Karl Lippegaus' diary of jazz

#01 Die Wiederentdeckung... |

Donald Fagen

Text: Karl Lippegaus | Fotos: Viking Books, Danny Clinch

Köln, 08.03.2014 | „Ah the old questions, the old answers, there’s nothing like them.“ (Beckett, Endgame)

Für Charles Mingus gab es keine Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Es passierte alles gleichzeitig, und was in den 20er Jahren gut war, hatte auch später noch immer seine Berechtigung. In zwei Tagen verschlang ich Donald Fagens kostbares, nur 160 Seiten starkes Buch „Eminent Hipsters“. Musste dabei an vieles denken, das weit zurückliegt, und ziemlich oft lachen - was mir bei einem Musikbuch lange nicht mehr passiert ist, vielleicht zuletzt bei Nik Cohn. Der Mitbegründer von Steely Dan erinnert an Duke Ellington, die Boswell Sisters, Ray Charles, Henry Mancini und viele andere. Aber Fagen wollte nie Kritiker sein und kann auf seine Weise wunderbar erklären, warum ihn die Musik so fasziniert hat. Warum er gerne Jazzradio hörte. Welche Drogen man nahm. Welche Jazzplatten. Apropos Mancini: der schrieb die Musik zu „Touch of Evil“ und ich sah mir nochmal den Film von Orson Welles an, geriet wieder bei jeder Einstellung ins Staunen. „Jazz, fake jazz, fake fake jazz“ nennt Fagen diese seltsame Musik zu dem Film noir, der in einer dunklen Halbwelt an der mexikanischen Grenze spielt. In „The Making of ‚Aja‘“ (auf YouTube zu sehen) deutet Fagen den Bezug zur eigenen Arbeit mit Steely Dan. Sein Partner Walter Becker und er seien „wie zwei Gehirne in einem Körper, einer bringt sogar die Sätze des anderen zuende“, erklärt ihr ex-Gitarrist Denny Dias.

Als er sein Soloalbum „The Nightfly“ herausbrachte, traf ich Donald Fagen zum Interview im Hotel Atlantic in Hamburg (1909 eröffnet!), und wir sprachen über seine Liebe zum Jazz. Ich war total erkältet und es schlug mir auf die Stimme, irgendwann mittendrin konnte ich nur noch röcheln, aber Donald behielt die Geduld und sprach ruhig weiter, das hab‘ ich nie vergessen. Er erzählte von Sonny Rollins, Mingus, Monk... Bei Steely Dan ging es nie um Verwässern oder Ableiten, es entstanden immer neue Hybride. „You have to fake it!“ forderte einst Louis Armstrong, und sein Freddie Keppard legte immer ein weißes Taschentuch beim Spielen über seine Trompete. „Nicht weil er Angst hatte, dass man ihn imitierte, sondern weil es ihm Spaß machte,“ schreibt Sidney Bechet in seinen Memoiren. Ich besorgte mir das Hörbuch zu „Eminent Hipsters“, lud es auf meinen iPod und lauschte Fagens Stimme auf langen Busfahrten. Die zweite Hälfte des Buches ist das Tagebuch einer Tour mit The Dukes of September, das Notizbuch einer Reise durch Hotels und Konzertsäle an der US-Westküste, zum Brüllen komisch, wenn er sich über Mobiltelefone und die vielen TV Babies im Publikum lustig macht, aber manchmal auch abgrundtief traurig. „Deacon Blues“ (auf „Aja“) ist der Song, der am besten beschreibt, wie Becker und Fagen sich ihre Existenz erträumten: „Learn to work the saxophone/I’ll play just what I feel/Drink scotch whiskey all night long/And die behind the wheel“.

Die plötzlich über dieses kleine Buch wieder aufgeflammte Liebe für eine Band, von der ich den 70ern und 80ern jede Songzeile mitsingen konnte, ist keine aufgewärmte. Wenn man sich die SD-Konzerte aus den letzten 10-15 Jahren auf YouTube anschaut, erlebt man ein immer perfekter zusammengeschweißtes Team. Irgendwie setzen sie da wieder an, wo Zappa mit „The Best Band You Never Heard In Your Life“ aufhören musste. Die Gitarrensoli sind zwar kürzer, aber mehr auf den Punkt, die Tutti am Ende umwerfend, call it jazz, fake jazz, pop jazz – was auch immer. Der Typ am Rhodes kann x-mal „Kid Charlemagne“ singen („Those days are gone forever, over a long time ago, oh yeah“) und jagt mir noch immer Schauer über den Rücken. Irgendwann weißt du nicht mehr, ob man Donald Fagen oder lieber Carolyn Leonhart sein möchte! Die Musik strömt durch sie und die beiden schwarzen Background-Sängerinnen hindurch, und ihre Bewegungen wirken erotisch, weil nichts geprobt ist und sie überhaupt keine Idee haben, wie sie sich bewegen sollen.

Rechts am Bühnenrand agiert bei Steely Dan Catherine Russell mit ihren langen Dreadlocks, die Tochter von Louis Armstrongs musikalischem Direktor und Pianist Luis Russell. Auf ihrem aktuellen Album „Bring It Back“ singt sie uralte Songs, ohne dass sie in Nostalgie versinken. Sie dankt Donald Fagen im Begleittext, dass er ihr so viele obskure Klassiker gezeigt hat. In einer Episode von „Boardwalk Empire“ kann man Catherine mit dem „Crazy Blues“ von Bessie Smith hören. Die Serie enthält auch eine verdammt gute Version von Leon Redbone singend und verdammt gut pfeifend durch „The Sheik of Araby“. Was mich nochmal zu Sidney Bechet bringt, über den ich gerade eine längere Radiosendung schreibe und der übrigens ein Alltime-Lieblingsmusiker Peter Brötzmanns ist, wo ja sowieso alles mit allem verbunden ist: „Die meisten Leute denken, sie hätten das, was sie seien, durch eigene Kraft geschaffen. Bis zu einem gewissen Grade mag das stimmen. Aber sie messen den Einflüssen von außen zu wenig Bedeutung bei: als Kind am späten Nachmittag darauf warten, dass es Nacht wird, an einem Fluss stehen, die Erinnerung daran, als man das erstemal Musik hörte, wer da gespielt hat. Solche Dinge machen das Leben aus.“ (Sidney Bechet, „Treat It Gentle“, 1960)

Buchtipp: Donald Fagen, „Eminent Hipsters“, Penguin Books, 2013