CD-Besprechung

Anne Hartkamp und Thomas Rückert |

‚Dear Bill’

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Köln, 12.12.2015 | An Themenalben zu dem großen Bill Evans gibt es keinen Mangel, ist doch der Meister des Jazzpianos für Generationen von Musikern sprudelnde Inspirationsquelle und Referenz für eine intime Jazzidiomatik. Die Kölner Vokalistin Anne Hartkamp und Pianist Thomas Rückert - und als special guest der Solo-Bassist der WDR-Bigband, John Goldsby - widmen sich in ihrer neuen CD Dear Bill dem Piano-Genie, ein Unterfangen, das zwischen epigonalem Nachspielen und Neuinterpretation ohne wirklichen Bezug zum Ursprungsmaterial leicht schiefgehen kann. Dear Bill gelingt diese Gratwanderung.

Die zwölf Tracks der CD enthalten drei Evans’sche Klassiker: Letter To Evan, den liebevollen Liebesbrief Evans’ an seinen Sohn, Very Early in einer unbeschwert-leichtfüßigen Version und Turn Out The Stars. Letzteres ist das längste Stück der CD, in dunklen Farben zeigt vor allem Thomas Rückert seine Modulationsfähigkeiten am Piano.

Weiter enthält die CD von Evans häufig gespielte Standards aus dem American Songbook wie My Foolish Heart, How Deep Is The Ocean, Quiet Now. Theme from M*A*S*H kommt in einem keck tänzelnden Duett von Stimme und Klavier daher, die Vokalisen von Anne Hartkamp umspielt der Pianist mit perkussiven Staccato-Figuren. Zusätzlich finden sich zwei Eigenkompositionen von Anne Hartkamp und Thomas Rückert: Dear Bill und Translucent Yellow. Der titelgebende Track ist eine kurze Hommage an Evans, die zweite Eigenkomposition passt sich in ihrem hell-schwebenden Mood der Stimmungslage der gesamten CD an.

How Deep Is The Ocean beginnt mit einer Bassfigur, die Stimme von Anne Hartkamp setzt ein, das Klavier begnügt sich mit wenigen Akkorden, übernimmt die Stimme in einem nur vom Bass begleiteten Solo, als Trio endet das Stück. Dieses Vorgehen ist symptomatisch für den Ansatz der gesamten CD: Gab Bill Evans vor allem seinen Trio-Mitspielern immer genügend Freiraum für eigenes Spielen, ist dieser „emanzipatorische“ Ansatz auch in Dear Bill übernommen: weder bei Anne Hartkamps Part noch beim Piano noch in den vier Tracks mit John Goldsbys Bass dominiert eine Stimme, der Bass etwa bei Never Let Me Go übernimmt im oberen Register die Melodielinie, die im Klavier bzw. in der Stimme ausgeführt ist, im Dialog bzw. Trialog finden die Musiker zusammen und tragen zum harmonischen Gesamtgelingen bei. Die vier mit John Goldsby eingespielten Titel lassen erkennen, dass der erdige und singende Bassklang und das einfühlsame Spiel des Bassisten auch den Klangraum der gesamten CD hätten bereichern können.

Dear Bill ist insgesamt geprägt von einer sympathischen Zurückhaltung von Könnern, die ein Zur-Schau-Stellen ihrer technischen Fähigkeiten nicht nötig haben. So zieht sich Thomas Rückert nach schnellen Läufen und raffinierten Akkordschichtungen häufig auf eine sparsame Akkord-Begleitung zurück, oder Anne Hartkamp überlässt beispielsweise dem singenden Bass den Vokalpart. Sie zeigen damit eine Wandlungsfähigkeit, wie sie nur gelingen kann, wenn man sich durch gemeinsames Musizieren gut kennt und eine ähnliche Schwingung entwickelt. Der Geist von Bill Evans steht unverkennbar Pate, die Musik der CD erweist sich als kongenial gegenüber der filigranen Intimität des Meisters, weil sie sich nicht über-ambitioniert vor dem übergroßen Idol verbeugt, sondern die Reverenz in einer hochsensiblen und tiefempfundenen Musikalität ausdrückt.

Der klanglichen Poesie von Bill Evans, seinen lyrischen Interpretationen, dem Fragilen und Sensiblen des Evans’schem Klangkosmos wird Dear Bill voll und ganz gerecht – das ist eine ganze Menge.

Erschienen bei JazzSick Records

5086-2JS (CD) oder 5086-1JS (Vinylfassung)