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Aus der Traum! |

Stefan Bauers New York Cronicle Vol.3

Text: Stefan Pieper und Stefan Bauer

New York, 13.01.2021 | Stefan Bauer konnte im Dezember nicht zu seinen beliebten Gigs in Reckinghausen und Essen kommen, da Reisen nicht geht in diesen Tagen. Also ging er wieder mit der Handykamera auf Streifzug, fängt die gedämpften Impressionen der Weltmetropole im Winterlockdown ein. Auch das Vibrafonstück, das er als Soundtrack dazu komponierte, strahlt eine kontemplative Ruhe aus – die so ganz im Gegensatz zu einer immer mehr aus den Fugen geratenen Wirklichkeit steht. Also musste der jazzreport, der auf einem langen Telefonat beruhte kurzfristig nochmal umgeschrieben werden.

Video unter:

https://www.youtube.com/watch?v=dsm5Fsnhc5k&feature=share&fbclid=IwAR17QmLhMRnJ3VDUk16C0n4weU3rta6VMeLQ-9FMrSvOhrBOc7074zhsYqo

Letzte Woche haben Anhänge von Trump in Washington das Capitol gestürmt. So etwas war noch nie da. Wie ist Deine Stimmung jetzt?

Alles ist nochmal anders. Der Mob dringt ins Capitol ein, es gibt Tote. Ich weiß gar nicht mehr, was ich zu all den Geschehnissen sagen soll - ausser, dass es bestaetigt, was ich seit langem auf uns zukommen sah. Ich bin also weder 'geschockt' noch deprimiert, es IST einfach. Diesen Vorfall sehe ich auch wieder eher - wie die Person dieses laecherlichen orangenen Sackes selber - als Symptom fuer eine (sehr grosse) Facette dieses Landes! Wenn man die Szenen, wie diese Leute beinahe ungehindert ins Weisse Haus eindringen, vergleicht mit den militarisierten Polizisten, die ploetzlich auf friedliche Demonstranten in Washington einhacken, um dem Trumpeltier den Weg freizumachen für seine Bibelshow (Bibel falschrum) vor einer Kirche, die das weder wusste noch gut hieß - dann weiss man, auf welch rassistischen Füßen dieses ganze System ruht! Auch die 'Confederate Flags', DAS Symbol der Südstaaten während des Bürgerkriegs und noch jetzt ein Zeichen für den Umstand, dass "der Bürgerkrieg nie aufgehört hat", wie unser 94-Jahre alte Freund Seymour schon vor Jahren gesagt hatte, wurde ja bei diesem Überfall vor zwei Tagen heftig geschwungen – vergleichbar mit einem Ueberfall auf’s Rechstagsgebaeude mit Swastika-Flaggen.

Ja - die Leute scheinen vielfach tatsächlich vom minderen Wert schwarzen und braunen Lebens überzeugt zu sein (irgendwie eine ähnliche Machart wie der Deutschen 'Rassenlehre') und regelrecht Angst davor zu haben, von ihrer jahrhundertealten vermeintlichen 'hoeheren Position' – die vielzitierte ‘White Supremacy” - verdrängt zu werden, mittlerweile glaube ich das (was ich bisher nicht konnte, weil es mir zu absurd erschien.). Ich werde auch mit vielem konfrontiert, weil meine Frau Aethiopiering ist und unsere Kinder folglich Afro-Amerikaner (mit wachen Sinnen). Ich komme allmählich zu dem Schluss, dass die langen Schatten der Schuld der USA seit ihrer Gründung und die offenbare Unfähigkeit, das auch nur annähernd einzugestehen (obschon sich diesbezüglich im letzten Jahr in weiten Kreisen der Bevölkerung etwas bewegt!), dieses Land erst noch viel mehr abrutschen lassen werden, und dass dem Erklären dieser Phaenomene mit gesundem Menschenverstand oder gar Logik nicht mehr beizukommen ist. (Hannah Arend's Begiff von der "Banalitaet des Uebels oder des Boesen" faellt mir ein - nicht, dass das Buch ueber/um Eichmann gelesen hätte, das wird wohl Zeit).

Wie war Deine Stimmung unmittelbar nach der Wahl?

