Preise nicht nur fürs Spielen |

Jazzpreise NRW in Münster vergeben

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Münster, 02.02.2016 | „In NRW scheinen sich die Jazzer wohlzufühlen“ musste die WDR-Hörfunkdirektorin Valéry Weber bei der Preisverleihung des WDR Jazzpreises in den Städtischen Bühnen Münster einräumen. Sonst wäre die Szene in NRW nicht so, wie sie ist, könnte man anfügen...

Seit 2004 würdigt der WDR Jazzpreis herausragende Leistungen in Sachen improvisierter Klänge aller Genres und Stilrichtungen – und er gilt als der am höchsten dotierte Preis für Jazz im Lande.

Unter Federführung des WDR wird die Preisverleihung alle Jahre wieder zu einem mehrtägigen Festival ausgeweitet, welches eben bewusst nicht in der Heimatstadt des Senders, sondern in verschiedenen anderen geeigneten Spielstätten in NRW über die Bühne geht. Und da konnte der Sender in diesem Jahr auf das Münsteraner Theater als bewährtem Jazz-Standort zurück greifen.

Erfahrene internationale Koryphäen begegnen hier relativ jungen Akteuren. Die Preise tragen verschiedenen Sparten und Disziplinen Rechnung und werden nicht nur fürs reine Musikmachen vergeben. Jazz als kulturelles Ganzes soll im Fokus stehen. Früh übt sich hier: Der Münsteraner Trompeter Christian Kappe hat die Jugendbigband UniJAZZity auf die Beine gestellt. Das jüngste Mitglied ist gerade einmal 11 Jahre alt. UniJaZZity als Bigband für den jungen Musikernachwuchs kommt immer noch ein gewisses Exotendasein zu. Dass junge Menschen im Schüler-Alter schon mit Leib und Seele Jazz spielen, beansprucht im weitgehend klassik-affinen Musikschulbetrieb immer noch einen gewisse Sonderstatus. Im Rampenlicht der Städtischen Bühnen agierte die Truppe unter Christian Kappes Leitung auf jeden Fall so stilsicher und präzise, dass die jungen Jazzer irgendwann einmal in die Fußstapfen der ehrwürdigen WDR-Bigband treten könnten bzw. hier schon mal beste Grundlagen für Präzision und Timing erwerben.

Die WDR-Bigband war beim Preisträgerkonzert im Münsteraner Theater ebenfalls sehr gefragt- gehörte doch ein Bandleader und Komponist zu den Ausgezeichneten: Stefan Pfeifer-Galilea ist nicht unbedingt ein Erneuerer des Bigband-Formats, dafür arbeitet er sich überzeugend an vielen Ausprägungen von großem Jazz-Erbe ab, wenn er Spurenelemente von Duke Ellington oder Gil Evans in moderne Formate zu überführen weiß.

Aus Köln kommt jener Radiosender, der sich – auch im Vergleich zu sämtlichen anderen Stationen- am stärksten für den Jazz einbringt und die Stadt Köln mit ihrer Szene und der Musikhochschule ist eine „der“ großen Talentschmieden des Jazz in Deutschland. Von dort kommt der Gitarrist Tobias Hoffmann, der zurzeit vielbeachtete, frische Wege in Sachen ambitionierter Saitenkunst bestreicht und dafür im letzten Jahr schon einen ECHO bekam und jetzt eben den Improvisationspreis des WDR. In Triobesetzung zauberte Tobias Hoffmann mit seinem bluesgetränkten, singend- sphärischen Gitarrensound ganz großes Kino ins Münsteraner Theater – nicht nur, als er einen Roxy-Music-Klassiker neu aufleben ließ. Die Kreativität, die allein aus den zwei Stücken seines Mini-Auftritts nach der Preisverleihung spürbar war, deutet darauf hin, dass man von diesem Spieler noch viel hören wird!

Das ist ebenfalls bei der Klarinettistin Annette Maye zu erwarten, die mit dem Künstlerinnenpreis NRW ausgezeichnet wurde. Die aus Flensburg stammende und in Köln lebende Musikerin ist eine große Stimme auf ihrem Instrument und hat als musikalische Weltreisende viele Kulturen auf diesem Globus erforscht. Zurzeit verschafft sie sich vor allem in der Welt des Klezmer Gehör. Im Münsteraner Theater spielte sie mit einem „Senior“ ihrer Disziplin, dem Klarinettisten Gianluigi Trovesi zum mitreißenden, mediterranen Duo auf - einen Abend später ging es in größerer Bandbesetzung weiter.

Einen Ehrenpreis vergibt der WDR für engagierte Taten, die um das eigentliche Musikmachen herum stattfinden. Da geht es oft um Musikvermittlung, etwa, wenn Journalisten oder auch mal Fotografen prämiert werden. In diesem Jahr bekommt ihn wohlverdient die Union Deutscher Jazzmusiker, kurz UDJ, für die Vertretung der Interessen der spielenden Zunft. Vor Jahrzehnten gegründet, war es lange still um diesen Dachverband der Jazzmusikerinnen und Musiker in Deutschland. Seit circa 5 Jahren hat sich die Situation geändert und aktuell zählt die Organisation 592 Mitglieder. Ziel sei, so UDJ-Vorstandsmitglied Felix Falk bei seiner Dankesrede nach der Preisübergabe, zu zeigen, wie spannend Jazz in Deutschland ist und gesellschaftlich relevant zudem: „Jazz ermöglicht das Wesen der Improvisation als gesellschaftliche Kernkompetenz zu entwickeln. Dafür zu werben, ist erklärtes Ziel der Union Deutscher Jazzmusiker. Der Preis motiviert uns, weiter zu machen.“

Um das Preisträgerkonzert herum waren in Münster gleich eine ganze Reihe hochkarätiger Auftritte zu erleben, die auch mal Sternstunde waren. Da verblüffte die sprühende spielerische Energie des mittlerweile 88 jährigen Martial Solal. Einen berührenden Dialog pflegten die Pianisten Julia Hülsmann und die norwegische Sängerin Torun Eriksen. Sidsel Endresen, die übrigens den zweiten Künstlerinnenpreis NRW bekam, führte das Festival stimmungsvoll zum Finale.

Bewusst kommen beim WDR3 Jazzfest auch ehemalige Preisträger zu Gehör. Das gewährt Einblicke, wie künstlerische Werdegänge weiterhin Früchte tragen. Leuchtendes Beispiel dafür war in Münster der Bassist Robert Landfermann. Früher eher als Sideman unterwegs, hat er mittlerweile eigene Formationen entwickelt – gerade befindet er sich im Quartett mit Achim Kaufmann, Klavier, Jim Black, Schlagzeug, Chris Speed, Tenorsax und Klarinetten auf steilem Erfolgskurs. Die vier ließen im kleinen Haus auf Anhieb vergessen, das es schon nach Mitternacht war - so konzentriert und elementar war die zupackende Interaktion der vier! Rhytmische Strukturen, Motive und Energieströme vereinigen sich und laufen wieder auseinander. Kompositorische Ideen leben weiter, mutierten zu Neuem oder explodierten in einer extrem dichten Kommunikation, egal ob Gesänge der Inuit oder ältere Stücke von Paul Motian das Ausgangsmaterial darstellten. Überwältigend genug waren diese Eindrücke, dass man danach erst mal keine andere Musik mehr anhören mochte.

Eine große Nachlese des WDR 3- Jazzfestes gibt es am Donnerstag,

4. Februar auf WDR 3 ab 22:05.