CD-Besprechung

Ingo Marmulla |

Blue Lines

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Georg Sommer

Bochum, 01.04.2014 | Unser geschätzter nrwjazz-Redakteur-Kollege ist auch ein emsiger Musiker. Neben vielen Live-Auftritten hat jetzt Ingo eine neue CD herausgebracht: ‚Blue Lines'. Der Titel ist Programm: Unverkennbar zeigen die Stücke mit fast ausschließlich eigenen Kompositionen (einzige Ausnahme: ‚Zephyr' von Charlie Mariano in einer wunderbar relaxed gespielten Version) die stilistische Nähe zum Blues. Diese Blues-Roots sind bekanntermaßen im Jazz nichts Ungewöhnliches, immer wieder spannend – so auch auf der CD – ist die Variation der rhythmischen und v.a. melodischen und harmonischen Pattern, die Variation des Blues als Ausgangsmaterial sozusagen.

Dem Trio von Ingo Marmulla an der Gitarre mit dem v.a. im Ruhrgebiet aus verschiedenen Formationen bekannten Caspar van Meel am Kontrabass und dem Drummer Dominic Brosowski gelingt dies in äußerst spannender Weise. Gemeint ist in der Umsetzung damit nicht ein "klassisches" Blues-Korsett von zwölf Takten, sondern die Art der Phrasierung, die Art und Weise, Blueselemente in eine durchgängig umgesetzte straight ahead-Spielweise einzubringen. Dies zeigt sich paradigmatisch im Titelsong ‚Blue Lines', der als Opener einen starken Einstieg in die CD gibt: Es beginnt mit einem Riff der Rhythmus-Fraktion, das Thema wird von den beiden Bläsern wiederholt, anschließend verlässt Ingo Marmulla die Rolle des rhythmischen Begleiters und übernimmt ein "fliegendes" Gitarrenspiel mit unverkennbarer Reverenz an sein Vorbild Wes Montgomery. Dann steigt Gerd Dudek mit einem Solo mit seinem Coltrane-esken Tenorsax ein, das Matthias Bergmann am Flügelhorn aufnimmt, dann wird im Tutti die Melodielinie wieder aufgegriffen.

Dies ist ein überzeugendes Kennzeichen der gesamten CD: ein wunderbares Zusammenspiel des Trios mit den Bläsern, eine feinsinnige und höchst unaufdringliche Interaktion aller Beteiligten. Die Rhythmus-Fraktion wird nicht nur auf ihre eigentliche Funktion beschränkt, Caspar van Meel bekommt immer wieder Gelegenheit zu solistischen Ausflügen, wobei Ingo Marmulla dann den Akkord- und Rhythmusgeber übernimmt. Großartig ist Gerd Dudek (Jg. 1938), der seinen ganzen Erfahrungsschatz und sein stilistisches Repertoire in seine virtuosen Soli einbezieht. Ihn auf ein Coltrane-Feeling zu reduzieren, würde seiner vielseitigen Spielweise mit An-Klängen bis zum Free nicht gerecht. Mit Matthias Bergmann am Flügelhorn (und in ‚Seven Eleven Street' – benannt nach dem Asterioden Marmulla - auch mit Catrin Groth am Altsax) ist ein starkes Bläserensemble zu erleben, das zu dem runden Gesamtsound der CD genauso beiträgt wie die ansprechenden Soli aller Musiker. Der Wechsel von Ensemble-Spiel, (schnellen) Läufen und Gegen-Läufen, die Soli, denen sich die Mitspieler kongenial unterordnen bzw. für die sie die Basis liefern: Das alles zeigt eine sehr gut ausbalancierte und ansprechende Musik von hervorragenden Musikern.

Beachtlich ist dabei auch die stilistische Vielseitigkeit der Aufnahmen: Es finden sich ein für Ingo Marmulla obligatorischer Shuffle (‚Way up, way down'), ein sehr entspanntes langsames bluesiges Stück des Trios (‚Grishuna Blues'), eine sehr ruhige Ballade ebenso in Trio-Besetzung (‚My Ballad'), ein auch in formaler Hinsicht dem Blues-Schema entsprechender ‚Blues for BB' mit einem straighten Hardbop-Intro (die Widmung dürfte eher Benny Bailey, dem langjährigen Mitspieler und Bandleader von Ingo Marmulla, gelten als dem Rezensenten), eine melodiestarke ältere Marmulla-Komposition (‚I remember Tizzano'), die in ihrer Stilistik an Pat Metheny erinnert und die neben der schwingend-singenden Gitarre mit einem überzeugenden Bass-Solo aufwartet. All dies zeigt: ‚Blue Lines' greift die alte, immer wieder gute alte Geschichte des Blues auf und übersetzt sie in eine äußerst ansprechende gereifte Jazz-Idiomatik.

Ingo Marmulla: Blue Lines
Ding Dong Rec. 1060