CD-Rezension

​Norbert Stein Pata Messengers |

Das Karussell

Text: Stefan Pieper

Köln, 08.12.2015 | Jazz ist gerade in seinen Randbereichen spannend – vor allem, wenn er nicht selbst-referentiell und sich selber kreist, sondern in andere Bereiche eindringt oder diese zu integrieren weiß. Allein, weil dadurch auch Chancen wachsen, neue Hörer für die vielgestaltige Welt improvisierter Klänge zu öffnen.

Nobert Stein und sein Quartett Pata Messengers haben das gewichtige Bezugsfeld „Jazz trifft Literatur“ für sich definiert – und die Rechnung geht hier auf:

Auf ihrer CD „play Rainer Maria Rilke“ finden sich acht Rilke-Texte musikalisch weitergedacht und überhöht. Aber man tut gut daran, die Originale unangetastet zu lassen. Ingrid Naomi Stein trägt erstmal in ruhigem Sprachgestus und mit sinnlicher dunkler Stimme alles vor. Nichts greift hier ein, nichts soll manipulieren. Die Welt ist schon laut genug, so dass man die Worte selbst nicht noch lauter machen braucht.

Also setzt die Band mit ihrem freigeistig improvisierenden Spiel immer erst nach den jeweiligen Worten ein. Also liefern die kollektiven Improvisationen, Klangskizzen, Freejazz-Ausbrüche oder auch lyrische Balladen-Splitter jedes Mal eine Art Resummé. Sie tragen die Emotion weiter, eröffnen neue Assoziations- und Fantasieräume aus, bei der aber die Rilke Texte in jedem Moment Ausgangspunkt bleiben.

Wie soll ich meine Seele halten? Der fragende Gestus zielt auf ein Gefühlschaos bei Liebenden aus. Wenn Grenzen zwischen zwei Menschen dahinschwinden, sind das auch Grenzerfahrungen. Dissonante Intervallsprünge aus Norbert Steins Tenorsaxofon treiben den Suchenden atmemlos voran. Die Empfindungswelt steigert sich ins Bedrängende, setzt Momente einer bohrenden expressiven Dichte frei.

Was war in deinen Träumen? Fragt ein Text und zieht mit nur wenigen Worten in tiefste Schichten des Unterbewussten hinein. Da braucht der Hörer/Rezipient erstmal eine Atempause, die von den Pata Messengers auf den Punkt geliefert wird: Lyrisch, nachdenklich, fast kindlich-unschuldig antworten Norbert Stein und Joscha Oetz im betont sanglichen Duett.

„Graue Liebesschlagen“ sind Thema einer skurrilen Momentaufnahme – auch dies wieder Worte, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. Damit man hier nicht die Leichtigkeit verliert, spielt die Band eine funkige Nummer, die fröhlich, unterhaltsam und vordergründig wirkt.

Ein richtig großes Fass macht ein Text auf, der beschreibt, wie ist es ist, die Erde nicht mehr zu bewohnen. „Das tot sein ist mühsam und voller Nachholen“. „Lebendige machen alle den Fehler, dass sie zu stark entscheiden.“ „ Engel wüssten oft nicht ob sie unter lebenden oder toten gehen.“ war das nicht das zentrale Thema bei „Himmel über Berlin“? Die ganze zarte Melancholie, die fast märchenhafte Aura, die von solchen Assoziationen aussieht, gibt einer melancholischen, friedlich durchatmenden Jazzballade Nahrung.

Auf ähnliche, aber immer wieder verblüffend vielgestaltige, unberechenbareWeise funktionieren auch die weiteren Stücke, vor allem auch das sehr bildhafte Titelstück, das das kindliche Erleben einer Karussellfahrt plastisch erfahrbar macht. Rilkes Texte sind Ideensplitter, die ganz schnell und mit nur wenig Worten zu großen Gedankengebäuden werden. Momentaufnahmen, die jedes Mal eine andere Emotion oder Farbe haben. Norbert Stein, Saxofon, Nicola Hein, Gitarre, Joscha Oetz, Bass und Etienne Nielsen, Percussion haben die Literatur hoch empfinsam auf sich wirken lassen, brachten dadurch die Saiten ihrer eigenen musikalischen Fantasie zum klingen und geben all dies mit bester Spielfreude weiter. Hier wird „angewandter“ Jazz in bestem Sinne praktiziert!

CD

Norbert Stein Pata Messengers play Rilke

Karussell

Pata Records 2015