Musik und Philosophie |

Interview mit Nicola Hein

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 08.02.2016 | Nicola Hein ist Gitarrist, lebt in Köln und ist Mitglied von IMPAKT (Kollektiv für Improvisierte & aktuelle Musik), einem Zusammenschluss von 13 Kölner MusikerInnen.

Nicola spielt im Bereich improvisierter Musik und Jazz. Er studierte Jazzgitarre, Soundart und Kompostion, sowie Philosophie in Bonn und Mainz. Er hat mit vielen renommierten MusikerInnen zusammengearbeitet: Evan Parker, Phil Minton, John Russell, Paul Lytton, Frank Gratkwoski, Ute Wassermann, John Butcher, Sofia Jernberg, Robert Landfermann, Jon Rose, Sebastian Gramss und vielen anderen.

Nicola hat eine B.A. Arbeit mit dem Thema: „Musik als Sinnspiel. Musikphilosophische Überlegungen im Anschluss an Ludwig Wittgenstein“ geschrieben.

Zwei Tage vor einer Tour nach Schweden und Norwegen haben wir uns in Köln getroffen und

uns über seine Arbeit als Musiker und seine philosophischen Ideen im „Textil Cafe“ bei einer Tasse Tee unterhalten.

Nicola, erzähle bitte etwas über Dich und Deine Arbeit:

Mein Hintergrund ist der, dass ich einerseits Musiker und andererseits Philosoph bin. Ich habe beides studiert und beides hat eine große Bedeutung für mich. Professionell bin ich Musiker und lebe als Musiker. Aber die Philosophie spielt für mich eine wichtige Rolle. Meine Musikstücke setzen sich häufig mit philosophischen Fragen oder Theorien auseinander. Oder ich schreibe Artikel zu philosophischen Themen, wie z.B. „Wie kann man Musik interpretieren aus einer wittgensteinanischen Perspektive?“ Vielleicht kommt man damit zu einer anderen Interpretation wie Musik funktioniert. Dann habe ich einen Text geschrieben über die Kulturförderung aus dem Wesen der Demokratie. Darin setze ich mich damit auseinander was Demokratie heißt und welche Art von existentieller Bedeutung in diesem Kontext die Kunst hat. Der Artikel wird jetzt im „Blatt 3000“ in Berlin veröffentlicht. Ein Magazin, das von jüngeren Musikern herausgegeben wird, die sich im Bereich von Jazz, improvisierter und Neuer Musik bewegen. Solche Dinge mache ich und es werden tendenziell mehr.

Was ist dein musikalisches Selbstverständnis?

In der Musik ist für mich der Fokus die freie Improvisation. Ich spiele auch Jazz, aber auch dort mache ich meine Sachen. Deshalb ziehe ich keine harten Grenzen, ob es Jazz, Improvisierte Musik oder Neue Musik ist, solange ich mein Ding machen kann. Diese Haltung ist für die jüngere Generation von Musikern sehr bezeichnend. Wir Jüngeren sind offen, anders als die ältere Generation der Freie Improvisation, die gesagt haben: „Wir schotten uns radikal von allem ab.“ Sie haben solche Sachen gemacht, wie drei Jahre kein Radio zu hören, um sich von all den vorhandenen Höreindrücken abzuschotten. Natürlich ging es damals auch darum eine andere Art der musikalischen Sprache zu formen. Das hieß in den frühen 60ern, z.B. Spielen ohne Puls, eher mit Klangfarben spielen und solche Sachen. Wir jüngeren Spieler, die in dieser Musikkultur schon aufwachsen, sind in einer Situation, in der alles schon vorhanden ist. Es gibt bereits eine Geräuschsprache, die sehr reich entwickelt wurde und sicher noch reicher in den 90ern weiterentwickelt wurde. Wir finden das alles schon vor, was die ältere Generation erst entwickeln musste. Wir Jüngeren machen damit sehr viele unterschiedliche Sachen.

An welchen Projekten arbeitest Du?

