CD-Kritik

Hans Lüdemann |

Das reale Klavier- ein Kölner Konzert

Text: Stefan Pieper

Köln, 22.10.2015 | Auch wer nicht viel mit Jazz im Sinn hat, wird irgendwann schon mal auf das sagenhafte Köln Concert von Keith Jarrett gestoßen sein. Ob man diese Platte als unerreichten Meilenstein heilig spricht oder hier einen der größten Hypes im Jazz verortet, das mag eine Frage des persönlichen Empfindens oder Standpunktes sein.

Der Kölner Pianist Hans Lüdemann zeigt sich als emanzipierter Freigeist, wenn er mit diesem Titel ironisch kokettiert. Lüdemann hat auf dem neuen Tonträger „ein Kölner Konzert“ verewigt, welches er im Kölner Loft aufgeführt hat. Und wo der eine sein eigenes vom Publikum und vermutlich auch ihm selbst geheiligtes Spiel mit eigenartigem Gesang begleitet, da greift Lüdemann auf viel bewusstere Verfahren von Bearbeitung des gespielten Materials zurück. Mittels Elektronik verbiegt Hans Lüdemann zuweilen die Töne, experimentiert und modifiziert sein Spiel mit einer virtuellen Zusatz-Ebene – und konterkariert einfach alles, was sonst in Sachen wohltemperierter Stimmung auch für den Jazzer von heute verbindlich festgelegt ist.

Aber Lüdemann spielt nicht nur mit Verfremdungseffekten, er macht auf seiner aktuellen CD auch grandiose, bestens inspirierte Musik. Bestechend auf der neuen CD ist schon der Einstieg, wo er sich aus verschiedenen Richtungen in sehr offene Strukturen hinein tastet. Er sucht Töne und Klänge, wälzt Material hin und her, lotet Verbindungslinien aus, lässt dynamische Impulse hervor brechen. Phrasen bauen sich auf, werden von atonalen Clustern durchbrochen. Figuren, die sich zu größeren Zusammenhängen vereinen und schließlich auch mal den perkussiven Ausbrüche wagen. Vor allem das erste Stück markiert einen extrem dichten kreativen Prozess, die weiteren Stücke nehmen dann immer wieder neue Perspektiven ein. Minimalistische Tonrepetitionen verdichten sich zu sphärischer Flächenhaftigkeit über der einzelne lyrische Partikel aufleuchten. Keineswegs ist dieses Hörvergnügen nur abstrakt. Lüdemann bringt genug eigene jazzige Handschrift ein. Wenn schließlich dann doch eher konventionell gejazzt wird, wirkt dies - je nach Standpunkt und Empfindung, wie ein Nachhausekommen in vertraute Umgebungen.

Auf jeden Fall zeigt der Kölner, der übrigens aktuell in Philadelphia lebt, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt als das Köln Concert. Vor diesen hat Lüdemann aber einen großen Respekt: Er selbst hat es einst mit viel Bravour bei der eigenen Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. gespielt.

Hans Lüdemann

Das reale Klavier - ein Kölner Konzert

(BMC records/NRW Vertrieb)