Wilde Nächte |

Uraufführung mit Peter Herborn und dem WDR Rundfunkchor

Text: Stefan Pieper | Fotos: Sven Thielmann, Stefan Pieper

Essen, 28.09.2015 | Peter Herborn arrangiert nicht nur vorhandenes neu, sondern begibt sich auch als Komponist auf Ideensuche. Dieser feine Unterschied ist dem Essener wichtig. Seine neue Komposition „Night.Wild Night“ hat „anderswo“ keine Vorbilder – und bei aller Modernität war die Musik bei der Uraufführung anlässlich der JazzPott-Preisverleihung mit dem WDR Rundfunkchor mitreißend und eingängig.

Der Konzertabend im voll besetzten Grillo-Theater ist vor allem ein Fest der Stimmen. Denn da ist ein aufregender Vokalsatz, den die Sängerinnen und Sänger des WDR-Rundfunkchores mit großer stimmlicher Leuchtkraft inszenieren. Die Klangvorstellungen mit einem Chor hatte Peter Herbornal allererstes bei diesem Vorhaben im Kopf. Sie sind die Keimzelle für dieses abendfüllende zyklische Werk, das eine starke sinnliche Wirkung vor allem aus dem Miteinander zwischen Chor und Jazzformation setzt.

Die Gesangsstimmen vereinten sich im Grillo-Theater zum polyphonen Geflecht, was manchmal wegen der ausgiebig eingesetzten engen Intervalle und chromatischen Reibungen schon fast cluster-artige Flächigkeit, ähnlich wie bei Messiaen oder Ligeti produzierte. Also doch Vorbilder? Auf jeden Fall sind erfrischend un-ausgereizte (vor allem im Jazz) Stilmittel die Grundsubstanz, welche in diesem Werk einen aufregenden musikalischen Fluss generieren. Und so etwas steht hier nicht für sich allen, sondern dient dazu, Worte, Texte, Lyrik zu transportieren. Herborns „Nacht.Musik“, interpretiert einige von Herborns Lieblingstexten neu, Gedichte von Emily Dickinson, William Shakespeare, Walt Whitman und Francis William Bourdillon. Literatur ist so ein reicher Schatz, der heutzutage doch nur zu oft zu einem Dasein im Verborgenen verurteilt ist und solche musikalischen Aufbereitungen können auch gut zum vertiefenden Lesen hinterher animieren.

Der besondere Kunstgriff liegt in der Art, wie die Chöre mit dem Spiel einer Jazzformation konfrontiert, manchmal auch synchronisiert sind. Der leuchtende Gegenpol zur mystischen Klanglichkeit der Gesangsstimmen ist vor allem das lyrische Spiel des Norwegers Bobo Stenson auf dem Flügel. Es sind Töne und Soli, die eine tiefe Ruhe atmen, die sich mit den Linien des Chorgesanges verästeln und diese sensibel berühren, so dass aus diesem Miteinander ständig neue Emotionen freigesetzt werden.

Herborns Komposition ist nicht überkomplex und bis zum Bersten hochverdichtet -das Gegenteil ist der Fall, wenn die musikalischen Mittel sehr aufgeräumt und mit viel Raum zum Atmen daher kommen. Der lineare Fluss der Gesangslinien des Chores findet in der Rhythmusgruppe eine geschmeidig sensible Entsprechung. Vor allem in manchen exponierten Passagen entfaltet das Bassspiel von Anders Jormin ein betont singendes Potenzial. Derweil bieten die Perkussionisten Bodek Janke und Pernell Saturnino alles erdenkliche auf, um die Schwingungen und Gesten dieser Musik leichtfüßig, oft mit Besen auf der Snare und vielen Perkussionsinstrumenten vorwärts zu treiben. So lebt in diesen „Wilden Nächten“ein erfrischendes Paradebeispiel, wie man heutigen Jazz an Genres der Gegenwart andockt und damit - ganz unangestrengt- ein Publikum erobert.