Ich spiele z.B. viel frei improvisierte Musik in Reinform, wo es mir um ein ganz bestimmtes Statement innerhalb der improvisierten Musik geht. Das heißt die Band muss einen ganz klaren Klang haben, es muss ein bestimmter Spirit da sein, mit dem wir arbeiten. Z.B. bei dem Duo mit Matthias Muche, mit dem ich nächste Woche in Schweden und Norwegen spiele, da geht es um die besondere kölnische Tradition der Improvisation, des ineinander Spielens von Klängen, die in Köln so ausgeprägt ist wie sonst nirgendwo. Es ist eine sehr spezifische Art, wie man mit Klängen ineinander spielt. Es ist ziemlich schwierig das verbal zu beschreiben, aber es ist anders als z.B. in Berlin, es gibt schon eine bestimmte Art wie das bei uns in Köln gespielt wird. Wir nehmen diese Art des Spielens und setzen sie auf ein sehr hohes Energielevel, wo es immer noch Soundspiel ist, aber eigentlich ein Energielevel hat, das man eigentlich mit Free Jazz assoziieren würde.

Und es geht darum diesen Energielevel über eine lange Zeit zu halten. Es ist also die Perspektive: ich als junger Musiker komme irgendwo hin und sehe, dass gibt es schon, dann stellt sich die Frage, was mache ich damit? So spiele ich z.B. in The Unneccessary String Band die zu dreiviertel aus IMPAKT Musikern besteht mit Nathan Bontrager, Stefan Schönegg und Dominik Manihg, der musikalisch dazu gehört, aber nicht formell bei IMPAKT dabei ist. Hier spielen wir Country Musik und mischen sie mit improvisierter Musik. Hier sind Country Stücke durchzogen von frei improvisierten Passagen. Mit dieser Band haben wir auch bei dem IMPAKT Eröffnungsfestival im Stadtgarten gespielt. Ich verwende die Sprache der improvisierten Musik in unterschiedlichen Bereichen und baue auch dazu eigene Instrumente.

Etwa im Projekt „Electric Tire Land“ zusammen mit Bennedetta Reuter, einer Tänzerin. Sie tanzt mit einem Autoreifen oder mit einer Felge und ich spiele auf einem Autoreifen. In den Autoreifen habe ich Gitarrenseiten und Tonabnehmer eingebaut und spiele dann darauf mit unterschiedlichen Gegenständen. Was dann dabei herauskommt ist von der musikalischen Ontologie her nichts anderes, als das was ich auch mit der Gitarre mache. Aber ich projiziere es auf einen anderen Gegenstandsbereich und so werden die symbolische und die szenische Bedeutung völlig verändert. Es stellte sich für mich die Frage spiele ich Gitarre oder nicht. Aber durch den „Autoreifen“, den ich spiele gibt es eine ganz andere Verbindung zur Tänzerin.

Gleichzeitig setzt Deine Partnerin, das Ganze in Bewegung um und so wird es zur Performance und ist Medien übergreifend.

Im intermedialen Bereich mache ich sehr viel. Ich habe jetzt gerade ein Instrument gebaut, dass aus zwölf Ventilatoren besteht. Ich nehme die Rotoren ab und setze unterschiedliche Gegenstände an den Motor an, z.B. ein Tamtam oder eine Blechdose. Die Geschwindigkeit jedes einzelnen Ventilators steuere ich über unterschiedliche Dimmer. Wenn ich diese Geräte im Raum verteile, dann entsteht daraus ein Instrument, mit dem ich flexibel arbeiten kann. Die Ventilatoren werden um das Publikum herum verteilt. Ich übertrage die Logik der Gitarre auf einen anderen Gegenstand und entdecke dadurch neue Möglichkeiten.

Mit der Akademie der Künste der Welt habe ich das Projekt UnStumm gemacht. Wir haben zwei Quartette gebildet, aus türkischen und deutschen Musikern und Medienkünstlern, die sich nicht kannten. Wir haben eine Woche geprobt und Musik und Videoinstallation verbunden. Das Projekt hatte auch eine besondere interkulturelle Note. In dem Quartett in dem ich gespielt habe, wurde Videos verarbeitet, die den Terror des IS und die Flüchtlingsströme reflektiert haben. Es gab Aufnahmen von einem Tempel den der IS zwei Wochen zuvor zerstört hatte oder es gab Aufnahmen von Kleidungsstücken, die auf dem Schwarzen Meer schwammen, von den Stellen wo die Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei ankommen.

