CD-Besprechung

Michael Reis Quartet |

Capturing this Moment

Text: Stefan Pieper

Köln, 09.01.2015 | „cantabile“ heißt singend, dem Fluss der menschlichen Stimme folgend – der luxemburgische Pianisten Michael Reis hört mit seinem Quartett einmal mehr auf seine innere kompositorische Stimme, was das neue Album „Capturing this Moment“ so melodiös, so atmend daher kommen lässt. Reis ist ein hoffnungsvolles europäisches Talent der jungen Generation. Er ist als Pianist auch stark in der Klassik verwurzelt, zog dann von Luxemburg aus, um den Jazz in seinen amerikanischen Hochburgen zu verinnerlichen, erhielt am Berklee College in Boston seine höheren Weihen und lebt heute in New York – mit einer ellenlangen Liste von Referenzen, wen wundert es....

In seinem Quartett kommen Musiker aus hiesigen Breiten ins Spiel, die heute meist in Köln stationiert sind und ihrerseits auch schon auf dem Sprungbrett ins internationale Format sind: Als da wären Robert Landfermann am Bass und der ebenso gefragte Jonas Burgwinkel am Schlagwerk. Kann man auf eine sicherere Bank setzen als auf diese beiden Rhythmiker, die sonst zwei Drittel des Pablo-Held-Trios ausmachen?

„Capturing this Moment“ ist der Titel seines aktuell bei Double Moon erscheinendes Album - und diese Namensgebung ist auch Programm. Reis selber begründet diese Wortwahl in den Linernotes und denkt hier an die Herangehensweise eines künstlerischen Fotografen: Der hat ein Bild im Kopf, sucht nach Objekten und einer Location für die Umsetzung seiner Idee. Das, was schließlich verewigt wird, ist doch zum allergrößten Teil eine Frucht aus dem Hier und Jetzt – genährt von Beleuchtung und Atmosphäre des Augenblicks und -vor allem- von der Energie und Emotionalität der Beteiligten.

Wer mit einer solchen Philosophie in die Welt der Töne eintaucht, muss zwangsläufig guten Jazz produzieren: Der Luxemburger präludiert zu Anfang wie in einem Prolog – dann aber folgt die Band dem Ideenfluss der Kompositionen, malt ihn aus, denkt ihn weiter, stützt und trägt ihn als verbindendes Fluidum. Lange kompositorische Bögen bilden das Rückgrat für die 14 Stücke, die komplex sind, aber nicht so wirken, sondern eher wie ein intimer, nie endender Erzählfluss anmuten. Oder nennen wir es eine unaufgeregte Rhetorik, denn die ist so ganz dem Klavierspiel von Michael Reis eigen. Symbiotisch damit einher gehen die prägnanten Flächen und Linien des Saxofonisten Stefan Karl Schmid – oft setzt sogar er die expressiven Glanzlichter – fast so, als würden sie dem Ideenfluss von Reis voraus eilen. Aber dann ist doch wieder die gemeinsame Linearität alles.

Landfermanns Bass gibt bei aller eleganten Beweglichkeit genug Grund und Halt. Jonas Burgwinkels Spiel ist - wie man es von diesem begnadeten Trommler auch nicht anders gewöhnt ist- immer ganz vorne dran. Hellwach, überraschend und nicht selten filigran in all seinen Gesten und Interventionen – hier setzt sich die eigene frühe Begeisterung für Tony Williams in einer eigenen, unverkennbaren und oft auch dezitiert linearen Rhetorik bestens fort!

Trotz der stark melodiösen Note gibt es kühn verästelte Jazzimprovisationen, die sich aus dem leichtfüßigen aber auch latent romantisch gefärbten Ideenfluss wie eine Kür erheben – um eben den Moment auszumalen und einzufangen!

Double Moon Rercords 2014

Michael Reis: piano

Stefan Karl Schmid: sax, cl

Robert Landferman: b

Jonas Burgwinkel: dr