Festival, international

Jazz zu Wasser und zu Lande |

Leipziger Jazztage 2022, eine Nachlese

Text & Fotos: Peter E. Rytz

Leipzig, 12.11.2022 | Die Leipziger Jazztage sprechen für sich als urbane Zeugen einer vitalen Stadtgesellschaft. Gestartet vor 46 Jahren unter dem gesellschaftlichen Verdikt, mit dem utopischen Anspruch, eine neue, sozialistische Gerechtigkeitsgesellschaft für alle aufzubauen, haben sie sämtliche darauffolgenden Veränderungen souverän und selbstbewusst nicht nur überlebt. Sie haben ihre Gestaltungskraft in einer Risikogesellschaft mit ihren freiheitlich kapitalistischen Spielräumen kreativ eingebracht. Die 49.Ausgabe der Leipziger Jazztage überzeugte mit einer gelungenen Mischung aus kleineren und größeren Formaten der Bands und der Räume.

Free Jazz gilt Mitte der 1970er Jahre unausgesprochen als Ausdruck für das Widerborstige, das Unangepasste, das Widerständige gegenüber einer diktatorisch repressiven Realität. Legendär die Begegnungen von einheimischen Musikern mit denen aus der westlichen Welt in der Kongresshalle am Zoo. Viel Wasser ist seitdem die Pleiße hinuntergeflossen. Die Leipziger Jazztage haben mit dem Alter nichts an Vitalität und Tatkraft verloren. Free Jazz hat sich mit seiner zeitgeistigen Verortung in Improvisation und freiem Spiel semiologisch transformiert. Der Widerspruchsgeist ist - wie der jeder Kunst - geblieben.

Die Konzerte 2022 bringen den Beweis. Kleine, intime Konzertorte – die Moritzbastei mit ihrem Katakomben-Urgestein bis zur Kiez-Location Horns Erben – und größere, revitalisierte – Stadtbad und UT Connewitz, Zeugen der architektonischen Moderne aus den 1910er Jahren – atmen Jazz we can. Brücken von den Anfängen Jazz hat’s bis zu Talkin‘ Bout My Generation 2022. Sounds, in die sich vagabundierende Seelen mit manchmal nur wenigen Auserwählten eingrooven.

Johannes Ludwig fokussiert mit Vagabounds Souls in Horns Erben programmatisch einen gemeinsamen Frischklang, kontrastiert von Isiah Collier & The Chosen Few mit ritualisierten Höllenritten in der Tradition des Spiritual im UT Connewitz in extremis: Cosmic Transition.

Ludwigs Kompositionen schwingen im intimen Rahmen mit wenig mehr als 20 Zuhörern in einem Wohlfühl-Modus mit kontrapunktischen Widerhaken. Sein Saxophonspiel animiert die Trompeterin Heidi Bayer zu temperierten, druckvollen, gleichwohl melodisch erstaunlichen Sound-Ausflügen. Die Riffs des Gitarristen Gero Schipmann, einem exzellenten Sideman mit solistischer Brillanz, variiert Lisa Wulff mit klar strukturierten Basslinien. Zurückhaltender, allerdings umso präsenter, wenn sie sich intuitiv einmischen sind Philipp Brämswig (git) und Alex Parzhuber (dr). Ludwigs klangfarblich schnörkellose Saxophon-Skizzen sind Eckpunkte symbiotischer Vagabounds Souls.

Etliche Dimensionen lautstärker hetzt im unterkühlten ehemaligen Kino Isiah Colliers Saxophon, angetrieben vom Schwerstarbeiter Michael Shekwoaga an den Drums mit religiös inspiriertem Eifer. Mit meditativ buddhistisch inspiriertem Klangschalen-Sounding, I Am in Wortschleifen rezitierend, entwickeln sich, Höllenstürzen gleich, Reizungen aller Sinne bis an Hör-Schmergrenzen. Anfangs nonchalant dezidiert der Bass von Jeremiah Hunt, forciert er zunehmend das Triospiel exzessiv. Jordan William (p), lange im stand-by-Modus verharrend, lässt mit seinem Einstieg keinen Zweifel. The Chosen Few brennen von allen Seiten. Kaskadierende Sounds stapeln sich zu dröhnend beschwörenden Noise-Collagen. Niemand möge vergessen: I Am.

Dagegen bleiben Konzerte wie das des Südtiroler Bassisten Marco Stagni weniger in Erinnerung. Seine nächtliche Spurensuche Animali Notturni & Guests verliert sich im Gestus einer beliebig auswechselbaren Fährte. So engagiert Matteo Cuzzolin (sax) und Philipp Ossanna (git) Licht ins nächtliche Dunkel zu bringen versuchen, zaghaft unterstützt von Jannicke Hagen (tp), bleiben die Eindrücke verschattet. Stagnis versteht sich offenbar als eine freundlich ausgetauschte Geste zwischen den Jazzfesten Leipzigs und dem in Südtirol.

