CD Rezension

Michael Mantler |

Coda – Orchestra Suite

Text: Peter E. Rytz

Mülheim a.d.R., 10.09.2021 | Mantlers kreatives Re-Processing

Die Bezeichnung Coda in der Musik verweist auf ausklingende, episodische Phrasierungen. Charakterzüge eines Werkes werden noch einmal aufgegriffen und in anderer Notation zusammengefügt.

Coda, so heißt die neue CD von Michael Mantler. Die einzelnen Titel deklinieren in dem genannten Sinn seine Kompositionen der letzten 50 Jahre noch einmal neu. Man könnte es auch als Neuinterpretation einer musikalischen Haltung zum eigenen Werk bezeichnen. In großen Teilen ein schon in sich abgeschlossenes. No. I think I‘ve said what I have to say, antwortet Mantler, im Beiheft nachzulesen, auf eine entsprechende Frage.

Die ersten Takte von TwoThirteen Suite öffnet weit Türen in diesen universalen Kosmos. Wer zuvor die LP Something there, die Mantler 1983 mit The London Symphony Orchestra sowie mit Solisten wie Carla Bley oder Steve Swallow, die bis heute Weggefährten geblieben sind, aufgelegt hat, kann sich davon unmittelbar überzeugen lassen.

Mit Re-Processing, Re-Using älteren Materials aus verschiedenen Perioden von Mantlers Schaffen lotet er mit seinem typischen Trompetenklang neue Kontexte ausgewählter Werke aus. Neu arrangierte Instrumentalsätze führen zu diesen eindrucksvollen Orchestra Suites. Christoph Cech dirigiert ein Kammerorchester, das in klassischer Besetzung (Flöte, Oboe, Klarinette, Waldhorn, Tuba, Vibraphon und Streichergruppe) mit exzellenten Jazz-Solisten zu einem Mantler-Jungbrunnen-Sound zusammenführt.

Dass selbst Kompositionen, die sich auf Texte von Literaten wie Giuseppe Ungaretti (Cerco Suite) und Paul Auster (Hide Seek Suite) beziehen, ohne Worte auskommen, sie nicht wirklich vermissen lassen, sich allein auf musiksprachliche Ausdrucksformen verlassen können, spricht für ihr kreatives Potential.

Wenn, wie in Alien Suite der Gitarrist Bjarne Roupé im Dialog mit dem Orchester collagenartig referiert, der Flötist Leo Eibensteiner kommentiert, Mantlers Trompete den Sound überstrahlt und David Helbocks Klavierspiel die schwebende Spannung aufnimmt, ist beispielhaft ein genuines Update zu hören.

Nicht nostalgisch schwärmen, sondern sich immer wieder neu erfinden. Coda. Orchestra Suites weist, so verstanden, weit über Mantlers Selbstverständnis als Komponist und Musiker auf eine Lebenshaltung hinaus, über die sich überhaupt, auch außerhalb des Musikkontextes, nachzudenken lohnt.

07.09.2021

Tracklist

1

TwoThirteen Suite (Michael Mantler)

11:41

2

Folly Suite (Michael Mantler)

09:53

3

Alien Suite (Michael Mantler)

12:37

4

Cerco Suite (Michael Mantler)

10:53

5

HideSeek Suite (Michael Mantler)