Von der Arbeit her war es auch eine intermediale Arbeit von Musik und Videokunst. Solch eine Arbeit werden wir Ende 2016 noch einmal in Hongkong, Singapur, Malaysia und Japan machen.

Können solche Themen, wie die Flüchtlinge, IS Terrorismus oder anderes von der Musik transportiert werden, oder benötige ich andere Medien, wie Sprache, Bild, Film oder Tanz und ist Musik dabei eine Begleitung?

Du hast Dich mit diesem Thema auseinandergesetzt, Musik als Sinnträger. Hat die Musik diesen Sinn oder stelle ich Musik in einem Sinnkontext?

[ Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, kann die Arbeit von Nicola Hein hier lesen:https://nicolahein.com/philosophy/]

Basierend auf dem was ich geschrieben habe [in „Musik als Sinnspiel“] haben die Klänge ein Klangspiel, in dem die Klänge einen Ort haben an dem sie stattfinden, und indem sie dort immer wieder vollzogen werden, bilden sie ein eignes Sinnspiel. Die Klänge erfahren eine Sinnhaftigkeit, in dem sie eine bestimmte Verwendung haben. Der Bezug der Klänge ist anders als bei Sprache nicht auf die Welt gerichtet, sondern gewissermaßen auf sich selbst. In meinem Text schreibe ich, dass die Sprache einem Handeln in der Welt eignet, während Musik diess nicht bezweckt. Musik ist kein Handeln in der Welt, sondern ein Handeln bezogen auf mich, als ein Wesen, das Geist hat und ein semantisches System erzeugen kann, also einen Sinn herstellen kann. Die Klänge selbst verweisen auf die Klänge, auf die Klänge, auf die Klänge. In diesem Sinne ist es schwierig mit Musik über solche Vorkommnisse in der Welt zu sprechen. Wir haben dann ein Problem der Kategorien. Wenn ich allerdings den Symbolcharakter von Klängen nutze, die auch in einem anderen Kontext vorkommen und für etwas stehen. Ein gutes Beispiel ist Jimi Hendrix und seine Interpretation der amerikanischen Nationalhymne. Es zeigt auf, wie wir den Symbolkontext, der sich über das rein Musikalische auftut nutzen können um mit der Musik eine Aussage zu treffen, die politisch ist.

Ich persönlich würde lieber ein Konzert gegen den Neoliberalismus veranstalten, statt gegen den IS. Der IS ist eine Spätfolge des Neoliberalismus.

Ich kann also sagen, dass die Klänge der Musik primär nicht über die Welt sprechen, aber sie können natürlich als Symbol genutzt werden.

In Deiner Arbeit sagst Du, dass sich durch ein Verständnis von Musik als Sinnspiel, sich andere Handlungsräume des ästhetischen Schaffens ergeben könnten.

Ich habe mich dafür entschieden, im Sinne von Rorty (Richard M. Rorty 1932-2007, amerikanischer Philosoph), das Musik als Sinnspiel nicht als eine metaphysische Wahrheit anzusehen ist, sondern als eine fruchtvolle oder kontingente Betrachtung zu verstehen ist. Von der ich glaube, dass sich in der Praxis Handlungsspielräume ergeben, die einen Mehrwert bilden.

Ich sage Musik, bzw. die Sinnstrukturen von Musik hören nicht bei den Klängen auf, sondern sind wesentlich weiter. Sie umfassen, das Gesamte der sozialen Praxis, die zur Musik dazu gehört. Anders gesagt:

Musik ist immer Musizieren und Musizieren ist eine soziale Handlung und dazu gehört wesentlich mehr, als nur der Klang. Wenn ich also eine Struktur, eine soziale Institution wie das Konzert schaffe, dann gebe ich damit schon eine Menge vor über die Bedeutung der Klänge. Während sich der Bedeutungsgehalt der gleichen Klänge in anderen Kontext, z.B. auf der Straße völlig ändern kann. In meiner Arbeit nehme als Beispiel Beethovens 9.Symphonie, als Europahymne oder als Hymne der Maoisten oder Faschisten, der symbolische Kontext der Klänge verändert sich und damit auch die Bedeutung, die die Klänge in ihrer Gänze entfalten.

