CD-Besprechung

Vokalistin Hanna Schörken |

Solo und in einer suggestiven Soundscape mit Rieko Okuda

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 21.10.2020 | Gleich zwei Alben von Hanna Schörken sind gerade erschienen - und lassen aufhorchen. In der bei Umland Records veröffentlichen CD PINK CITRONS spielt die in NRW beheimatete Sängerin an der Schnittstelle von improvisierter und elektronischer Musik und Jazz seit 2017 mit der japanischen Pianistin Rieko Okuda zusammen, ihre gemeinsame CD bringt zehn Tracks zusammen, die sie in diesem Corona-Jahr im Mai eingespielt haben. Opener late april beginnt verhalten, Stimme und Pianoläufe tasten sich vorsichtig vor, um in ein wechselnd dynamisches und meditatives Zwiegespräch überzugehen, was schließlich in einen temperamentvollen Höhepunkt mündet.

In she knows legt Hanna Schörken über stimmähnliche brodelnde Synthi-Sounds eine klare „menschliche“ Singstimme mit betörender Wirkung. Überhaupt zeigt sich im Zusammenspiel der beiden Musikerinnen ein ausgesprochen feines Gefühl für die lautlichen Entsprechungen, wenn etwa gedämpfte Saiten im Diskant angeschlagen werden, im Bass das Piano als Perkussionsinstrument eingesetzt wird und die Vokalistin darüber klageliedähnliche Improvisationen legt (next). Oder wenn in dem mit über neun Minuten längsten Stück der CD new emptiness u a mouth-flash aus einem lautlichen Schwebezustand sich eine konzentriert-dichte Dynamik entwickelt aus schnellen Läufen und minimalistischen Pattern im Diskant des Klaviers und die Stimme sich mit kräfitgen Akzenten dagegen behauptet. Die Duo-Besetzung erweist sich als ideal im Entwickeln einer suggestiven Soundscape. Hanna Schörken als wandlungsfähige Vokalimprovisatorin findet in Rieko Okuda eine kongeniale Pianistin, die virtuos und raffiniert die klanglichen Möglichkeiten des Flügels nutzt, um gemeinsam in allen Stücken der CD eine facettenreiche überzeugende Lautpoesie zu kreieren.

Das Album Luma beinhaltet elf Tracks mit ausschließlich improvisierender Solo-Stimme – lediglich in Objects i can not touch rezitiert Hanna Schörken „klassisch“ ein Poem von Sophie Seita. Der Album-Titel ist dabei so rätselhaft wie die einzelnen Stücke, in denen die Vokalkünstlerin eine schier unendliche Vielfalt demonstriert, ihre Stimme als klangerzeugendes Instrument einzusetzen. Ob Zungen-, Rachen-, Gaumen- und Schmatzgeräusche, unterbrochen von Vokalisen, ob Röcheln, Knatschen, Grollen, Rattern, Krachen, Schnattern, Klappern, langgezogene gesungene hohe Töne, Stöhnen, Quietschen bis hin zum aggressiv klingenden stimmhaften Shouting (Rest) … – das Klangreservoir von Hanna Schörken scheint unerschöpflich zu sein. Mal vermeint man eine bluesige Klagestimme zu hören, die einer experimentellen Transformation unterworfen wird (Try), mal geht ein liedförmiger Einstieg in ein Pfeifen und einen Sprechgesang über (Ending), mal entwickelt sich aus Atemgeräuschen ein tierähnliche Raserei, die mit einem versöhnlichen Pfeifen kontrastiert wird (Transfer). Ja, das alles ist große Modulationskunst, aber auch für den geneigten Zuhörer – im bestimmt nicht pejorativen Sinne (!) – anstrengend. Streckenweise wünscht man sich beim Hören eine Counterstimme durch ein anderes Instrument, das die menschliche Stimme ergänzte, spiegelte, modulierte und in zusätzliche Klangdimensionen überführte. PINK CITRONS ist dafür ein treffendes Beispiel. Auf jeden Fall erweist sich Hanna Schörken als vielversprechende Improvisationskünstlerin, auf deren zukünftige Alben und Auftritte man gespannt sein darf.

Hanna Schörken, Rieko Okuda: PINK CITRONS. Umland Records 37

Hanna Schörken: Luma. Leo Records LR 893