Sebastian Gramss „States of Play“ |

Premiere vor laufenden Kameras in Krefeld

Text: Stefan Pieper | Fotos: Florian Funke

Krefeld, 07.11.2020 | Gerade wollte Sebastian Gramss mit seinem neuen „States-of Play“- Projekt groß auf Tour gehen, dann kam der Lockdown. Der Jazzklub Krefeld initiierte spontan ein Streaming-Event in der Kulturfabrik ...

„Es ist schon komisch, vor einem leeren Haus zu spielen. Uns hat die Lockdown-Phase voll erwischt, denn wir wollten gerade auf Tour gehen. Aber dann haben wir uns sehr gefreut. Zehn Minuten, nachdem Angela Merkel die neuen Maßnahmen verkündet hatte, rief Christoph Kuntze vom Jazzklub Krefeld an und versicherte, dass wir dieses Konzert auf jeden Fall machen können! Das war ein sehr wichtiges, gutes Signal“ sagt Sebastian Gramss in einer kleinen Ansprache, bevor er die Band vorstellt.

Aber dann folgen erst mal fünf Minuten Schweigen auf der Bühne, um zu zeigen, wie still es jetzt ohne Kultur sein wird. Still war es im Zuschauerraum mangels anwesendem Publikum ohnehin schon. Aber es war gut und richtig so, um hier – maßgeblich auf Initiative von Christoph Kuntze und Rolf Sackers - so viel Kostbares zu retten, woran Sebastian Gramss und seine Band mehrere Wochen lang pausenlos geprobt und gefeilt hatten.

Dem Kölner Bassisten und Komponisten geht es nach eigenem Bekunden darum, in die „Eingeweide der Musik“ vorzudringen und dabei kühne kompositorische Entwürfe mit improvisatorischer Freiheit zu vereinen. Die aktuelle Besetzung von „States of Play“ erforscht an diesem Abend in Krefeld die Tiefengründe von Musik und Klängen. Das wirkt durchaus introvertiert in den ersten Phasen, ist aber dramaturgisch-plausibel: Geht es doch darum, in den komplexen Partituren Nuancen, Feinstrukturen und Querverbindungen auszuforschen – und von da aus improvisatorisch immer freier zu werden. Genug ausgeprägte Charaktere sind allemal versammelt, um solchen Herausforderungen gerecht zu werden: Neu ist etwa Nicola Hein als feinsinniger Forschergeist auf der elektrischen Gitarre, ebenso Shannon Barnett als furios aufspielende Posaunistin sowie ein seelenvoll intonierender Haydn Chisholm auf dem Altsax und dem argentinischen Trompeter Valentin Garvie. Im Zentrum der erweiterten Rhythmusgruppe agiert nach wie vor – reaktionsschnell und feinsinnig, wie wir ihn kennen - der Schweizer Schlagzeuger Dominik Mahnig, während Philip Zoubek auf Flügel und Synthesizer auf raffinierten Gratwanderungen zwischen elektronischer und akustischer Seitenkunst gut ist.Eigentlich war noch die Japanerin Miyama McQueen vorgesehen, deren Spiel auf einer mikrotonalen Koto die Klangforschungen in diesem Projekt noch weiter bereichert hätte. Leider musste sie absagen angesichts neuer strenger Quarantäne-Reglungen bei einer Rückkehr nach Japan.

Ein Live-Konzert ist immer ein Entwicklungsprozess, der auf äußere, gerade vorherrschende Gegebenheiten „reagiert“ - darin liegt ja auch der Reiz. Lag die anfängliche Gedämpftheit an der surrealen Atmosphäre, die ein fast menschenleerer Konzertsaal mit sich bringt? Gemeinsam Musik machen birgt die Chance, sich zu befreien. Diese Band weiß hier, was sie will - nämlich nach vorne gehen und auch mal mit griffigen Botschaften mitreißen. In diesem Sinne kommt die aktuelle States-of-Play-Besetzung gut in Fahrt. Ausgelassen vorwärtstreibende Parts swingen, grooven und rocken schließlich auch mal richtig. Aus abstrakten Klangforschungen gehen starke Melodien hervor emotionale Wärme wird frei. Irgendwann zeigen die Kameras dann auch lächelnde Gesichter. „Vielen Dank fürs Zuhause bleiben!“ rief Gramss schließlich seiner imaginären Zuhörerschaft an den Endgeräten zu.

Als gute Alternative zu den vielen geplatzten Tournee-Gigs führt der Weg für Sebastians Gramss „States of Play“ nun in ein gutes Aufnahmestudio, um mit ebenso viel Herzblut und Muße eine neue CD zu produzieren. Dringend schon mal auf die Wunschliste setzen!

https://www.youtube.com/watch?v=glD5w1-mBdM

Der Konzertmitschnitt ist noch bis Ende des Jahres in voller Länge abrufbar!