Festivals in NRW

Acht Brücken Festival Streiflichter |

Metamorphosen von Jazz bis Neue Musik

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Jörg Hejkal/Uwe Bräutigam

Köln, 18.05.2018 | ACHT BRÜCKEN –Musik für Köln, ein genreübergreifendes Festival für Musik von heute, verzeichnet dieses Jahr 25 000 Besucher, die im Zeitraum von 14 Tagen auf 56 Veranstaltungen über 77 Stunden Neue Musik, Jazz, Pop und World gehört haben.

Das ACHT BRÜCKEN Motto lautete Metarmophosen und Variationen. Der Komponist Bernd Alois Zimmermann (1918-1970), dessen 100. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, steht im Mittelpunkt.

„In neue Gestalten verwandelte Wesen will ich besingen.“ Ovid, Metamorphosen

Umgestaltung und Veränderung von vorhandenem Material, um damit etwas Neues zu entfalten, dies ist ein wichtiger Prozess innerhalb des musikalischen Schaffens. Das Programm von ACHT BRÜCKEN lässt diese Metamorphosen in vielen verschiedenen Konzerten erleben. Einige Streiflichter sollen dies beleuchten.

Jazz – Frederik Köster – Die Verwandlung / Underkarl

Welche beiden Kölner Jazz Bands passen besser zum Thema Metarmophosen als Frederik Kösters Die Verwandlung und Underkarl. Schon der Bandname Die Verwandlung, der von Franz Kafka inspiriert ist, weist in die Richtung. Das Konzert findet im ehemaligen Millowitsch Theater, der Volksbühne am Rudolfplatz statt. Die Verwandlung ist neben Köster hochkarätig besetzt: Sebastian Sternal an Klavier und Keyboard, Joscha Oetz am Bass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug. Eröffnet wird das Konzert mit Prolog und Family Tree aus der Homeward Bound Suite. Dem neuen ambitionierten Album der Band, das zusammen mit einem Symphonie Orchester eingespielt wurde. Musik, die sich mit Kösters Heimat, dem Sauerland, beschäftigt. Danach geht es weiter in die Ferne mit arabischen Einflüssen aus dem Libanon. Es werden einige arabisch beeinflusste Stücke gespielt, so das Stück Levante oder Jalla (schnell). Ein schnelles Stück mit kraftvollem Schlagzeug. Neben Frederik Kösters Trompete ist ein langes Bass und Schlagzeug Duett bemerkenswert. Sebastian Sternal spielt am Keyboard. Einmal singt Frederik Köster auch, bei dem Stück Alone, die Vertonung eines Gedichtes von James Joyce. Heimateindrücke, Literatur und fremde Musikkultur wird von Frederik Köster Die Verwandlung als Ausgangspunkt benutzt und in Jazz verwandelt.

Underkarl :Sebastian Gramss am Bass, Rudi Mahall an Klarinetten, Lömsch Lehmann am Tenorsaophon, Frank Wingold an der Gitarre und Dirk-Peter Kölsch am Schlagzeug. Die Band geht noch direkter den Weg der Verwandlung, der Metamorphose. Sie nimmt sich Improvisationen von Jazz Klassikern vor und entwickelt daraus neue Stücke. Ein freier und kreativer Umgang mit dem klassischen Material zeichnet die Band um den Bassisten Sebastian Gramss aus, die nun seit 25 Jahren besteht. Underkarl spielt nicht die bekannten Motive und Melodien, sondern setzt bei den Soli an und entwickeln daraus ihren Song. Oft ist es nicht leicht zu erkennen, was das Original ist.

Die meisten Stücke sind aus ihrem aktuellen achten Album 25 Timetunnel. Sie befördern Klassiker wie A Call For All Demons von Sun Ra, Freddie Freeloader aus Kind of Blue von Miles Davis, All of Me von Sonny Stitt oder Caravan von Duke Ellington in die Jetztzeit. Ein wunderbarer Konzertabend mit vielen Metarmophosen.

Bernd Alois Zimmermann

ACHT BRÜCKEN bietet einen Überblick über die Werke des Kölner Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Angefangen von seinen Klassiker Bearbeitungen für das Radio, seinen Rheinischen Kirmestänzen, über seine Metamorphose (1954) für kleines Orchester bis zu seinem Requiem für einen jungen Dichter (1969) waren alle wichtigen Werke des Komponisten zu hören. Zimmermann ist berühmt für seine collagenartigen Kompositionen, in denen er Material der alten Musik, aber auch Gegenwartsmusik wie Jazz, den er sehr liebte, mit eingeflochten hat. Ein sehr besonderes Werk ist Stille und Umkehr (1970), eines seiner letzten Werke bevor er sich das Leben nahm. Ein zurückgenommen leises Werk, das auf einem Blues Rhythmus basiert. Das kleine Orchester erweiterte er um ein Altsaxophon, ein Akkordeon und eine singende Säge. Gespielt wurde es vom Orchester der Hochschule für Musik und Tanz Köln unter der Leitung von Alexander Rumpf.

Zimmermanns Sonate für Viola solo (1955) und die Sonate für Violine solo (1951) werden nicht nur von Matthias Buchholz (Viola) und Hanna Weirich (Violine) hervorragend dargeboten, sondern auch jeweils von einer Tänzerin begleitet, die nach einer Choregrafie von Britta Lieberknecht, die Musik Zimmermanns körperlich sichtbar werden lässt. Auch die Aufführung von Zimmermanns Metarmophose im WDR Sendesaal durch das Ensemble Musikfabrik wird multimedial gestaltet. Synchron zur Musik wird der gleichnamige Film von Michael Wolgensinger gezeigt. Ein Konzert für Ohren und Augen.

