CD Rezension

Michael Wollny Christian Brückner |

Heinrich Heine: Traumbilder

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: (c) Gregor Hohenberg

München, 19.11.2021 | Schon viele haben Texte von Heinrich Heine vertont oder rezitiert. Michael Wollny und Christian Brückner tun beides. Warum Heine? „Seinen Worten liegt Musik inne“ erfährt man im Booklet.

Aber ach,
jeder Zoll, den die Menschheit weiterrückt,
kostet Ströme Blutes.
Und ist das nicht etwas zu teuer?
Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebenso viel wert
wie das des ganzen Geschlechtes?
Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt,
die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt.
Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.

Mr. Heines Blues (Aber ach! Jeder Zoll) (aus: Reisebilder II, Italien 1, Kap. 30)

Dieser Text ist leider nach wie vor aktuell. Man denke nur an die Flüchtlinge in Belarus vor der polnischen Grenze.
Christian Brückner spricht sehr ernst, vorher spielt Wollny ein längeres Intro. Seine Musik kommt mir bekannt vor, doch ein Blues ist das sicher nicht. Fachkundige Freunde sagten mir, dass Wollny hier Elemente des Klavierrepertoires im 19. Jahrhunderts verwendet, die wir von Schumann und Chopin kennen. In der Form des Kunstliedes wurden damals schon Poesie und Musik verbunden. Und Weltschmerz war ja auch in der Romantik angesagt, da passt der Titel ‚Blues‘ schon ganz gut.

  • 24 Texte – 24 Improvisationen

24 Stücke sind es, fast alle zwischen 1 und 3 Minuten kurz. Schon die Auswahl der Texte ist interessant, es handelt sich um Gedichte, aber auch um Prosatexte, vor allem aus dem 'Buch der Lieder', aus den 'Neuen Gedichten' und den 'Reisebildern'.
Nach welchen Kriterien aus dem riesigen Werk ausgewählt wurde, bleibt unklar. Viele Themen sind angesprochen: Liebe und Frauen, Deutschland und Religion. Will man ein Stück Zeitgeschichte darstellen, vielleicht mit indirekten Bezügen zur Gegenwart? Wahrscheinlich von jedem ein bisschen, es bleibt eine Art Kaleidoskop, das wohl Heine insgesamt gerecht wird.

  • Michael Wollny und Christian Brückner

Wollny braucht man nicht mehr vorzustellen. Brückner ist als Synchronsprecher bekannt, nur wer kennt die schon? Die beiden kennen sich jedenfalls schon lange und sind oft zusammen aufgetreten. Bei der Aufnahme solle es nicht mehr als 2 Takes pro Stück gegeben haben. Wollny improvisiert durchgängig, hat aber sicher ein Riesenrepertoire klassischer Stücke im Hinterkopf, das in seine Musik einfließt. Selten beziehen sich seine Improvisationen auf einzelne konkrete Textpassagen. Meist geben sie eine Grundstimmung wieder, die den vorgetragenen Texten entspricht.

  • .. 3 aus 24 ..

- Das wohl bekannteste Gedicht, die Loreley aus ‚Die Heimkehr‘, war bei Männerchören schon immer sehr beliebt. Der Monatanara Chor z. B. befeuert damit schon seit 50 Jahren die Rhein-Romantik. Ganz anders natürlich bei unserem Album, hier spricht Brückner die erste Strophe, Wollny setzt erst dann mit der altbekannten Melodie von Friedrich Silcher ein. Da mag man sich vielleicht wundern, doch schon bald werden die Harmonien gebrochen. Das erinnert an die ‚romantische Ironie‘ in Heines frühen Gedichten, in denen er am Ende die vorher beschriebene Idylle zerstörte. Zeitweise sprechen/spielen die beiden im Wechsel. Das Ende dieses Stücks schließt aber wieder harmonisch mit dem Grundton.

- "Die Stadt Göttingen berühmt durch ihre Würste...“ klingt dagegen ganz anders. Heine hatte in dieser Stadt nur schlechte Erfahrungen gemacht, deshalb gefällt sie „am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht“. Das spürt man sofort, denn dieser Text aus der ‚Harzreise‘ wird sehr temperamentvoll gesprochen und gespielt, den Zorn Heines kann man immer noch heraushören.
- Ein Jüngling liebt ein Mädchen ist eines der bekanntesten Gedichte. Der Text wird recht nüchtern vorgetragen, Wollny begleitet sehr rhythnmisch und bringt erst am Ende in einem kleinen Solo ein wenig Melancholie ins Spiel. Es ist interessant, sich Versionen anderer Künstler anzuhören. Dazu habe ich am Ende dieses Artikels 3 Versionen verlinkt.

  • Jazz und Lyrik

Schon viele haben Heine vertont, Katja Epstein ist das 1980 gut gelungen mit ihrer Heine-LP. Aber auch ‚Jazz und Lyrik‘ hat Tradition. Anfang der 1960er hatten Autoren der US-Beat-Generation wie Jack Kerouac damit eine Welle ausgelöst. Im SWR gab es dann eine Reihe „Lyrik & Jazz“. Siggi Loch, Produzent des ACT-Labels, klopft sich im booklet dafür noch nachträglich auf die Schulter, dass er 1964 die gleichnamige Aufnahmeserie gestartet hatte. In diesem Zusammenhang hatten Gert Westphal und das Attila-Zoller-Quartett, zu dem auch Emil Mangelsdorff und Peter Trunk gehörten, das Album Heinrich Heine Lyrik Und Jazz (s. Foto rechts) aufgenommen. Den Titel Mr. Heines Blues gab es auch schon damals, nur mit anderer Musik. Im Heine-Jahr 2006 wurde das Album neu herausgebracht. In dieser Tradition muss man die neue CD verstehen.

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.

Diese Zeilen aus dem Gedicht ‚Sie erlischt‘, das am Ende des Albums steht, verlangen ein Feedback. Ja doch, es hat mir gefallen, allerdings sollte man nicht unbedingt alle Stücke nacheinander hören, sondern einzelne für sich wirken lassen.

Christian Brückner & Michael Wollny, Heinrich Heine: Traumbilder
Label: ACT, 2021
Bestellnummer CD: 10699386
Erscheinungstermin: 29.10.2021

3 Interpretationen von·'Ein Jüngling liebt ein Mädchen':

Michael Wollny und Christian Brückner:

Gert Westphal und das Attila-Zoller-Quartett

Die Erzieherin Julia Fölster spricht zwar ohne Musik, setzt aber viel Mimik und Blickkontakte ein: