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Finnischer Jazz im Fokus |

We Jazz 2021

Text: Christoph Giese | Fotos: We Jazz

Helsinki, 10.12.2021 | Die achte Ausgabe des We Jazz-Festivals in Helsinki bot wieder eine bunte Palette an aktuellem Jazz mit einem starken Fokus auf die lebendige finnische Jazzszene. Ungewöhnliche Spielorte und Künstler zum Entdecken, und das alles in einer Stadt, die es schon ohne Musik Wert ist zu besichtigen, waren die Zutaten eines gelungenen Festivals.

Cool ist dieser Laden. Nicht so groß, aber jetzt auch nicht superklein. Erst muss man eine Treppe rauf, dann steht man mitten in der gemütlichen Bar. Links ist die Bühne und davor, abgetrennt von der Bar mit einer Wand, Platz für die, die wirklich das Konzert hören möchten, das bereits läuft. Es spielt das Ilmiliekki Quartet, ein illustrer Vierer, besetzt mit einigen der spannenden Namen einer jungen finnischen Jazzszene. Trompete etwa spielt Verneri Pohjola, und er spielt sie an diesem Abend immer ein wenig verhangen, mit melancholischem Unterton. Wie überhaupt der Sound dieser Band sich nur manchmal ein wenig erhebt und den Weg in die Helligkeit und Forschheit sucht. Den Bass bedient Antti Lötjönen, ebenfalls ein viel beschäftigter Akteur in der Woche des We Jazz-Festivals. Denn er sorgt in mehreren Bands für den Rhythmus, stellt einen Abend später sogar seine eigene Band vor, das Antti Lötjönen Quintet East. Eine Combo mit gleich drei Bläsern, zu denen gehört neben den beiden Saxofonisten Jonas Kullhammar und Jussi Kannaste natürlich auch Trompeter Verneri Pohjola. Dieses Quintett setzt sehr auf freie improvisatorische Kommunikationen untereinander, die auf Konzertdauer aber auch ein wenig ermüden können.

Um zu dem Spielort von Lötjönens Band und den anderen Acts des Abends zu kommen, muss man sich schon ein wenig in Helsinki auskennen. Die Spielorte von We Jazz liegen sowieso über die ganze Stadt verteilt; an jedem Abend geht es irgendwo anders hin. Das ist schon seit 2013, dem Jahr der ersten Festivalausgabe, Teil des Konzeptes. Die junge Saxofonistin Linda Fredriksson etwa präsentiert das Debütalbum Juniper (übrigens auf We Jazz Records)in einer Kunstgalerie im zweiten Stock eines Geschäftes mitten in der Einkaufsstraße im Zentrum Helsinkis. Bei den Auftritten in einer eher schmucklosen Halle namens Mittarikorjaamo muss man sich jedes Mal die Schuhe ausziehen. Warum weiß eigentlich niemand von den Besuchern. Und so mancher macht es auch nicht sehr gerne, rieselt draußen doch schon ein wenig Schnee. Da freut man sich doch, wenn die Füße warm sind und warm bleiben. Immerhin wärmen die Klänge des sehr melodischem zeitlos schönen Jazz des Quartetts der finnischen Pianistin Riitta Paakki, bei dem, man ahnt es vielleicht schon, wiederum Antti Lötjönen den Bass bedient.

Auch in einem Funk- und Technoclub, ein Stück weit entfernt vom Stadtzentrum Helsinkis, lassen Festivalmacher Matti Nives und seine engagierte Crew in diesem Jahr den Jazz erklingen. Zwei Hallen hat das Gebäude und man kann schön von der einen zur anderen wandern, wenn mal etwas nicht so gefällt. Beim Joona Toivanen Trio aber lohnt sich das Verweilen, denn der Pianist und seine beiden Mitstreiter an Bass und Schlagzeug kreieren aus einnehmenden Melodien und Momenten eine vielfarbige Klangpalette, die sie zwischendurch mit Soundbearbeitungen auf spannende Weise immer wieder erweitern und kolorieren. Das neue, brillante Album des Trios, Both Only, erscheint im Februar auf We Jazz Records. Das elektro-akustische Quartet Y-Otis des in Berlin lebenden, schwedischen Saxofonisten Otis Sandsjö dagegen bietet anschließend genau die Musik, die es zu schon mitternächtlicher Stunde braucht. Laute, moderne, immer wieder mal leicht modifizierte Klänge, mit hiphoppigen Grooves und frei flirrenden Saxofonlinien, perfekt zum Kopfnicken und Mitschwingen. Club-Jazz, der völlig zu Recht für viel Begeisterung beim Publikum sorgt.

Aber nicht nur Musik, mit einem erfreulich starken Fokus auf die heimische, die spannende finnische Jazzszene, war im reichhaltigen Festivalprogramm zu finden. In einer Talkrunde sprach etwa die künstlerische Leiterin des Jazzfestes Berlin, Nadin Deventer, über mutiges Programmieren. Und der amerikanische Schriftsteller Ashley Kahn beleuchtete John Coltranes Meisterwerk „A Love Supreme“ sehr detailreich und lieferte dabei faszinierende Einblicke in die Entstehung dieses Jahrhundertalbums der unvergesslichen Jazzlegende.

We Jazz Festival

Seit seinen Anfängen im Jahr 2009 hat sich das Helsinkier Kollektiv „We jazz“ von einer Clubnacht zu einem Label, zu einer Reihe von Live-Events und schließlich einem großen Festival entwickelt, das in zahlreichen Venues der finnischen Hauptstadt stattfindet.

Festival-Website

https://wejazz.fi/2020/en/