Die Soldaten – Oper

Das wohl herausragende Ereignis von ACHT BRÜCKEN war die Wiederaufführung von Zimmermanns einziger Oper Die Soldaten. In dieser Oper, setzt Zimmermann sein Konzept von Pluralistischer Musik um, der die Idee der Zeit als Kugelgestalt zugrunde liegt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht getrennt. Zimmermann drückt dies mit der Gleichzeitigkeit von Musik aus verschiedenen Zeiten und Genres aus. Etwa wenn im zweiten Akt Trommelwirbel, Jazz-Elemente, Posaunen und das Spinettspiel auf ein Concerto Grosso und Orgelmusik aus einer mittelalterlichen lateinischen Totenmesse treffen. Das Libretto basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Lenz (1776), ein Zeitgenosse Goethes. Obwohl es die altertümliche Sprache von Lenz benutzt, ist die Oper so angelegt, dass sie sich jenseits aller zeitlichen Einordnung bewegt. So setzt Zimmermann im zweiten und vierten Akt z.B. eine Jazzband ein. Insziniert wurde die Kölner Aufführung von Carlus Padrissa von der katalanischen Gruppe La Fura dels Baus und die musikalische Leitung hat Francois-Xavier Roth dem charismatischen Generalmusikdirektor Kölns und Gürzenich Kapellmeister.

Die provisorische Unterbringung der Oper im Staatenhaus ist für diese Mammutproduktion ein großer Glücksfall. Da Zimmermann nicht nur Musik aus unterschiedlichen Zeiten miteinander verbindet, sondern teilweise auch die Zeitebenen des Spielverlaufes aufhebt, etwa wenn im 2. Akt Marie einen Brief an ihren Ex-Geliebten Stolzius schreibt und gleichzeitig dieser den Brief schon erhalten hat. Um die Gleichzeitigkeit von mehreren Handlungen darstellen zu können, gibt es eine kreisförmige Bühne und das Publikum und das riesige Orchester sitzen in der Mitte. Damit die Zuschauer in alle Richtungen schauen können, sitzen sie auf Drehstühlen. Neben der musikalischen Wucht und der Gleichzeitigkeit von Handlungsszenen sieht das Publikum, noch von Zimmermann selbst vorgeschrieben, Filme, die auf die Bühne projiziert werden. Am Ende wird eine Atombombenexplosion eingespielt. Eine Jahrhundertoper, die sowohl durch Padrissas Inszinierung, die Leistung der Sänger, als auch durch die Musiker unter Leitung von Roth großartig im Geiste Zimmermanns umgesetzt wurde.

Florintin Ginot – Kontrabass Solo/Rothbrust & Dierstein percussion solo

Kleine Perlen unter all den vielen hervorragenden Konzerten waren die Solokonzerte für Percussion von Dirk Rothbrust und Christian Dierstein und für Kontrabass von Florintin Ginot. Alle sind sie Musiker aus dem Ensemble Musikfabrik. Besonders war nicht nur Musik, sondern auch das Setting. Das Publikum saß auf der Bühne und auf den Balkonen hinter der Bühne und schaute auf den Musiker, der vor dem Hintergrund der riesigen dunklen Philharmonie, in der nur die Treppenlichter der Fluchtwege leuchteten.

Minimal Music

Ein Abend in der Philharmonie war der Minimal Music, bzw. besser repetitive Musik genannt, gewidmet. Das Ensemble Modern aus Frankfurt unter Leitung von Brad Lubman spielte drei Werke von Steve Reich und ein Stück von John Cage, mit sehr unterschiedlicher Instrumentierung. Ein Werk für Ensemble, eins für vier elektrische Orgeln, eins für vier Schlagzeuge und eins für vier Vibraphone, zwei Klaviere und drei Streichquartette. Ein Konzert mit vielen unterschiedlichen Klangfarben, das die Vielfalt der "Minimal Music" deutlich werden ließ.

Abschlusskonzert – Ensemble MusikFabrik / Concerto Köln

Auch das letzte ACHT BRÜCKEN Konzert in der Philharmonie war ein besonderes Erlebnis, bei dem es noch einmal zwei Uraufführungen gab, insgesamt gab es 17 Uraufführungen. Das Ensemble Musikfabrik und Concerto Köln spielten zusammen, ein Ensemble für Neue Musik und ein Ensemble für Alte Musik. Der junge katalanische Komponist Hèctor Parra (1976) hat mit seinem Stück Orgia Pasolinis Orgia und die Johannespassion als Ausgangsmaterial für seine Komposition benutzt. Ein Auftragswerk für das Festival. Die zweite Uraufführung war Trame XIV von Martin Matalon (1958) für Klarinette solo und Ensemble. Zum Abschluss spielten nocheinmal Concerto Köln mit der Musikfabrik zusammen Martin Smolkas (1959) Semplice. Ein sehr feines Werk mit viel Pianissimo. Ein sehr subtiler Abschluss für das Festival.

Nach dem Konzert gab es Freibier für das Publikum, als Ausklang des Festivals. Obwohl der eigentliche Abschluss die Funk & Soul Partie im Club Domhof der ACHT BRÜCKEN Lounge war. Fast jeden Abend ab zehn gab es dort Musik von Jazz bis Elektro, von Salomea bis Hans Nieswand.

Ein wirklich großartiges ACHT BRÜCKEN Festival, Musik (nicht nur) für Köln. Es gab wieder viel Musik der Gegenwart zu entdecken und zu genießen. Musikalische Verwandlungen standen im Mittelpunkt, vielleicht bewirkte die Musik auch die eine oder andere Verwandlungen im Publikum.

http://www.achtbruecken.de/de/programm#date=08052018