese schweren Konflikte im Irak und in Syrien gibt. All die außergewöhnlichen historischen Schichten machen ja gerade den Reichtum dieser Länder aus. Und es gibt ein sehr hohes Risiko, dass heute all dies verschwinden wird. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als die Gleichmacherei. Als ich jung war, ich bin praktisch im Jahr der Unabhängigkeit geboren, war das in Tunis noch eine recht vielgestaltige Epoche. Wir hatten eine sehr alte italienische Gemeinde, eine französische natürlich mit den Siedlern, maltesisch, die jüdische Gemeinde war groß und sehr alt. Das gab uns auch dieses Gefühl von Nachbarschaft: wir sind in Afrika, wir gehören zur arabischen Welt, zur muslimischen Welt, aber auch zu Italien, dessen Küste wir sehen können, wenn das Wetter schön ist. Wir sind also auch nicht so weit von Europa entfernt. All das hat mich musikalisch geprägt und das habe ich von der traditionellen Musik gelernt: all diese Verbindungen, wie im Webmuster eines Teppichs. Dieses schöne Bild, diese Vorstellung ist nicht nur verführerisch, sondern ich glaube auch zutiefst daran. Ich mag es nicht, wahllos Konzepte zu manipulieren und glaube sehr an die Ehrlichkeit des Künstlers, der aus seinem emotionalen Universum schöpft. Musik macht man nur, wenn man damit auch gute Absichten hegt. Es kommt vor allem darauf an, wirklich man selbst zu sein.

Literatur:

David Abulafia, Das Mittelmeer. Eine Biografie (S. Fischer Verlag, 2014)

Hörtipp „January“ aus Souvenance:

https://www.youtube.com/watch?v=tzPFTygvaxA

Diskographie Anouar Brahem:

· 1991 - Barzakh

· 1992 - Conte de l'Incroyable Amour

· 1995 - Khomsa

· 1998 - Thimar

· 2000 - Astrakan Café

· 2002 - Le Pas du Chat Noir

· 2006 - Le Voyage de Sahar

· 2009 - The Astounding Eyes of Rita

· 2014 - Souvenance