Jazz und Tanz

Ballet BC aus Vancouver |

Starke Körperlichkeit mit innovativen Choreographien

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Sharon Bradfort und Wendy D.

Köln, 21.01.2020 | Viele Musiker*innen aus dem Bereich Jazz und improvisierter Musik arbeiten mit Tänzer*innen zusammen. Wir haben bereist über solche Konzerte in Verbindung mit Tanz von Jens Düppe, Nicola Hein, Martin Sasse, Matthias Muche, Matthias Schubert oder Pascal Niggenkemper berichtet. Gleichzeitig gibt es in der Tanzszene eine Tendenz Jazz und davon beeinflusste Musik als Grundlage für die Choreographie einzusetzen, so etwa bei De Keersmaeker ROSAS mit A Love Supreme oder das Aterballetto mit Musik von Keith Jarrett in der Kölner Oper. In Stephanie Miracles Stück Wilderness Tender spielten Simon Camatta und Emely Wittbrodt live während der Performance, das Stück wurde auch wähend der Ruhrfestspiele aufgeführt.

Wir wollen in Zukunft unter der Rubrik Jazz und Tanz verstärkt über neue Entwicklungen in diesem Bereich berichten. Besonderes Augenmerk wird hier auf die Beziehungen zum Jazz gelegt, aber wir werden auch über den Tellerrand schauen und neue Entwicklungen, wie die Musik von Gregor Schwellenbach, u.a., die nicht in feste Kategorien passt, mit einbeziehen.

Ballet BC aus Vancouver: Starke Körperlichkeit mit innovativen Choreographien

Das Ballet BC (British Columbia) hat sich unter Leitung von Emely Molnar zu einer international geschätzten Kompanie entwickelt. Nun hat Hanna Koller, die Kuratorin für Tanz an den Bühnen Köln, diese Kompanie zum ersten Mal für ein dreiteiliges Abendprogramm nach Köln geholt. Es war eine Ladies Night, Werke von drei renommierten Choreographinnen wurden aufgeführt. Die einzelnen Werke, dauerten alle etwas über 20 Minuten.

Das erste Werk, Bedroom Folk, stammte von der israelischen Choreographin Sharon Eyal, die auf der Ruhrtriennale 2019 mit dem Tanzstück Chapter 3 die tänzerische Sensation war.

Sharon Eyal arbeitet für international etablierte Kompanien und speist sich gleichzeitig aus dem musikalischen Underground von Tel Aviv, wo sie mit den DJs und Komponisten aus der freien Szene Gai Behar und Ori Lichtik zusammenarbeitet. Sie setzen u.a. Elemente von House und Minimal Music ein.

Das Stück Bedroom Folk wird zur Musik von Ori Lichtik getanzt. Harte Beats, mit den für Minimal Music und House typischen Wiederholungen bilden den musikalischen Hintergrund.

Von dieser Musik angetrieben bewegen sich die zehn Tänzer*innen des Ballet BC in vollkommenen Gleichklang. Zu Beginn stehen sie eng beisammen und bewegen sich gemeinsam, wie Seeanemonen, deren einzelne Arme alle gleichzeitig von der Bewegung des Wassers angetrieben werden. Der Begriff Schwarmintelligenz, der zur zeit viel verwendet wird, ist für diesen Tanz der wirklich passende Begriff. Die starke Körperlichkeit der Tänzer*innen sticht hier besonders hervor.

Die kollektive Bewegung steht im Mittelpunkt, der Rhythmus der Musik bewegt die Gruppe.

Nach und nach entsteht lösen sich einzelne Tänzer*innen und haben Raum für Solotanz außerhalb der Gruppe, in die sie dann wieder zurückkehren. Es bilden sich Paare von Männern und Frauen, lösen sich und finden wieder zum Kollektiv.

Kraftvoller schweißtreibender Tanz pur. Die Musik treibt die Tänzer voran. Die Tänzer*innen formen ununterbrochen neue Bilder. Das Publikum wird förmlich in Trance versetzt.

Nach kurzer Pause folgt die Choreographie Busk von der aus Kanada stammenden Aszure Barton, die ebenso wie Sharon Eyal international für viele Kompanien arbeitet.

Während die Tänzer*innen in Bedroom Folk wenig bekleidet waren und durch ihre nackten Arme und Beine ihre Körperlichkeit betont wurde, tanzen sie in Busk in weiter Kleidung mit Kapuzen. Auch hier gab es das Element des Kollektiven, des Schwarms. Allerdings völlig anders arrangiert, hatte es eine Anmutung von Mönchen und Nonnen. Verschachtelte komplexe Gruppenarrangements ließen ein Gefühl von Ent-Individualisierung in einer Sekte aufkommen. Dieser Eindruck wurde durch die Kapuzen verstärkt. Aber immer wieder traten Einzelne aus der Gruppe heraus und zeigten ihre Individualität im tänzerischen Ausdruck.

In dem vielgestaltigen Soundtreck, wurden auch dem Stücke von Moondog (Louis Thomas Hardin) eingesetzt. Der blinde amerikanische Musiker und Komponist Moondog war ein genialer musikalischer Außenseiter, der ein riesiges Werk hinterlassen hat. Von Sinfonien, über mystische Songs bis hin zu Musik die Benny Goodmann, Lester Young und Charlie Parker gewidmet ist. Die letzten Jahre lebte er in NRW, in Recklinghausen und Münster. Daneben waren jiddische Folksongs von Ljova, aber auch skandinavische Musik in das Sounddesign eingeflochten. Besonders die Gesänge verstärkten die geheimnisvolle mystische Stimmung.

Das letzte Werk, Solo Echo, stammte von der Kanadierin Chrystal Pite. Obwohl es auch zeitgenössischer Tanz ist, kamen hier auch viele Figuren des klassischen Balletts zum Einsatz. Die Musik bestand aus zwei Cello Sonaten von Brahms. Chrystal Pite hat sich lange Zeit mit dieser Musik beschäftigt, bis sie dieses Werk konzipierte. Eine weitere Quelle der Inspiration für Pite war das Gedicht Lines for Winter von Mark Strand.

Solo Echo begann mit einer langen Reihe von Tänzer*innen, die alle miteinander körperlich verbunden, sich zusammen bewegen. Nähe, Liebe, Verlust, Trennung und Angenommen werden sind die großen Themen. Einzelne werden aus der Gruppe ausgesondert und wollen zurück. Der Tod wird durch ein leblos am Boden liegenden Körper ausgedrückt. Alles wird mit großer Dynamik getanzt. Die Münder der Tanzenden werden aufgerissen, wie im Bildnis Der Schrei von Munch. Entsetzen und Trauer über den Verlust. Auf dem Bühnenhintergrund fallen ununterbrochen Schneeflocken herunter. Am Ende liegt ein toter Körper im Schnee. Die Trauer bleibt.

Das erste Tanzstück begann kraftvoll und voller Lebensenergie, dann setzt sich das Individuum mit Gruppe und Gesellschaft auseinander und im letzten Stück muss es sich der Vergänglichkeit stellen. So bilden auch die drei Stücke ihre eigene Choreographie und lassen das Publikum nachdenklich werden.

Allerdings werden vorher noch die herausragende Leistung der jungen Tänzer*innen, alle Anfang zwanzig und die großartige Choreographien von Eyal, Barton und Pite gefeiert. Mit langen Standing Ovations belohnt das Publikum die hervorragende Leistung. Ein Tanzabend mit inspirierenden Bildern, die von besonderer Musik unterstrichen wurden, zeitgenössischer Tanz auf höchstem Niveau.

www.tanz.koeln

www.oper.koeln