CD-Besprechung

Bright Light |

Nils Wograms Highlight auf der Solo-Posaune

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Zürich, 02.01.2021 | Albert Mangelsdorff und Conny Bauer fallen einem unmittelbar als Referenz ein, wenn man an die Solo-Posaune denkt, mit seinem Album Bright Lights legt der Posaunist Nils Wogram ein weiteres Beispiel der nicht ganz gewöhnlichen Solo-Besetzung vor. Und ihm gelingt damit nicht nur eine Verbeugung vor seinem Vorbild Mangelsdorff, sondern Nils Wogram erweist sich mit seinem Solo als herausragender Vertreter seines Instruments und des zeitgenössischen Jazz.

In gut 34 Minuten zünden die acht Album-Titel ein wahres Feuerwerk der posaunistischen Solo-Kunst. Den Rahmen bilden die Stücke Lullaby Part I und II – ersteres mit wunderschöner Singstimme vorgetragen, stellenweise erinnernd an den Friedrich Hollaender-Klassiker Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, das letzte mit einem tangoesken Calypso.

Überhaupt meint man bei den kantablen Linien der Stücke häufig Zitatansätze zu erkennen, Wograms Spiel ist tief in der Tradition des Jazz und seiner Ursprünge verwurzelt. In dem Solo-Album speist der Posaunist die melodischen und stilistischen Ideen ein in eine klare und elegante Narration, der man gerne zuhört. Und Nils Wogram hat etwas zu erzählen!

Auf die Wiegenlied-Einführung folgt mit Levity ein energetisch mitreißendes Stück, bei dem Wogram seinem einstimmigen Instrument durch Multiphonics-Technik und ein per Stimme imitiertes Drumset bei traumwandlerisch sicherer Tonbildung Mehrstimmigkeit und Mehrdimensionalität entlockt. Dies gilt auch für das obertonreiche A Humbled Man mit einem insgesamt experimentelleren Ansatz. Hello Again kommt mit einem optimistisch-auffordernden swingend-singenden Gestus mit bluesigen Anklängen daher, Trip To Staten Island lässt in einem warmen Posaunen-Ton die entspannte Überfahrt zur bekannten Insel assoziieren. Jammin ist mit seiner vielstimmigen und groovigen Farbe und einem Obertongesang-Einschub ein schönes Beispiel für einen gewissen Werkstatt- und Session-Charakter des Wogramschen Solo-Spiels. Der Titel The Beauty Of Odds behauptet ein ästhetisches Versprechen, das Wogram mit einem Wechsel von hoher und tiefer Stimme, mit einer Vorsänger-Einzelstimme und quasi chorischer Entsprechung raffiniert einlöst. Der stampfende Rhythmus einer angedeuteten marching band wird schneller, gegen Ende findet die vielstimmige Posaune wieder zum ruhigen Zwiegespräch zurück.

Überhaupt besteht die große Kunst Wograms darin, ein monophones Instrument für ein Zwiegespräch, für einen mehrstimmigen Monolog mit sich selbst zu entwickeln und im Format des unbegleiteten Solo-Spiels Formen der Begleitung zu suggerieren. Wie der Ausnahme-Posaunist in Bright Lights diese scheinbaren Paradoxien auflöst, mit welcher Eleganz und scheinbar selbstverständlicher Leichtigkeit in der Phrasierung und der Tonbildung fernab von bloßer Effekthascherei ihm dies gelingt, zeugt von wahrhaft solistischer Blaskunst. Bright Light ist in diesem Sinne wirklich ein Highlight.

Nils Wogram Solo, Bright Lights. Nwog records 2020