Ilona Haberkamp |

Lesung und Interview

Text: Heinz Schlinkert, Ilona Haberkamp | Fotos: Kurt Rade, Jörg Meyer, Gerhard Richter, Annegret Bönemann

Dortmund, 15.01.2023 | Ilona Haberkamp hat vor kurzem die Monografie Plötzlich Hip(p) veröffentlicht, über die wir schon berichtet haben. Am 10. Januar fand dazu im Dortmunder domicil eine Lesung statt (s.o.). Es war genau richtig, mehr zu erzählen statt vorzulesen, denn die Fülle der Informationen hätte dem nicht entsprochen. Zudem ist ein freier Vortrag immer direkter und anschaulicher.
Sehr engagiert und gestisch begleitet beschrieb Ilona Haberkamp die Lebensgeschichte von Jutta Hipp mit Texten aus ihrem Buch, aber auch mit Originalzitaten von Jutta Hipp. Es wurden viele Fotos, Zeichnungen und Gedichte gezeigt, Musikbeispiele veranschaulichten die musikalische Entwicklung. Ergänzend berichtete sie von Eindrücken bei ihrem Besuch bei Jutta Hipp in New York.

Ilona Haberkamp hat in Bochum und Münster Musikwissenschaft und in Dortmund und Köln Saxofon studiert. Schon sieben Jahre vor dem neuen Buch veröffentlichte sie zusammen mit Gerhard Evertz unter dem Be! Jazz Record Label eine künstlerische Gesamtausgabe "The Art and Life of Jutta Hipp" mit einer ausführlichen illustrierten Biografie.

  • Ilona Haberkamp als Autorin: Plötzlich Hip(p)

Warum hast du dich mit Jutta Hipp befasst?

"In den 80ern haben wir uns in unserer Frauenband Reichlich Weiblich gefragt: ‚Wen gab oder gibt es eigentlich neben uns?‘ Frauen im Jazz waren zu der Zeit eher selten. Wir entdeckten Jutta Hipp und Iris Kramer begann ihre Diplomarbeit darüber zu schreiben. Da war auch ein Besuch in New York angesagt, bei dem ich dabei war. Uns hat vor allem interessiert, warum die Pianistin so plötzlich ihre Karriere aufgegeben hat und ob sie nicht eine große Ungerechtigkeit erfahren musste."

Welchen Eindruck hast du von Jutta Hipp als Mensch?

"Ich habe Jutta Hipp als sehr freundlich und zugewandt erlebt. Nach ihrer musikalischen Karriere blieb sie dem Jazz treu und unterstützte finanziell oftmals schwarze Musiker:innen je nach ihren Möglichkeiten. Bis zuletzt hielt sie Kontakt zu ihren deutschen Freunden, vor allem nach Frankfurt. Einerseits war sie sehr scheu und empfindlich, aber mit einem ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn, andererseits aber auch eine Art ‚Lebefrau‘ mit exzessivem Alkoholkonsum und vielen Beziehungen."

Warum ist sie gescheitert? Hätte sie besser in Deutschland bleiben sollen?

"Ihr Rückzug basiert auf einem verminderten Selbstwertgefühl verbunden mit Scham gegenüber der gewachsenen Jazzszene vor allem gegenüber afroamerikanischen Musiker:innen. Keiner anderen Deutschen, auch keinem Mann, wurden derartige Türen in der New Yorker Jazzszene geöffnet. Die Angst den Erwartungen nicht gerecht zu werden, führte zu Minderwertigkeitsgefühlen in der für sie fremden Musikwelt der USA, die sie oft mit Alkohol ertränkte. Insofern war es richtig, die Reißleine zu ziehen und mit dem Alkohol, aber auch dem drogenaffinen Jazz zu brechen. In Deutschland war sie ein Star gewesen, wahrscheinlich wäre es ihr dort besser ergangen."

  • Ilona Haberkamp als Saxofonistin

Ilona Haberkamp ist auch Saxofonistin und spielt Alt- und Sopransaxofon in verschiedenen Orchestern und Bands. So gehörte sie 1984 zu den Gründerinnen der Frauen-Bigband Reichlich Weiblich, ist auch als Theatermusikerin tätig und leitet ihr eigenes Quartett.
2009 veröffentlichte sie mit ihrem Quartett und Ack van Rooyen die CD „I remember Paul“, eine Hommage an den Altsaxophonisten Paul Desmond. 2013 entstand eine Hommage an Jutta Hipp mit dem Album „Cool Is Hipp IS Cool“, z. T. mit eigenen Kompositionen, und trat bei den Berliner Jazztagen zusammen mit Ack van Rooyen, Laia Genc und Silvia Droste auf. 2017 kam das Album The New Coolnezz - Lost into the Blue heraus, auch mit Ack van Rooyen. Die junge Pianistin Clara Haberkamp ist ihre Tochter.

Wie bist du zum Saxofon-Spielen gekommen?

"Schon meine Eltern machten Hausmusik und spielten oft die Songs der 20er, ich habe erstmal Klavier gelernt, habe dann Flöte in einer Band gespielt und bin darüber ans Saxofon gekommen. Dazu habe ich mir beim Trödler ein AltSax besorgt und mir das Spielen selbst beigebracht. Irritiert hatte mich zunächst, dass meine Noten in C-Dur nicht passten. Ich wusste damals noch nicht, dass Saxofone in anderen Tonarten gestimmt sind. Nach dem Abitur habe ich erst an der RuhrUni Bochum Musikwissenschaft, dann bei Glen Buschmann in Dortmund klassisches Saxofon studiert."

"Über Paul Desmond habe ich den ersten Zugang zum Jazz gefunden, weil mich sein Sound und seine melodische Improvisationssprache angesprochen haben. Andere Saxophonisten sprechen mich natürlich auch an, vor allem Branford Marsalis. Ich bin eine Klangästhetin, der Sound ist für mich entscheidend und man spielt vielleicht, wie man ist? Wenn ich mit anderen zusammenspiele, brauche ich hochsensible Musiker, die sofort spüren, wohin unsere musikalische Reise geht. Ack van Rooyen war solch ein Musiker."

Was machst du im Moment in musikalischer Hinsicht?

"Ich arbeite seit 30 Jahren hauptamtlich an der Dortmunder Musikschule und leite dort u. a. die Bigband. Ich spiele momentan in zwei Saxophonquartetten, (MultiColore und das Lilith Saxophonquartett)

AE

Unser Repertoire beinhaltet einen Streifzug durch die Musikgeschichte von Renaissancemusik bis hin zum Jazz. Mein Jazzquartett muss ich neu formieren. Seit dem Tod von Ack van Rooyen, suche ich noch nach einem geeigneten musikalischen Partner."

Hast du weitere Projekte in Planung?

"Und seit einiger Zeit arbeiten wir an einem Film über Jutta Hipp. Dazu haben wir Interviews mit Musikern aufgezeichnet, z. B. mit Rolf Kühn, auch in New York. Leider gibt es kaum historische Film-Aufnahmen von Jutta Hipp. Der Film soll ca. 55 Minuten dauern."

Liebe Ilona, vielen Dank für das Gespräch!

http://ilonahaberkamp.com/