CD-Besprechung

Movements von the Wisseltangcamatta |

Bewegende Klangrätsel

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 06.08.2015 | Die Namensgebung des Trios the Wisseltangcamatta lässt eindeutig auf die Namen der Bandmitglieder schließen: Georg Wissel (as/cl), Achim Tang (b) und Simon Camatta (dr/perc) sind in der Region wahrlich keine Unbekannten, sie spielen in den verschiedenen Konstellationen – immer verschiedenen Facetten der improvisierten Musik verpflichtet. Weniger eindeutig, ja auf den ersten Blick verrätselt sind bei ihrer neuen CD movements die Titelnamen wie llgr/aeo oder rbt/uao oder ndntn/aaio. Das Rätsel lässt sich lüften, wenn man die kryptische Anordnung von Konsonanten und Vokalen als Anagramme auflöst und sich die Titel als in der Musik gängige „klassische“ Tempobezeichnungen herausstellen. Diese Form der Verschlüsselung entspricht den jeweiligen Musikstücken, sie passt sehr gut zu der Charakteristik der Musik des Trios. Diese bildet in der Tat eine Bandbreite ab von larghissimo bis vivace. Wer allerdings dahinter durchkomponierte Stücke mit angegebenem durchgängigen Tempo vermutet, sieht sich schnell enttäuscht: Wisseltangcamatta produzieren „freie“ Musik, sie erzeugen mit ihren zum Teil verfremdeten Instrumenten einen eigenwilligen Klangraum mit unterschiedlichem klanglich-musikalischen Ausdruck, der sich nur sehr indirekt auf die Tempobezeichnungen beziehen lässt. Langsame Tracks beginnen sehr leise und zurückhaltend etwa mit Klappengeräuschen, die von leiser Perkussion begleitet werden und sich mit einem gestrichenen Bass zu einem sirenenartigen Höhepunkt steigern. Oder der Saxophon-Ton wird in der Schwebe gehalten und von nervösen Drums und dunklen Bass-Pattern unterstützt. Auf den meisten Tracks entsteht so ein diffuses Klanggewusel von rätselhafter, ansprechender Ästhetik. Es finden sich durchaus auch melodiöse Anklänge durch Georg Wissels Altsax oder Klarinette oder Achim Tangs Kontrabass, aber der musikalische Grundtenor entspricht eher einem experimentell offenen Werkstattcharakter, den die drei Musiker in ihrer Interaktion pflegen. Vor allem die letzten beiden Tracks dokumentieren dies anschaulich: In dem über 13-minütigen lrghssm/aiio produzieren die Drei bei äußerster Zurückhaltung an Lautstärke eine musikalische Dauervibration, sozusagen ein Sägewerk im larghissimo, mit repetitiven Mustern und merkwürdigen Lauten, die sich dynamisch steigern und zum Schluss in einen durchgängigen (leisen) Trommelwirbel verlieren. mdrt/oeao beginnt mit moderatem Ton, der sich bis zu hochfrequenten Schwingungen steigert, es knarzt und grunzt, flötenton-artige Dauerarpeggien und –Läufe vervollständigen das musikalische Rätsel.

Das Trio the Wisseltangcamatta erzeugt in movements in feiner Nuancierung der sieben Tracks spannende abstrakte Klangwelten mit geheimnisvoller Wirkung. Das Spiel der drei Musiker lässt teilhaben an ihren weitreichenden Erfahrungen im Bereich der improvisierten Musik, ihr Zusammenspiel zeugt von einem großen Gespür für ein raffiniert abgestimmtes Interagieren im Dienste des rätselhaften Klangs.

The Wisseltangcamatta: movements (Creative Sources Cs301)