CD-Besprechung

Andreas Kaling |

Tomorrow Is The Question

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 19.10.2014 | Vor zwei Jahren fand die Solo-CD As If There Was A Tomorrow von Andreas Kaling starke Beachtung: wegen des eher ungewöhnlichen Solo-Instrumentes, des Bass-Saxophons, wegen Kalings hervorragender Spieltechnik mit Zirkularatmung und obertonreichem Spiel, wegen der interessanten Spielweise, mit diesem sperrigen Instrument gemeinsam mit Stimme und Klappengeräuschen als Perkussionsinstrument die Grenzen eines gängigen monophonen Instrumentes deutlich zu sprengen. In diesem Sinne ist sich der Bielefelder Saxophonist treu geblieben. Auch seine zweite Solo-Produktion – gerade bei JazzHausMusik mit dem Titel Tomorrow Is The Question erschienen – arbeitet sehr ähnlich mit dem Tieftöner der Saxophon-Familie, ja mit der Neuproduktion ist eine Perfektionierung des solistischen Umgangs mit dem Instrument erkennbar.

Der CD-Titel kommt einem natürlich bekannt vor, die gleichnamige Scheibe stammt von Ornette Coleman aus dem Jahre 1959. Im Titel- und Endstück greift Kaling die Coleman-Vorlage auf. Im kraftvollen Opener übersetzt er sie im in ein vielschichtiges und variationsreiches Obertonreich, im zwölften Stück am CD-Ende gelingt dem Solisten mit der Reprise des Coleman-Titels eine wahrhaft furiose Hommage an das Free Jazz-Vorbild, indem in schnellen Läufen über das ganze Sax-Register eine Jimi Hendrix-artige Ekstatik exerziert wird. Dem sich vielleicht aufdrängenden Eindruck, dass hierbei technische Hilfe wie etwa Distortion- und andere Effekte eingesetzt würde, ist klar zu widersprechen: Allein durch eine raffinierte Blastechnik holt Andreas Kaling aus dem besonders obertonreichen Bass-Sax die delirierenden Effekte heraus.

Auch die anderen Stücke in dem thematischen Rahmen von Tomorrow Is The Question kommen ohne besondere technische Tricks aus, im Booklet findet sich – wie schon auf der letzten CD – der Hinweis: „No overdubs, no loops, all music is played live!“ Dies kann man beim ersten Hören fast gar nicht glauben, spielt Kalings Bass-Sax nicht nur einfach einen Groove. Durch eine geschickte Mikrophonierung des Instruments und des Kehlkopfes des Musikers sind dem Sax-Spiel Klappengeräusche als perkussive und Kalings Stimme als melodiöse „Spur“ beigemischt – synchron notabene! Nach Aussage von Andreas Kaling benutzt er in den Stücken War Pigs/Fith in Line, What Comes After und What Would You Do If Time Stands Still eine Sopransax-Mundstückkappe, die er sich über den Daumen steckt und auf den Korpus des Saxophons schlägt, wie gesagt: live und ohne overdub. Insgesamt verleiht dieses Spiel der Solo-Performance eine oft verblüffende, äußerst spannende vielschichtige Mehrstimmigkeit. Die musikalischen Assoziationen beim Amalgam von Bassgroove, stampfendem Rhythmus und Gesangsstimme sind dabei ebenso vielfältig: Die Improvisation What Comes After etwa erinnert an Mönchsgesang, Electric Hint an schamanische oder indianische Rituale.

Kaling bezieht auf seiner neuen Solo-Veröffentlichung neben den musikalischen Mitteln explizit Text mit ein: In dem Titel War Pigs/Fifth in Line wird das Zitat des Black Sabbath-Titels geschickt mit Ernst Jandls Gedicht fünfter sein verbunden (warum nur in englischer Version in der Übersetzung des Musikers?). Oder im King Crimson-Song Sex, Sleep, Eat, Drink, Dream gelingen Kaling wundervolle Sax-Phrasen und -Grooves, in die intermittierend die Rezitation des wahrhaft elliptischen Textes von Adrian Belew eingearbeitet wird. Eine Ausnahme von der selbst auferlegten overdub-Absenz findet sich in dem Titel Wishing For A Will, bei der die Stimme von Katie La Voix mit einem Song über dem stampfenden Groove aus Saxophontönen, Klappengeräusch und Gesang von Andreas Kaling gelegt wird. Dieses Songformat wirkt ein wenig wie ein Fremdkörper auf der Solo-CD.

Das Material der CD insgesamt bezieht sich, wie bereits angedeutet, neben den Eigenkompositionen auf Ornette Coleman, King Crimson und Black Sabbath, was bei Andreas Kaling als Mitglied von Deep Schrott, dem legendären Bass-Saxophon-Quartett mit ähnlicher thematischer Ausrichtung, nicht verwundert. Auch gelangt mit Todesblumen wieder einmal ein traditionelles deutsches Lied in das Kaling’sche Spiel-Material. Kaling bläst hier in „klassischer“ Saxophon-Interpretation zunächst die Melodielinie klar und getragen. In nahezu unmerklicher Variation – zunehmend rhythmisiert durch Explosivlaute – gleitet die „schöne“ Melodie in obertonreiche Modifikationen und Verfremdung, um am Schluss wieder zur traurig-schönen Melodie zurückzukehren. Zu dieser findet der sonore Sound des Bass-Saxophons eine wunderbare Entsprechung.

Die hohen Erwartungen an Andreas Kaling nach dem Solo-Debut vor zwei Jahren werden durch Tomorrow Is The Question mehr als erfüllt.Ein rundherum gelungenes Geburtstagsständchen für den Erfinder des Saxophons, Adolphe Sax, dessen 200. Geburtstag im November diesen Jahres zu feiern ist. Er hätte sicherlich seine helle Freude an der spielerischen und klanglichen Kunst von Andreas Kaling und seinem Jumbo-Sax – wir als Heutige allemal.

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Siehe auch: www.andreas-kaling.de