Diary of Jazz

#33|

Yonathan Avishai

Text: Karl Lippegaus

Köln, 22.08.2019 | "Wir können die Wörter lernen, die Elemente, die Struktur, alles sehr wichtig. Doch dernahezu mysteriöse Kontakt mit deinen eigenen Emotionen und denen der Leute, die dir zuhören, ist eine sehr tiefe und persönliche Erfahrung, die man leben muss und die keine Geheimnisse oder Antworten hat.“

Der franco-israelische Pianist Yonathan Avishai nahm im Februar 2018 in Lugano sein Trio-Album „Joys and Solitudes“ auf. Es löst nicht nur ein Zen-Erlebnis beim Jazzhören aus, sondern birgt auch ein begleitendes Leseerlebnis. Endlich die Gedankenwelt von Pema Chödrön kennenzulernen, deren buddhistische Lehrmeinung diese Musik mitgeprägt hat. Ach, hätte man doch bloß all diese Weisheiten 20 Jahre früher schon gewußt, wieviel wäre einem erspart geblieben – diese Gedanken können einem beim Hören von „Joys and Solitudes“ plötzlich überkommen. Von Yonathan Avishai kommt in diesem Monat zudem ein neues Meisterwerk des Chamber Jazz, sein hochinspiriertes Duo-Album „Playing The Room“ aus Lugano mit dem Trompeter Avishai Cohen. In dessen Quartett ist der Freund aus Kinderjahren eine nicht wegzudenkende kreative Größe verkörpert, diskret und klug, leise und hellwach nach allen Seiten, somit also in einer der derzeit international besten Jazzgruppen unverzichtbar.

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Ich heiße Yonathan Avishai und bin Pianist, geboren 1977 in Tel Aviv. Aufgewachsen bin ich in Japan, wo wir mit meinen Eltern fünf Jahre lang gelebt haben. Dort begann ich Keyboards zu spielen und im weitesten Sinne die Musik für mich zu entdecken: beim Theater, auf der Bühne, in Bands. Um so letztlich den künstlerischen Ausdruck per se zu erkunden. All dies begann also in Japan, mit einem starken Input durch die dortige Kultur. Ich glaube, das ist mir zueigen geblieben, in meiner Expressivität als Künstler.

Als ich aus Japan zurück nach Tel Aviv kam, setzte ich meine musikalischen Studien fort. Im Jahr 2000 zog ich dann nach Frankreich, um zunächst als Volontär bei einem sozialen Gemeinschaftsprogramm mitzumachen. Damit hatte ich mich schon in den Jahren davor in Tel Aviv sehr beschäftigt, insbesondere was die Rolle angeht, die Musik dabei übernehmen kann. Ich ging mit meinem Lehrprogramm an Schulen und unterrichtete sogar auf der Straße. Mein Weg brachte mich anfangs in ein Gemeinschaftszentrum im Elsaß. Seit dieser Zeit lebe ich dort, zwar heute nicht mehr im Elsaß, sondern in einem anderen Teil Frankreichs, aber mittlerweile habe ich viele Jahre dort verbracht.

Am Anfang nannte sich unser Trio Modern Times. Wir nahmen unser erstes Album im Jahr 2016 auf. Ein Jahr später machten wir eine Quartett-Platte. Jetzt bin ich wieder beim Trioformat angelangt und empfinde es als eine ganz natürliche Fortsetzung für das, was wir in all den Jahren praktiziert haben: eine besondere Herangehensweise ans Spielen, an den Klang. Und überhaupt diese kollektive Erfahrung: gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. Das Album trägt den Titel "Joys and Solitudes" und evoziert die allgemeine Vorstellung, Gefühle auszudrücken, sehr unterschiedliche Gefühle: sowohl geprägt von einer starken Freude als auch härteren, ja sogar schmerzhaften. Ich glaube, beide sind ein Teil von dem, wer wir sind.

Von den anderen Stücke auf "Joys and Solitudes" sind einige Widmungen an Menschen, die ich liebe. Eines richtet sich an eine Verstorbene, ein anderes an eine noch sehr junge Person. In einigen Songs fokussiere ich auf das Gefühl der Einsamkeit undein Titel hat den selben wie ein Buch von Pema Chödrön, "When things fall apart" (dt. Übers.: Wenn alles zusammenbricht).

Dieses Buch entstammt der buddhistischen Tradition und bezieht sich auf jene Momente in unserem Leben, wenn wir das Gefühl haben, das alles auseinanderfällt, dass wir völlig verloren und allein sind, es geht also um Einsamkeit und Schmerz. Doch durch diese schwer erträglichen Emotionen gelangen wir dahin, einen anderen Sinn für unser Leben zu erkennen, ein anderes Potenzial zu erschließen – jenseits des Schmerzes, mit anderen Worten, andere Sichtweisen auf Leben und Tod.

Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen, aber nicht unbedingt mit Jazz oder überhaupt afro-amerikanischer Musik, weder mit Gospel noch mit Funk, dafür mit anderen Klängen, die mich umgaben. Dann kam ein Punkt, wo ich eine echte Passion entwickelte für das, was für mich Jazz war: diese grandiose Musik mit tiefen afrikanischen Wurzeln. Ich musste nun einen Weg finden, um mit ihr in Verbindung zu gelangen.

Nach besten Kräften versuchte ich das, durch meine Studien, allein und mit einigen Lehrern, die mich begleiteten und mir ein Grundvokabular an die Hand gaben.

Je mehr ich entdeckte, umso mehr wuchs meine Begeisterung für Jazz.Nicht nur für diese Klänge und wie man sie reproduzierte – mich interessierte insbesondere die Geschichte dieser Musik. Was man da nicht alles draus lernen kann, auch was den ganzen sozialen, politischen, ja sogar technologischen Kontext betrifft. Ich habe ein vitales persönliches Interesse daran, woher diese Musik kam. Das ist vielleicht ein persönliches Ding, aber ich sehe darin den besten Weg des Wissens: besonders wenn man aus einer anderen Kultur kommt: diese Musik zurückzuverfolgen, um zu erkennen wo und wie sie kreiert wurde.

Zu definieren was ist Jazz ist und was nicht finde ich nicht so wichtig. Überhaupt Jazz exakt beschreiben zu wollen scheint mir fast unmöglich. Wir alle haben unsere Antworten auf die Frage und unsere Vorstellungen davon, was uns gefällt. Ich finde jedoch, der musikalische und der künstlerische Ausdruck sollten beim Publikum an einem Punkt konvergieren, ohne besondere Erklärungen, darin besteht irgendwie die Magie dieser ganzen Erfahrung.

Ich befasse mich viel mit Musikpädagogik. Wenn ich nun unterrichte, versuche ich stets die historische Perspektive mit zu betonen, sowohl als Ausgangspunkt als auch, um sich damit eine starke Quelle der Inspiration zu erschließen. Für mich ist diese Geschichte lebendig, sie steckt nicht nur in Büchern, sondern ist ein reales Element und ein mächtiges Werkzeug.Ich liebe es, meine Zeit mit Jüngeren zu verbringen, die vielleicht erst kürzlich diese Musik für sich entdeckt haben, diesen oder jenen Stil pflegen, eine spezielle Form des Ausdrucks, sowie die ganze Einstellung, die damit einhergeht.

Wir sprachen davon, wo diese Musik herkam. Für mich ist diese Frage die stärkste Waffe, um sich dem Phänomen zu nähern. Es ist mein Ansatz, vielleicht weil ich nicht so viel studiert habe. Ich hab ja keine akademische Laufbahn, weder im Jazz noch in anderer Musik. Doch hatte ich einige sehr gute Klavierlehrer, einer vermittelte mir das Grundwissen für Jazzpiano, doch irgendwelche Schulen hab ich nicht besucht. Vielleicht macht das aus meiner eigenen Erfahrung etwas Frisches und fördert den direkten Ansatz; letzterer hat zu tun mit Klang und seiner Wirkung aufs Gefühl, mehr als auf intellektuellem Verstehen fußend. Ich halte dies für den wichtigsten Aspekt: in welchem Stil auch immer.

Mag sein, dass klassische Musik unterrichtet werden kann. Doch große Musik zu schreiben, die Leute berührt, ist als menschliche Erfahrung etwas, das gelebt werden muss. In dem Sinne glaube ich nicht, dass man andere Stile besser unterrichten kann als Jazz.

Was mich betrifft, empfnde ich dieses Instrument als schwerer und schwerer. Es gibt so viele Elemente, um die man sich zu kümmern hat. Natürlich machen mir das Spielen und Erforschen ungeheuer Freude, doch mit zunehmendem Alter fühlt sich das Ganze so weit an wie der Horizont, der einem ständig entweicht.

Aber das ist es, was wir tun: wir suchen und forschen, um Lösungen ringend, die wir finden oder auch nicht. Das tun wir und das haben wir uns so ausgesucht.

Zwei meiner letzten Alben sind Piano-Trios. Meine beiden anderen Alben als Bandleader waren kollektive Produktionen, zwei im Duo-Format: eine mit Drums und eine mit Percussion.

Ich klammere mich nicht an das Trio-Format, auch wenn das meine Hauptbeschäftigung ist. Als Musiker und Komponist hat dieses Format für mich etwas leichtes; das betrifft die Art wie man die Musik formen kann. Mit diesem kleinen Orchester.