Die Resonanz im nachfolgenden Konzert in der Moritzbastei erreicht einen Tiefstand. Kaum mehr als eine Handvoll Enthusiasten ist am Format First Date interessiert. Die Formel Drei und drei ist eins nehmen Kalle Kalima (git), Roger Kintopf (b) und Angela Requena Fuents (dr) nicht allzu ernst. Sound-Spiegelfechtereien an Beliebigkeit kaum zu übertreffen. Ähnlich dem, was Jim & The Shrimps in der Nato abliefern. Jim Blake (dr) palavert mit Tenorsaxophon (Julis Gawlik) und Altsaxophon (Asger Nissen) in aufreizender Egomanie. Felix Henkelhausen (b) sucht einen Ausweg. Allein vergebens. So what!

Überzeugender, weil ihre Sound-Angebote differenzierter, überlegter, vielleicht intellektueller, respektive harmonikaler wirken, geben Carl Christian Wittigs Aurora Oktett, das Tobias Hoffmann Trio und insbesondere das Quartett um Andreas Schaerer dem 49.Leipziger Jahrgang die besondere Note.

Carl Christian Wittig, vor dem Konzert mit dem Jazznachwuchspreis 2022 ausgezeichnet, lässt beispielhaft hörbar werden, welche Spuren der klassischen Moderne in seinen Kompositionen ihre inspirierende Kreativität hinterlassen haben. Eingebettet in die Musik des Streichquartetts mit Ada Schwengebecher (Violine), Sophia Rasche (Violine), Marie Schutrak (Viola) und Franziska Ludwig (Cello) zeichnet Wittigs Bass-Linie narrative Klangspuren. In einer ausgewogenen Balance von Melodie und Harmonie verstetigen Pascal Klewer (tp), Matti Oehl (alt-sax) dialogisch und solistisch, markiert von Tom Friedrichs enervierend pulsierendem Druming, den außergewöhnlich eigenwilligen Aurora-Oktett-Sound. Gleich ihrem Namen durchleuchtet er Morgenröteschimmer im Abenddunkel des UT Connewitz.

Das Stadtbad, 1916 als repräsentative Dreiflügelanlage erbaut, wurde bis 2004 als Bad genutzt. Inzwischen wurde es in einer baulichen Neuerweckung zu einem Ort, dessen halb-ruinöser Charme kaum besser geeignet sein könnte, vital sprudelnde Musik zu zelebrieren. Hoffmanns Slow Dance, Stehblues im Discolicht und Schaerers vokalisierte Erzählung A Novel of Anomaly – Annormal sind überzeugende Beispiele, wie es einem Jazzfestival (immer noch) gelingt, verschiedenen Klangabenteuern Raum zu geben.

Seit zehn Jahren entdeckt Hoffmanns Gitarre zusammen mit Jan Schönhofer (b) undJan Philipp (dr) in Popsongs vergangener Jahrzehnte eine Quelle, einen Jungbrunnen im Slow-Dance-Rhythmus. Nostalgisch verzaubert, werden sie zu faszinierenden Kreationen veredelt. Mit Locomotion, ultimativ zu den Blueswurzeln, Riders in the Storm und Please, don’t go, Referenzen an so unterschiedliche Heroes wie Muddy Waters und The Doors oder mit The River eine Verbeugung vor Bruce Springsteen. Das Trio refreshed die gestresste Long-Festival-Soul dankbar.

Andreas Schaerer ist ein launig aufgekratzter Vokalist in seiner eigenen Liga, der darum weiß, dass Sterne gemeinsam noch strahlender leuchten. Im Stadtbad hier, hat’s noch Wasser? - surft er mit schwyzerdütschem Understatement durch die imaginären Wasserwellen: Für jetzt mein kollektives Kraftzentrum. Angeschlossen sind Gefährten in seinem Geist. Bekannt geworden mit der Band Hildegard lernt fliegen, lernt er jetzt mit Luciano Biondini (acc), Kalle Kalima (git) und Lucas Niggli (dr) im Stadtbad das Schwimmen.

Fiore salino, italienisch poetisches Fabulieren mit Biondinis Akkordeon, mit Kalima Schwanensee auf Finnisch tanzen, Landsmann Nigglis Drum herausfordern. An Schaerers Energiezentrumangeschlossen, verwandeln sie unter der Hand das Stadtbad abschließend in eine Dance Hall. Köchelt das Wasser schon? - spitzbübisch lockt er die Zuhörer, schlägt sie mit seinem Staunen machender Stimmakrobatik in den Bann.