Festival-Report

Herrschaftsfrei, selbstbewusst, diskursiv|

PENG-Festival 2019

Text & Fotos: Stefan Pieper

Essen, 15.10.2019 | „Ich hatte einfach coole Kommilitoninnen und da war die Idee, ein gemeinsames Festival zu machen“ - wie Maika Küster die Gründungsidee für das PENG-Kollektiv und das gleichnamige Festival beschreibt, klingt dies entspannt unfeministisch. Im Bestreben, der männlichen Dominanz im Musikgeschäft etwas entgegen zu setzen, werden ideologische Gebärden sekundär, wenn die selbstbewusste künstlerische Kreativität doch Sprache genug ist! Trotzdem war bei der vierten Ausgabe auch mal eine kulturpolitische Bestandsaufnahme von Frauen in der – nach wie vor männlich dominierten Musikszene fällig: Um weibliche Chancen und Macht, um Rollen-Klischees, alltägliche Grenzziehungen und -verletzungen ging es in einer Podiumsdiskussion am letzten Festival-Tag.

Moderiert von Laura Block (UDJ) trugen weibliche und männliche Kulturschaffende ihre Beobachtungen und Standpunkte zusammen: Die Filmemacherin Pia Lenz hat weibliche Erlebnisse im Berufsalltag in ihrer Doku „Der kleine Unterschied“ zusammengetragen. Die Saxofonistin Karolina Strassmayer kam im Jahr 2004 als erste Frau in die WDR-Bigband. Symptomatisch genug war, dass dies als mediale Sensation gefeiert wurde. Die Bookerin Lena Müller sprach von immer noch vorhandenen Schieflagen zwischen den Geschlechtern, wenn es um wirkliche Entscheidungen, vor allem um Geld, geht. Philosoph Daniel James türmte viel Theorie als Erklärungsmuster für vorhandene „kulturelle Schemata“ auf. Vielen gefühlten Größenordnungen bei Geschlechterverhältnissen im Jazz hielt der Publizist Michael Rüsenberg statistische Belege entgegen: Bei Publikum und Musikern hat sich doch allmählich einiges getan, so dass „Männerdomänen“ teilweise rückläufig scheinen.

Wenn es um Jazz geht, ist Verunsicherung oder gar weibliche Anbiederung genau der falsche Weg. Karolina Strassmayer steuerte viele eigene Erfahrungen bei. Worum es ihr ging, worum es gehen muss? „Ich konzentrierte mich darauf ich selber zu werden. Der Weg dahin ist der Jazz.“

Viele Projekte bei PENG-Festival entsprechen dem statistisch belegbaren Befund, dass viele Musikerinnen, die sich durchsetzen, gleich auch Bandleaderinnen sind. Etwa Maika Küster, die am Eröffnungsabend ihre aktuelle Formation „Wir hatten was mit Björn“ präsentierte, bei der sich sämtliche Mitglieder des PENG-Kollektivs zu einem Chor versammelten – der Charme dieses Festivals besteht immer wieder in solch einem Miteinander!

Und wo Karolina Strassmayer in der Diskussion forderte, jede Erwartung, wie ein männlicher Kollege spielen zu müssen, dringend abzuschütteln, praktizieren dies ohnehin heutige Instrumentalistinnen wie die Trompeterin Allison Philipps und die Saxofonistin Angelika Niescier – Beide wurden für ihre Gastspiele mit ihren Bands beim PENG-Festival enthusiastisch gefeiert.

Vieldiskutiertes Lieblings-Topic bei allen Gender-Diskursen ist das „Sängerinnen-Klischee“, welches weiblichen Akteurinnen im Jazz anhaftet. Warum sich darüber erheben, statt es einfach mal so zu sehen: Gesang entspringt oft einer tiefen Sehnsucht und anscheinend traut sich die männliche Zunft selten an diese elementarste musikalische Ausdrucksform heran. Was für ambitionierte künstlerische Anliegen hier verfolgt werden, demonstrierte am zweiten Abend etwa das Duo aus Barbara Barth und dem Keyboarder Manuel Krass. Verblüffend, was für ein kammermusikalischer Dialog sich in den Weiten der Maschinenhalle entfaltete, bei denen tief persönliche Eigenkompositionen und spannende Folksong-Adaptionen in darstellerisch bezwingende Richtungen gingen.

Längst gibt es bei bestimmten Instrumenten keine typischen „Männer-Domänen“ mehr, worauf nicht zuletzt Michael Rüsenberg auf dem Gesprächspodium hinwies. Lebender, eindrücklicher Beweis beim PENG-Festival war die Schlagzeugerin (und Bandleaderin!) Mareike Wiening. Vor allem die kreative Unruhe und die harten Überlebensbedingungen in New York haben sie künstlerisch reifen lassen: „Es gibt hier so viel Konkurrenz von fantastischen Musikern, da musst Du dich einfach durchsetzen. Aber dieser Druck macht stark“ kommentierte sie die Bedingungen für ihre Karriere. Beim PENG-Festival vernetzte sie am Schlagzeug jede Aktion ihrer spielfreudigen, fabelhaft präzise kommunizierenden Band, der sie komplexe kompositorische Konzepte auf den Leib schreibt. Die Folge im Essener Maschinenhaus waren aufregende Gratwanderungen zwischen stilsicher adapierten Modern-Mainstream-Elementen, sensiblen skandinavischen Einflüssen und einem eigenen, erfrischend freigeistigen Ideenfluss aller Beteiligten.

Das PENG-Festival verweigert sich „einem“ autokratischen künstlerischen Leiter, stattdessen wird im Kollektiv abgestimmt. Hinter dieser „Herrschaftsfreiheit“ aber geballte Kompetenz und beste Vernetzung in der Szene bei allen Beteiligten. Also markiert jeder Programmpunkt einen spezifischen Mosaikstein in der Dramaturgie. Da konterkarierte ein Auftritt der Norwegerin Hanne Hukkelberg erstmal jede Vorstellung von norwegische Musik – und vor allem von „Jazz“! Es irritiert, aber dann saugt es einen ein, wie Hanne Hukkelberg in plakativer Melodik über sich selbst, das Leben, Gott und die Welt singt – derweil ein elektronisches Schlagzeug pluckert, ein Sampler unablässig schräges Geräuschmaterial absondert, abstrakte Synthesierfragmente dazwischenfunken, aber nie einen Ton zu viel spielen. Indietronicfolkpop? Hanne Hukkelberg und ihre Musiker haben so viele Klänge aus der Musikwelt der Gegenwart herausdekonstruiert, dass keine Schublade mehr passt. Jetzt prallt tiefe Lyrik auf eine abstrakte Abstraktion. Endzeit-Poesie, die aber letztlich doch die Seele wärmt.

Die Jazz-Szene im Ruhrgebiet wäre ohne die Folkwang-Hochschule nicht das, was sie ist. Daher erschien es würdig, mal ein paar „Leitfiguren“ für viele MusikerInnen auf die Bühne zu holen – so geschehen bei einem euphorischen, energiegeladenen Finale mit der unvergleichlichen Romy Camerun, voller Jazz, Blues, Swing, Groove - einfach purer Emotion! Auf genauso einer euphorischen Welle waren auch die Bandmitglieder unterwegs, als da waren der Trompeter Ryan Carniaux, Pianist Joe Dinkelbach, ebenso wie Ingo Senst am Bass und ein in jedem Moment über sich hinaus erwachsener Christian Schönefeld am Schlagzeug.

Nächster Festival-Termin: 6. bis 8. November 2020