Nach dem Wahlsieg von Biden habe ich wirklich ein paar Tränchen verdrückt. Biden war zwar nicht mein Wunschkandidat für einen demokratischen Präsidenten, eben weil ich nicht davon ausgehe, dass jetzt auf einmal alles ganz toll wird. Aber ich habe gemerkt, wie unglaublich stressig dieses ganze Trump-Gedröhne war. Vor allem dieses beklemmende Gefühl, in einem unausweichlichen Prozess gefangen zu sein, der immer mehr auf den Abgrund zusteuerte. Ich hatte mich vor der Wahl selber relativ viel als Voluntaer betätigt, war auf Demonstrationen und habe bei den Auszählungen der Briefwahl auch als Kontrolleur mitgemacht. Allerdings haben die 75 Millionen Wähler für diesen Möchtegern Diktator jede Initiative in mir erstickt, Resignation setzte ein. Mehrere junge Leute aus dem Dunstkreis meiner Kinder hatten sich sogar geweigert zu wählen, weil sie sich mit dem Rest der USA überhaupt nicht mehr identifzieren können.

Ich habe erst mal als persönliches Resumé ein Stück geschrieben. Es heißt „Aus der Traum“ und ist die Musik für mein letztes Video, das ich kurz vor Weihnachten produziert habe - in einer Stimmung zwischen melancholisch und resigniert, aber nicht hoffnungslos – das kann man sich als Vater nicht erlauben.

Welcher Traum ist aus?

Vielleicht mein persoenlicher, der, dass ich in einer vielrassigen, toleranten Gesellschaft lebe die sich auch aus dem kulturellen Erbe seiner Zuwanderer naehrt. Jeder, der mal in New York war, kennt die Faszination darueber, Leute verschiedenster Herkuenfte, Religionen, Kulturen vielfarbig im relativ muehelosen Umgang miteinander zu sehen. Das schlaegt die Praxis die Theorie . . . was uebrigens ein Spruch ist, den Kanada ueber sich selber benutzt:”Kanada funktioniert nicht in der Theorie, nur in der Praxis.” Toronto ist angeblich die multikulturellste Stadt der Welt - soweit haben die Kanadier Integration und einen egalitaeren Ansatz besser hingekriegt. Obschon auch das widerum in Frage gestellt wird wenn man sich die Lebensbedingungen der ‘Natives’ in den Reservaten genauer anschaut. Zurueck zu den USA: der Traum des relativ friedlichen Miteinanders ist fuer mich gestorben – wenngleich dies sicher in anderen US Staaten viel fuehlbarer ist als in der Stadt NY. Im Staate NY sieht es aber schon ganz anders aus, man sieht haufenweise Trumpzeichen in laendlichen Gegenden. Wie gesagt: dieser ‘Traum’ einer mehr oder weniger stabilen Demokratie – wennauch seit seiner Gruendung immer wieder von blutigstem Wahlunterdrueckungsterror geschuettelt, ich lerne nach und nach, wie sehr die derzeitigen Ereignisse teil blutiger US Geschichte sind, und immer wieder gegen die schwarze und braune Bevoelkerung – war wohl naiv, aber noch mehr auf Seiten meiner Mitbuerger als auf nur meiner. Es gab ja gute Phasen, hatte sich z.B. durchaus viel Gutes aus der Depression heraus entwickelt, auch in Bezug auf social security, Gesundheitsversorgung im Alter etc. Aber heute wird mit akribischem Eifer ständig versucht, den Leuten alles wieder wegzunehmen. Da die meisten (wie auch wir durch meine Frau) über ihren Job versichert sind, verlieren z.Zt. die Leute mit ihrem Job auch die Gesundheitsversorgung. Viele konnten ihre Miete nicht bezahlen in den letzten Monaten, konnten aber wegen der Pandemie nicht auf die Straße gesetzt werden. Dieser Aufschub kommt jetzt zu einem Ende, viele Menschen werden in Kürze ihre Wohnungen verlassen müssen, nicht selten ohne Ersatz. Die Schlangen vor den Essensausgaben wachsen, angeblich kriegen bis zu zwei Millionen Menschen in New York täglich nicht genug zu essen. Dazu die politischen Verhältnisse, die in verschleppten Transferzahlungen für New York resultieren, weil Trump sich hier ungeliebt fuehlt (zu recht). Das wirkt sich auf alles, so auch auf Krankenhaeuser, - versorgung, Ausruestung fuer Krankenpfleger*innen etc aus. Die Situation hier ist krank, im wahrsten Sinne des Wortes, und mitunter denke ich, jenseits von Heilmöglichkeiten, zumindest noch während meiner Lebenszeit.

Video unter:

https://www.youtube.com/watch?v=dsm5Fsnhc5k&feature=share&fbclid=IwAR17QmLhMRnJ3VDUk16C0n4weU3rta6VMeLQ-9FMrSvOhrBOc7074zhsYqo