Roger Hanschel, Steffen Schorn, Roscher Saxofonquartett |

Was weite Herzen füllt

Text: Stefan Pieper

Marl, 08.11.2019 | Das Saxofon ist bekanntlich stark auf seine solistische Rolle hin konnotiert – dabei ist dieses vergleichsweise junge Instrument doch durch seine verschiedenen Versionen in unterschiedlichen Tonlagen ein ausgesprochenes Familienwesen. Alle Mitglieder dieser Familie kommen nun zusammen, wenn Steffen Schorn und Roger Hanschel auf das eher klassisch-neutönerisch fokussiserte Rascher-Saxofonensemble treffen.

„Was weite Herzen füllt“ nennt sich dieses Projekt – das Resultat darf ohne weiteres als spektakulär bezeichnet werden!Wenn schon mal der Name Steffen Schorn im Spiel ist, dann wird es ganz tief in den Keller hinab gehen, wenn auch der an sich schon große Tonumfang dieser Holzblasinstrumente um wahrhaft „abgrundtiefe“ Lagen erweitert wird. Schorns Sammlung aus tiefen und extrem tiefen, ja sogar ganz besonders tiefen Kontrabass-Saxofonen oder dem wirklich "unterirdisch" den Boden erzittern lassenden Tubax dürfte ihresgleichen suchen!

Aber es geht hier nicht um sportliche Superlative, ebensowenig um wilde, möglichst laute Kakophonien. Die Sache von Steffen Schorn und Roger Hanschel ist „die klare organisch erlebbare Einheit“, wie es in den Linernotes formuliert wird – und dann spielerisch auf Anhieb klar gestellt wird. Sie baut sich zwischen den beiden Jazzern und sowie Christine Rall, Elliot Riley, Andreas van Zoelen und Kenneth Coon auf schier genialische Art und Weise auf. Und man wird sprachlos angesichts der wahnwitzigen Spiellust aller Beteiligten, ebenso von einer überirdischen Logik, mit der sich alles zum konzentrischen Ganzes vereint. Hanschels Eröffnungsstück beginnt mit einem tonmalerischen Rezitativ, als dann ein tänzerischer, durchaus orientalisch angehauchter tänzerischer Vibe alle Glieder in Erregung versetzt. Steffen Schorns daran anschließende dreiteilige Suite lässt Musikfarben aufblitzen, die jedem Strawinsky-Ballett oder Gil-Evans-Arrangement gut zu Gesicht stünden. Immer bilden ausgiebige repetitive Strukturen die bezwingende Grundmechanik. Die abgrundtiefen Schwingungskurven von Steffens Schorns megatiefen Hörnen durchsägen mit fast optischer Präsenz den Raum. Und es geht immer noch mehr: „Manic Maelzel“ entfaltet seinen trance-artigen Hexentanz auf einer abgehackten metrischen Struktur, lässt im unisono faszinierende harmonische Reibungen aufgleißen, stürmt auf chromatischen Leitern. Roger Hanschels Beitrag reitet auf derselben Welle und funkt mit Choral-Einwürfen dazwischen. Umso sinnvoller, dass die beiden Finalstücke schließlich einen Gegenpol voll jazziger Leichtigkeit markieren: Ein Bebop-Thema mündet in ein mördertiefes Tubax-Solo. Ähnlich funktioniert das Finale: Ein zartfühlendes Lamento für Kenneth Coon, den Baritonsaxofonisten, der kurz vor Veröffentlichung dieses im wahrsten Sinne des Wortes einzigartigen Albums tragischerweise verstorben ist.

Roger Hanschel, Steffen Schorn, Roscher Saxofonquartett

Was weite Herzen füllt

Roger Hanschel: Saxofon

Steffen Schorn: Saxofone, Tubax

Rascher Saxofon-Quartett

BR klassik 2019