Dem Klavier kommt eine so zentrale Rolle zu, dass es allem in dieser Musik eine Form verleihen kann. Die Art, wie eine Melodie gespielt wird, die Struktur des Songs – das kann der Pianist stärker betonen alsder Bassist oder der Schlagzeuger. Trotzdem mag ich sehr die Herausforderung, die gleiche Intimität auch mit vier, fünf oder sechs Musikern zu erzielen, diese „Storyteller-Qualität“, ohne dass die Musik groß arrangiert werden muss. Im Trio ist viel Raum für Improvisation, auch wenn es nur skizzenhaft aufnotiert ist, so kann es trotzdem Form und Struktur bekommen.

Abgesehen von den wenigen Jahren, die ich in Japan gelebt und viel von der lokalen Kultur hautnah er-lebte, veränderten sich meine kulturelle und musikalische Umgebung. In Israel hörte ich viel 80er-Jahre Pop, einiges an traditioneller Musik, vor allem aus dem Jemen, denn die Familie meines Vaters stammt von dort. Aber ich bin nicht in einer traditionellen Umgebung großgeworden. Musik ertönte bei Hochzeiten und Bar Mitzvahs, es gab sie - ich wuchs jedoch in einer primär westlich geprägten Umgebung auf: mit all dem amerikanischen und englischen Pop der 80er Jahre etc..

Schon sehr früh, mit elf oder zwölf Jahren, begann ich mich für Hiphop zu interessieren; und für afrikanische Musik, ein bestimmter rhythmischer Ansatz hat mich echt aufgekratzt damals (lacht). Allmählich entdeckte ich all diese neuen Formen von Musik, die Fusion und Funk genannt wurden. Und fing an zu begreifen, dass es diese ganze Kultur gibt, was wir heute Jazz nennen. Mit 13-15 hörte ich viel Jazz und ging dem aus dem Weg, was es an Hits und anderem Popzeug um mich herumgab.

In den 90ern hatte ich das Gefühl, viel besser die Musik der 1930er Jahre zu kennen als die der Neunziger. Ich purzelte also sehr früh hinein in dieser Welt.

Von meiner Jugend an, ich weiss nicht warum, war ich immer sehr befasst mit meiner Umgebung und den Menschen um mich herum. Ich lebte nicht in einer Kommune, aber die Straße, die Nachbarschaft, die Stadt und das Land haben mich stets sehr beschäftigt. Es war nur ein Gefühl, was ich damit anfangen sollte, aber was in meiner Straße los war, die Sache mit meinen Nachbarn hat mich doch sehr interessiert. Später als Musiker fand ich, das was ich tat, sollte nicht auf die Bühne beschränkt sein. In den Straßen, den Schulen, den Krankenhäusern sollte Musik eine soziale, ja sogar politische Kraft darstellen.

Auf eine manchmal recht naive Weise versuchte ich ständig Dinge in dieser Richtung anzuregen in meiner Umgebung, ob das nun ein Konzert war oder ein Workshop.

Dann fing ich an, Musik zu machen in einem Ort in Tel Aviv, der Hagadásmalít hieß, die englische Übersetzung würde lauten "the left bank", das linke Ufer. Es war ein alternatives kreatives Zentrum, am Anfang wurde dort viel Theater gemacht, unterstützt von der israelischen kommunistischen Partei. Sie gaben uns diesen Raum zur freien Verfügung, sehr rasch wurde es ein Ort für kreative Musik, die keinen Platz fand in konventionelleren Spielstätten. Ich saß am Klavier und engagierte mich immer mehr für diese Idee, bis eine kollektive Erfahrung mit den anderen dort ebenfalls tätigen Musikern daraus erwuchs. Da wurde mir mehr und mehr klar, dass ich diese Art von kulturellem Engagement brauche. Es brachte mich ins eingangs erwähnte Gemeinschaftszentrum im Elsaß. Ich arbeitete in verschiedenen Institutionen mit autistischen Kindern, mit behinderten Menschen: Noch heute versuche ich Dinge in der Richtung vorzuschlagen: neue Musikprogramme für Schulen, die zum sozialen Leben beitragen können. Mein Traum wäre es, ein alternatives Gemeinschaftszentrum zu eröffnen. Ich arbeite daran, ob es klappen wird weiss ich nicht. Aber diesen Traum möchte ich in meinem Leben verwirklichen: einen Raum schaffen für Musik und Tanz, für die Pädagogik, meinetwegen auch für Kochen und Landwirtschaft. Ich hoffe auf dieses Abenteuer.

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Hörtipps:

Joys and Solitudes (ECM, 2018)

The Parade (jazz & people, 2016)

Modern Times (jazz & people, 2014)

Soledad( Fresh Sound, 2006)

mit Avishai Cohen:

Into the Silence(ECM, 2016)

Cross My Palm With Silver (ECM, 2017)

Playing The Room(ECM, 2019)

mit Third World Love:

New Blues(Anzic, 2006)

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