Plattenkritik

About Aphrodite |

Ocean Lily

Text: Stefan Pieper

Dortmund, 28.01.2015 | Zu neuen Ufern aufgebrochen sind Hans Wannink und Gilda Razani, die sich seit letztem Jahr about aphrodite nennen und seitdem auch betonen, dass dies ihr offizieller, echter Bandname ist. Daraus spricht der Wille, in neuen Gefilden voll und ganz und bis auf weiteres zuhause zu sein!

Zwei Jazzmusiker sind in die weite Welt der elektronischen Tanzmusik aufgebrochen. Deren Praxis weicht ja gar nicht mal so sehr von den Prinzipien eines Jazzers ab. Will sagen: Vieles passiert live und jeder Auftritt ist anders. Pioniertaten für die beiden Dortmunder waren mehrere vielbeachtete Auftritte, bei denen Fetih Ak und Djamel Laroussi als Perkussionisten hinzu gekommen sind – eine allwöchentliche Night Session im domicil gibt allen Raum, um sich von einengenden Formaten einzelner Stücke und domestizierten Hörsituationen weiter zu emanzipieren.

Die Beats und die Musik spüren, sich fallen lassen, tanzen und die Energie des Raumes spüren. Ein nehmen und Geben für Musiker und Publikum...

Jetzt sind finden sich die Früchte dieses Neuaufbruchs auf Tonträger verewigt – und damit es was ganz besonderes ist gleich auf einem repräsentativen Doppel-Vinyl. Was auch den DJ freut. Dafür ist about aphrodite beim australischen Label „aztekmusic“ untergekommen. Und da befinden sich die Dortmunder in bester internationaler Gesellschaft mit Künstlern im Bereich avancierter Elektronik. Drum and Bass, Triphop, Intellegent Dance Musik leben hier fort und entwickeln sich weiter – Genres die in den 90ern wie Pilze aus dem Boden schossen - als Produzenten und Musiker die weite Welt ungeahnter Klänge und neuer Technologien atmeten, und es eine Zeitlang so schien, als würde sogar die Popmusik vor allem vom Prinzip des musikalischen Fortschritts gesteuert.

Das meiste davon ist wieder in den Underground zurückgekehrt und lebt hier munter weiter. „About Aphrodite“ entführt in die Gefilde von Trance, was manchmal auch psychedelisch und immer atmosphärisch, ja lyrisch eingefärbt ist. Schwere wummernde Subbässe, energische Kicks des Drumcomputers. Pulsierende Djemben und allerhand andere Werkzeuge für ein lebendiges Perkussion-Stakkato sind im Einsatz. Darüber legt sich ein opulentes Sounduniversum mit wärmenden Synthesizer-Leads. Auf einem solchen wärmenden Teppich bewegen sich Hanns Wannink, Gilda Razani, Fetih Ak und Djemel Laroussi ganz individuell. Melodische Elemente bis zu eloquenten Jazz-Improvisationen geben fantasievolle Fluchtpunkte und erzeugen eine märchenhafte Aura – mal auf Saxophonen und Flöte, immer wieder durch Klavier-Intermezzi, aber auch durch Gilda Razanis fragmenthaft eingestreute „spoken words“, die etwas mystisches haben. Das Label spricht hier von „Future Jazz“, man kann auch durchaus Spurenelemente von Minimal Techno ausmachen. Aber was sind schon Schubladen!

Vor allem, wenn hier gleichsam exotisch wie plausibel jenes älteste elektronische Instrument der Welt mitmacht - das Theremin, bei dem auf wundersame Weise mit Handbewegungen völlig berühungslos imaginäre Saiten bzw. eigentlich Magnetfelder in Schwingungen versetzt werden. Gilda Razani nutzt dieses Instrument als Melodieinstrument. Natürlich haben auch die besonders plakativen Stücke ihren Weg auf dieses Doppelvinyl gefunden, wo der sirrende, singene Theremin-Sound eines der berühmtesten Morricone-Filmmmusikthemen und auch das Albinoni-Adagio mit romantisierend ironischer Spaghettiwestern-Ästhetik auflädt. Mindestens so spannend sind aber auch die schwirrenden, vibrierenden Klanggesten, mit welchen Gilda Razani den dichten vibrierenden Elektronik-Soundteppich aus Hanns Wannings Gerätepark komplettiert.

„About aphrodite“ und das neue australisches Label haben bei der Produktion ganze Arbeit geleistet. Sämtliche Stücke wurden beim sommerlichen Konzert im Gelsenkirchener Stadtbauraum aufgezeichnet. Die Nachbearbeitung des Materials lässt den Stücken aber die ganze Reife einer abgerundeten Studioproduktion angedeihen.

Vinyl:

About Aphrodité

Ocean Lily

aztek elektronic music