Album, international

Spannende Neuerscheinungen! |

Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 21

Text: Christoph Giese

Gelsenkirchen, 01.10.2022 | Um diese neuen Platten kommt man nicht herum. Warum das so ist, argumentiert Christoph Giese in seinem 21. Schnelldurchlauf.

Dai Fujikura & Jan Bang: The Bow Maker (Punkt Editions/Jazzland)

Seit 2005 findet im norwegischen Kristiansand das grenzüberschreitende Live-Remix-Festival PUNKT statt. Viele memorable Auftritte hat es seitdem dort gegeben. Nur konsequent, dass die beiden PUNKT-Masterminds Jan Bang und Erik Honoré mit Punkt Editions ein eigenes Unterlabel bei Bugge Wesseltoft´s Label Jazzland gegründet haben. Live- und Studioaufnahmen aus dem Festivalarchiv werden dort künftig veröffentlicht, aber auch neue Aufnahmen. Den Auftakt macht The Bow Maker, eine Zusammenarbeit von Sample- und Programmierspezialist Jan Bang mit dem britisch-japanischen Komponisten und Keyboarder Dai Fujikura. Mit den drei Cracks der norwegischen Jazz- und Elektronikszene Eivind Aarset, Arve Henriksen und Nils-Petter Molvær ist ein Album voller geheimnisvoller Klänge zwischen Ambient, Jazz, Experiment und Neuer Musik entstanden, die den Hörer auf abenteuerliche Klangreisen einlädt.

Bugge Wesseltoft & Henrik Schwarz: Duo II (Jazzland)

Sie kommen wieder zusammen. Norwegens Jazzpianist Bugge Wesseltoft und der deutsche DJ und Techno-Produzent Henrik Schwarz haben auf Duo II ihr Instrumentarium erweitert und Gäste wie die Berliner Sängerin Kid Be Kid, Trompeter Sebastian Studnitzky oder die Streicher vom Solistenensemble Kaleidoskop zu den Aufnahmen in der Emmauskirche in Berlin eingeladen. Herausgekommen ist ein Werk zwischen Pop, Electronica, Jazz und Kammermusik, das verschiedene Stimmungen und überraschende Sounds bereithält, wie die einer Marimba im Eröffnungsstück des Albums.

Owls: Wendolins Monocle (Intersections)

Ein interdisziplinäres Werk hat das österreichische Klaviertrio Owls mit Wendolins Monocle geschaffen. Pianist Simon Oberleitner, Bassist David Ambrosch und Schlagzeuger Konstantin Kräutler-Horváth fügen ihrem frisch und europäisch klingenden, akustischen Jazz nicht nur durch Sound- und Effekt-Processing sowie gesampelten Sounds aus der Natur weitere Klänge hinzu, sie erweitern die Stücke auch noch durch Textrezitationen, ein Kornett eine gedämpft gespielte Trompete. So entstehen weitgefasste cineastische Momente.

Yosef Gutman Levitt: Upside Down Mountain (Eigenvertrieb)

Eine akustische Bassgitarre als Leadstimme, im Trio von Yosef Gutman Levitt funktioniert das wunderbar. Zusammen mit dem Pianisten Omri Mor und dem Schlagzeuger Ofri Nehemya spielt der in Südafrika geborene und in Jerusalem lebende Bassist einen lyrischen, melodieverliebten Jazz. Mit herrlich singenden Basslinien und einem feinen interaktiven Agieren aller drei Musiker. Zwischenzeitlich stieg Gutman komplett aus dem Musikgeschäft aus. Schön dass er seit ein paar Jahren wieder zurück ist.

Hilde Louise Asbjørnsen: Movies & Stories Like This (Sweet Morning Music)

Stimme und Klavier, mehr braucht es auf Movies & Stories Like This nicht um über all die Geheimnisse der Liebe in Tönen und poetischen Worten zu fabulieren. Genau das machen Hilde Louise Asbjørnsen und Anders Aarum auf diesem intimen Duo-Album neun eigene Stücke lang. Die norwegische Jazzsängerin und Songschreiberin und ihr Landsmann am Piano schwelgen dabei entspannt in Stimmungen, die stilistisch von Walzer bis Bolero, Tango oder Jazzballade reichen.

Hornung Trio: Strukturen (Traumton)

Spannende Unregelmäßigten, nicht die typischen Abläufe eines Klaviertrios, kantige Strukturen in den Songs, Einflüsse von Spätromantik bis zur klassischen Moderne, ein Spannungsverhältnis von Schmerz und Euphorie, der Wechsel zwischen notierten und improvisierten Momenten – das Hornung Trio klingt so erfrischend anders als viele andere Dreiergespanne in dieser Besetzung. Pianist Ludwig Hornung, Bassist Phil Donkin und Schlagzeuger Bernd Oezsevim musizieren hier klangfarbenreich, rhythmisch verwegen und immer abenteuerlustig und voller Neugier. Das fesselt in jeder Minute beim Zuhören.

Kateryna Ostrovska: Blondzhendike Lider (DaCasa Records)

Für dieses Albumprojekt hat sie ihr Pseudonym Rosa Morena Russa, unter dem sie sonst veröffentlicht, abgelegt. Die im Süden Russlands in eine jüdische Musikerfamilie geborene, in Russland und der Ukraine aufgewachsene und mit 17 Jahren nach Deutschland gekommene Sängerin Kateryna Ostrovska hat mit Blondzhendike Lider (die wandernden Lieder) ein modernes jüdisches Musikalbum aufgenommen. Mit Gedichtvertonungen, die weltumspannend klingen, von Klezmer bis nach Buenos Aires oder dem Zuckerhut reichen, mit feinen Streicherarrangements ebenso verwöhnen wie mit quirligen südamerikanischen Rhythmen. Berührend schön.

Peter Proschka: Organic Universe (Double Moon)

Piotr Schmidt: Komeda Unknown 1967 (o-tone music)

Zum Abschluss dieses Schnelldurchlaufs hier noch hörenswerte neue Alben zweier Trompeter. Der eine, der Kölner Pustefix Peter Proschka, setzt auf Organic Universe auf ein Quartett mit einem zweiten Bläser, Schlagzeug und Orgel (ganz stark: Clemens Orth). Auf den bis auf eine Ausnahme ausschließlich bandeigenen Kompositionen reiten Proschka und seine Mitstreiter aber nicht auf dem Klischee der stets groovenden 60s-Orgeljazz-Combo herum, auch wenn der Vierer herrlich zu grooven versteht. Aber hier gibt es mehr zu hören, melodisch starken, zeitgenössischen Jazz in vielen Facetten. Der polnische Trompeter Piotr Schmidt interpretiert auf Komeda Unknown 1967 zusammen mit einem hochkarätigen, internationalen Ensemble kürzlich in der Nationalbibliothek in Warschau gefundene, bislang unbekannte Kompositionen des Projektes My Sweet European Homeland des berühmten, leider viel zu früh verstorbenen polnischen Pianisten und Komponisten Krzysztof Komeda. Gefühl- aber auch kraftvolle, poetische, ideenreiche Musik im Geiste von Komeda.