Wir können die Musik nicht von dem ganzen Umfeld, das sie umgibt, trennen. Ich kann mir z.B. Neue Musik nicht vorstellen, ohne das Konzert, mit einem isolierten Konzertraum. Die Musik von John Cage kann ich mir nur in einem solchen Kontext vorstellen. Wenn wir Musik immer nur Open Air hören würden und immer die Klänge der Umgebung vorhanden wären, was hätte es für einen Sinn die einzelnen Geräusche und Klänge herauszuarbeiten. Das wäre auch praktisch gar nicht möglich.

Überhaupt die Vorstellung, dass es so etwas wie Kunstmusik gibt, die eine stille sitzende Rezeption erfordert und die keine Tanzmusik ist, ist eine bestimmte Einstellung. Das müsste ja nicht zwingend so sein.

Junge Musiker wie Du, durchbrechen immer wieder diese Vorstellung von Kunstmusik und verbinden Jazz und Neue Musik mit Elektronik und überführen sie in Räume, in denen sich Menschen dazu bewegen.

Ja sicher, aber da zeigt sich auch wieder, wie sich die Bedeutung der Musik verändert, durch den veränderten Kontext.

Dazu kommt ja dann wieder die Ebene, dass die Bedeutung der Musik durch ihre Verwendung definiert wird, in dem kontingenten sozialen Spiel, das wir spielen.In der Musik mit der ich arbeite steckt immer schon ein ganzes Weltbild. Im Blues steckt ein ganzes Weltbild und ebenso bei Debussy oder im Heavy Metal.

Es gibt natürlich viele Überlappungen, die muss es geben, sondern wären wir alle auf unseren Inseln gefangen. Die verschiedenen sozialen Praxen überlappen sich zwar, haben aber auch ein hohes Maß an eigenständiger Ideologie.

Punk ist auch ein Beispiel. Die Ablehnung des Virtuosentums im Punk ist auch eine politische Entscheidung und das färbt unmittelbar auf die Klangstruktur ab.

Wenn ich mich als Musiker damit auseinandersetze, was ich da tue, kann mir das natürlich ein Bewusstsein öffnen, über viele Ebenen, die ich sonst noch aufmache mit einer Gruppe von Klängen. Es kann mir ein breiteres Verständnis geben, von dem, was ich eigentlich tue oder es ist eine mögliche Perspektive, es breiter zu sehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Musiker mit der Illusion leben, dass sie einfach nur Musik machen. In jedem Sinnspiel, das ich entwerfe, entwerfe ich immer den Menschen, denn der Mensch ist immer ein Teil dessen. Als Mensch, muss ich mich immer selber in dem Weltbild verorten, das ich entwerfe, d.h. ich entwerfe auch ein Menschenbild. Ein Beispiel, das ich in meinem Text aufgeführt habe, ist das Bild Guernica von Picasso. Er ist gegen den Krieg, für Demokratie, usw. das steckt natürlich alles in dem Bild. Diese politische Aussage ist unmittelbar in dieser Kunst enthalten, wir können das Bild ohne diese Inhalte nicht verstehen. Es ist nicht nur eine politische Vision im engen Sinne, die mit dem Bild entworfen wird, sondern auch eine Aussage darüber, wie man als Mensch leben sollte. Das Menschenbild ist natürlich auch aufgeladen mit bestimmten Traditionen der Malerei und damit auch der entsprechenden Weltentwürfe von Picasso.

Diese breitere Perspektive über unser Handeln kann uns eine informiertere Sichtweise über unsere eigene Position und das, was wir tun, geben.

Damit wird der Möglichkeitsspielraum des ästhetischen Schaffens erweitert. Ich erkenne dann, dass ich nicht einfach nur Klänge produziere, sondern viel mehr tue. Ich kann die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen besser erkennen. Und wenn ich ein Bewusstsein davon habe, kann ich meinen ästhetischen Spielraum erweitern, bzw. bewusster darin agieren.

https://nicolahein.com/

http://www.impakt-koeln.de/