Neue Musik

Tra I Tempi - Macle |

The Night in Silence Under Many A Star

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Bonn, 16.02.2016 | Es gibt tatsächlich noch Geheimtipps, bei denen Neues zu entdecken ist. Neben dem Ensemble Musikfabrik in Köln oder notabu ensemble neue musik in Düsseldorf, die mittlerweile weithin bekannt sind, gibt es auch noch kleinere Ensemble, die nicht jeder kennt. Eines dieser Ensembles ist Tra I Tempi aus Bonn, unter Leitung des Komponisten und Musikers Michael Veltmann.

In unregelmäßigen Abständen gibt das Ensemble Tra I Tempi Konzerte unter dem Titel „Erlebnis Neue Musik“ im Theater im Ballsaal in Bonn-Endenich.

Am Sonntag den 14.2.16 fand das 37. (!!!) Konzert dieser Reihe statt. Nachdem das letzte Konzert im November mit Ensemble und Chor stattfand, gibt es nun eine kleine Besetzung: Nicole Ferrein, Sopran und Michael Veltman, Klavier und Stimme.

Auf dem Programm stehen zwei zeitgenössische amerikanische Komponisten, deren Lebensläufe kaum gegensätzlicher sein können. Da ist zum einen George Crumb (*1929), einer der meistgespielten modernen Komponisten der USA. Mitglied der American Academy of Art and Science und Pulitzer Preisträger, der seit 60 Jahren mit seiner Frau im selben Haus in Pennsylvania lebt. Der andere Komponist ist Julius Eastman (1940-1990), ein schwuler Afro-Amerikaner, der die letzten Lebensjahre als Obdachloser Junkie in New York und Buffalo verbrachte.

Seine Werke sind verstreut und schwer auffindbar, viele auch für immer verloren. Die amerikanische Komponistin und Sängerin Mary Jane Leach (*1949) sammelt seit einigen Jahren die Werke von Eastman, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Werke von Julius Eastman in Deutschland live zu hören, ist also fast unmöglich. So ist es ein besonderes Verdienst von Michael Veltmann zwei Werke von Eastman zur Aufführung zu bringen.

Beide Eastman Werke sind reine Vokalkompositionen, die als grafische Partitur bzw. als Tonaufnahme in der University of Buffalo vorliegen und die Michael Veltman, von dort bekommen hat.

Das Konzert wird mit dem Werk “Macle“ (1971) eröffnet, ursprünglich für vier Stimmen geschrieben, wird es von Nicole Ferrein und Michael Veltman vorgetragen. Es wird getönt, gegrunzt, geseufzt, gelacht, gesprochen, gesungen, geschrien und geflüstert. Auch deutsche Gesprächsfetzen werden integriert. Alle Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme werden eingesetzt. Vierzig Minuten menschliche Stimme als Instrument, im Wechselspiel von zwei Akteuren. Gegen Ende wird der Aspekt der Performance, der auch vorher schon vorhanden war, noch stärker betont. Die Akteure verlassen ihre Plätze und laufen herum, verlassen schreiend den Raum und kehren zurück.

"Macle" ist eine intensive Stimm-Erfahrung, die das Publikum einen Moment sprachlos macht.

Nach einigen Minuten Pause, geht es nun mit dem Werk “Appariton – Elegiac Songs and Vocalises for Soprano and Piano“ (1979), von George Crumb weiter.

Michael Veltman spielt auf einem präparierten Flügel und Nicole Ferrein singt die elegischen Lieder nach Gedichten von Walt Whitman. Die Gedichte schrieb Whitman in der Woche nach dem Tod von Abraham Lincoln und sie sind ihm auch gewidmet. Crumb hat die meisten Texte aus dem Abschnitt “Death Carol“ entlehnt, der sich nicht mehr direkt mit Lincolns Tod beschäftigt, sondern allgemein mit der Erfahrung des Todes. Die Lieder sind als Zyklus angeordnet und kehren zum Eingangslied (The Night in Silence Under Many A Star) zurück. Crumb, der sich mit östlicher Mystik und Religion beschäftigt hat, ebenso wie Whitman, drückt damit aus, dass für ihn der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Übergang zu einer neuen Existenz, ein Kreislauf von Tod und Wiedergeburt.

Das erste Lied beginnt damit, dass der Pianist mit der Hand im Flügel über die Saiten streicht. Dabei entsteht ein Klang, der einer Harfe ähnlich ist. Zu diesen schwebenden Klängen singt die Sopranistin das Eingangslied, in dem die Seele sich dem Tode zuwendet. Zwischen den einzelnen Liedern sind Vokalisationen eingestreut, die manchmal kantig und harsch klingen, während die Lieder selbst fast eine sakrale Stimmung haben. Nicole Ferrein gibt den Liedern mit ihrem Sopran eine Ausdruckskraft, in der trotz aller Tiefe der Gefühle eine Leichtigkeit durchschimmert.

Nach einer weiteren kurzen Pause, die dem Publikum, der Musikerin und dem Musiker Gelegenheit gibt sich auf etwas Neues einzustellen, wird ein zweites etwas kürzeres Werk von Julius Eastman aufgeführt: “The Prelude to the Holy Presence of Joan d`Arc“ (1981). Bei diesem Vokalwerk übernimmt nun Michael Veltman die Hauptstimme und Nicole Ferrein schafft mit leisem Sprechgesang einen Hintergrund für die männliche Stimme. Das Werk lebt von der Wiederholung weniger Satzphrasen, die leicht variiert werden.

Das Konzert gibt dem Publikum wieder ein besonderes Erlebnis Neuer Musik, sowohl was die Auswahl der Werke betrifft und als auch ihre Darbietung.

www.traitempi.de/

www.nicole-ferrein.de/

http://www.mjleach.com/eastman.htm