3. Gypsyfestival im Bochumer Kulturrat e. V. |

‘Zigeunermusik’ mit Markus Reinhardt und Freunden

Text: Heinz Schlinkert, Reiner Skubowius | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 04.09.2019 | ‚Zigeunermusik‘? Darf man das sagen? Ja, man darf. Markus Reinhardt verwendet diesen Begriff ganz bewusst als Ausdruck neuen Selbstbewusstseins, obwohl der Ausdruck von den Nazis missbraucht wurde.

Denn das Festival im Bochumer Kulturrat am 24. und 25. August 2019 war auch eine politische Veranstaltunggegen Antiziganismus. Den Mittelpunkt bildete der historische Zigeunerwagen des Kölner Vereins MARO DROM (Unser Weg) e. V.. Markus Reinhardt, ein Großneffe von Django Reinhardt, hatte zusammen mit dem Kulturrat das Fest organisiert.

Wer an diesem Wochenende sein Navigationsgerät auf „Gypsymusik“ programmiert hatte, den erwartete eine bunte Mischung an Pavillons mit diversen Angeboten an authentischen Speisen, eine für alle offene Druckwerkstatt mit der Künstlerin Krystiane Vajda, und sogar einen Gypsy-Gitarren-Workshop, der sehr gut angenommen wurde.

Musikalisch ging es beim 3. Gypsyfestival aber nicht nur um klassische Zigeunermusik. Die politische Forderung nach Offenheit und Toleranz wurde auch in musikalischer Hinsicht umgesetzt, was die Vielfalt der Gruppierungen bewies. Es spielten das Markus Reinhardt-Ensemble, die Balkan Brass Band, Rumba Gitana, das Duo Thagar, das Smeily Adler Quartett mit Prinzo Weiss und am Schluss noch einmal Markus Reinhardt mit anderer Begleitung.

Markus Reinhardt (Violine) übernahm mit seinem Ensemble die musikalische Eröffnung. Geboten wurden neben der traditionellen Zigeunermusik und Stücken in der Django-Reinhardt-Traditionauch Swing (Night and Day), Bossa-Nova (Manha de Carnaval) und Flamenco-Adaptionen bis hin zu Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Neben der Violine beeindruckten die beiden Gitarristen: Janko Wiegand sehr virtuos im Gypsy-Jazz-Stil, Zoltan Püsky sehr einfallsreich in den anderen Stilen. All das wurde bei strahlendem Sonnenschein draußen vor dem Zigeunerwagen präsentiert – eine beeindruckende Szenerie, die man nicht so schnell vergisst.

Danach marschierte die farbenfrohe Balkan Brass Band auf. 10 junge Männer bliesen kraftvoll in ihre Blechblasinstrumente. Es ging um serbische Volksmusik, die inzwischen in weiten Teilen des Balkans verbreitet ist. Da sie hauptsächlich von Zigeunern gespielt wird, passte sie auch thematisch gut in das Programm des Festivals.

Den Abend beschloss Rumba Gitana. Daniel de Alcalá (Gitarre) bot auf hohem Niveau ein sehr vielfältiges Programm aus dem Latin-Spektrum (Tango, Flamenco, Stücke von Ketama);sehr eindrucksvoll hier auch der Sänger und Gitarrist José Antonio Primo. Als später Daniels Vater Rafael de Alcalá die Bühne betrat und mit traditionellem Macho-Gehabe der 1980er-Jahre als Sänger agierte, sank das Qualitätslevel der Musik merklich. Es handelte sich dabei um Musik der Gypsy-Kings – aber das Publikum stieg voll darauf ein, tanzte und feierte frenetisch jeden alten Hit textsicher mit – so war es doch ein gelungener Abschluss des ersten Tages.

Der Sonntag schloss sich nahtlos an, beginnend mit den Gitarrenworkshop-Ergebnissen. Angeleitet von Danjetto Winterstein und Maniano Mettbach war schon präsentabel, was die 12 Teilnehmenden in der kurzen Zeit zum Besten geben konnten. Standards zwar, in der Kürze der Zeit auch nicht anders denkbar, aber drei der Teilnehmer wagten sich auch an durchaus hörenswerte kurze Soli: Respekt!

Das Duo Thagar mit Katjusha Kozubek und Artur Szweczyk (beide Gesang), trat vor dem Zigeunerwagen auf – zusammen mit Damian (Perkussion) und Patricia Szweczyk (Tanz), und wurde damit kurzfristig zum Show-Quartett und optischem Leckerbissen. Die Musiker zeigten später auf der Kulturrat-Bühne aber auch die eher ruhige, melancholische Seite der Gypsyseele; Geschichten und Lieder, begleitet mit von Band eingespielten, stimmungsvollen Klängen.

Smeily Adler (Gitarre), Ricky Adler (Akkordeon), Jungeli Albrecht (Kontrabass) und Prinzo Weiss (Gitarre): Dieses Quartett war im Kulturrat nicht unbekannt. Zusammen mit Pesso Adler an der Geige stand diese Formation bis zum Tode Pessos bereits hier auf der Bühne. Ihre traditionelle Hot-Club-Musik im Zusammenspiel mit hoher Improvisationskunst begeisterte auch diesmal das Publikum in Bochum.

Der Abschluss des zweitägigen Festivals war wiederum Markus Reinhardt vorbehalten. Begleitet von Janko Wienand (Gitarre), Rudi Rumstajn (Gitarre) und Dizzi Bine & MOG, zwei jungen Kölner Rappern (!), brachte das Quintett den Beweis, dass der Musik der Sinti & Roma nichts Altbackenes anhaftet, dass sie im Hier und Jetzt Fuß gefasst hat und dass sich Tradition und Moderne die Hand reichen können.

Und genau das war auch Sinn und Zweck des Festivals: Begegnungen ermöglichen, Gegensätze vereinen und ein buntes, fröhliches Zusammenkommen ermöglichen, menschlich, politisch, musikalisch. Am Ende mag es ein Zigeuner gewesen sein, der mein ’Navi’ hellseherisch programmiert hat: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“