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Free Jazz in der DDR. Weltniveau im Überwachungsstaat

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Potsdam, 11.06.2014 | Gleich mehrfach stieß ich in diesen Tagen auf die Spuren von Peter Kowald: Natürlich beim Moers Festival, bei der Eröffnung durch BASSMASSE, bei der Sebastian Gramss den Kontrabass von Peter Kowald als Reverenz an das Gründungsmitglied des Moers Festivals spielte. Ebenso bei der im Augenblick noch in Potsdam gezeigten Wanderausstellung Free Jazz in der DDR. Weltniveau im Überwachungsstaat. Peter Kowald gehörte demnach neben Peter Brötzmann, Albert Mangelsdorff, Manfred Schoof, Paul Lovens und Alexander von Schlippenbach und anderen zu den – wenigen – westdeutschen Musikern mit einem gewissen Austausch und engeren Kommunikationsformen mit der Free Jazz-Szene der DDR.

Die Ausstellung beschäftigt sich neben diesem Aspekt der „Internationalisierung“ dieser Szene selbstverständlich im Kern mit der Entwicklung von Jazz in der DDR. Sie gibt mit einer Reihe von Show- und Info-Tafeln, vielen Musikbeispielen und Filmen sowie mit Plakaten, Fotos, Zeitungsartikeln, Interviews und Plattencovern einen umfang- und sehr aufschlussreichen Überblick über die Entwicklung einer „sperrigen“ Musik, die in der DDR unterschiedliche Rezeptionsweisen erfuhr: von der im Nationalsozialismus als „entartet“ verfemten und damit „antifaschistischen“ positiv konnotierten Musik über eine als „amerikanisch-imperialistisch“ öffentlich verbannte Musik, die schließlich als Musik der „afroamerikanischen Arbeiterklasse“ wieder rehabilitiert wurde, deren Fans jedoch bis zum Mauerfall sich dem suspekten Image der Unangepassten ausgesetzt sahen. Das Changieren zwischen „Misstrauen und Förderung“ – so der treffende Titel einer Ausstellungstafel – drückte im Wesentlichen das Verhältnis der DDR-Behörden gegenüber einer Musik aus, die Mitte der 60er Jahre einen regelrechten Boom erfährt, die insbesondere von einem Konzert 1964 vom Joachim Kühn Trio im Ratskeller von Potsdam-Babelsberg mit neuen freien Tönen ihren Ausgang nimmt und eine eigenständige Entwicklung freisetzt.

Interessant ist, wie gerade in den 70er Jahren ein deutlicher kreativer Schub einsetzt von spielfreudigen, durchaus auch egozentrischen und hochgradig individualistischen Musikern, die aus unterschiedlichen Richtungen wie der Rockmusik, der Klassik und modernen ersten Musik kommen, häufig gut ausgebildet sind und sich mit ihrer Improvisation von allen Seiten abgrenzen: von den amerikanischen Vorbildern des „modern jazz“, von den Klischees der DDR- (und sicherlich der BRD-)Unterhaltungsmusik. In der Ausstellung werden achtzehn Musiker porträtiert und mit Hörbeispielen vorgestellt, u.a. Conny Bauer, Johannes Bauer, Helmut Sachse, Ernst-Ludwig Petrowsky, Ulrich Gumpert, Günter „Baby“ Sommer, Manfred Schulze. Viele machten sich auf den Weg, um sich einer subkulturellen musikalischen Nische zu verschreiben, die von ihren Protagonisten und ihren Fans eher als apolitische Revolte gegen vorgestanzte und vorgeschriebene Muster, als diffuse Verweigerungshaltung verstanden und gelebt wurde. An vielen Orten in der DDR entstanden so Keimzellen einer eigenständigen und überaus produktiven Jazz-Bewegung, eine Karte in der Ausstellung macht dies sinnfällig deutlich. Hervorzuheben sind hier vor allem Ost-Berlin, Leipzig, Jena, Magdeburg, Dresden, Ilmenau - und das kleine Peitz an der polnischen Grenze, das sich zu einem Open-Air-Eldorado für den freien Jazz mit 3 – 4.000 Besuchern entwickelt. Festival-Mitbegründer (neben Jimi Metag) Ulli Blobel nennt das Phänomen Peitz in dem von ihm herausgegebenen gleichnamigen Buch: „Woodstock am Karpfenteich“. Nach überaus erfolgreichen 46 Auflagen wird dieses Mekka des Free Jazz 1982 jäh von den DDR-Behörden gestoppt.

Ausstellung und Buch demonstrieren sehr anschaulich die Bedeutung der Musiker und der Musik für die DDR-Fans, für die Entwicklung der Jazz-Szene in der DDR, aber auch im deutsch-deutschen und internationalen Kontext. Sie ist ein Muss für jeden Jazz-Fan und für jeden, der sich für die deutsche (Kultur-)Geschichte interessiert. Es versteht sich von selbst, dass die Ausstellung mit einer Konzert-Reihe begleitet wird.

Die Wanderausstellung des erinnerungslabors Berlin ist nach Stationen in Cottbus, Berlin und Wuppertal bis zum 5.10.2014 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) im Kutschstall in Potsdam zu Gast.

Nähere Informationen: www.hbpg.de

Einen Ausstellungskatalog gibt es leider nicht. Unbedingt lesenswert (mit CD) jedoch: Ulli Blobel (Hg.), Woodstock am Karpfenteich. Die Jazzwerkstatt Peitz. (Bundeszentrale für politische Bildung) Bonn 2011.