Melodiös und groovig |

Tingvall-Trio in der Bochumer Christuskirche

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 12.01.2015 | Zwei mediale Klischees prägen gemeinhin die Ankündigungen des Tingvall-Trios (TT): die Erfolgsgeschichte von der in Hamburg ansässigen kleinen Kiez-Band zu einem heute national und international ausgesprochen erfolgreichen Trio und immer wieder der Vergleich mit dem Esbjörn Svensson Trio. Ersteres ist nachvollziehbar: Das TT hat gerade mit Beat die 6. CD herausgegeben und ist eine hochgelobte und allseits – auch jenseits des „klassischen“ Jazz-Lagers - beliebte und vielfach ausgezeichnete Formation, es ist sicherlich aktuell eine der erfolgreichsten europäischen Jazz-Bands. Der Vergleich mit dem E.S.T. ist mehr dem Marketing geschuldet als einer wirklichen musikalischen Verwandtschaft. Die Wurzeln des Trios mit dem schwedischen Pianisten Martin Tingvall, dem kubanischen Kontrabassisten Omar Rodriguez Calvo und dem deutschen Drummer Jürgen Spiegel sind vielschichtig, sie vereinen eine für den skandinavischen Jazz typische Melodiösität mit kubanischem Groove und unverkennbaren Anleihen bei der Rock- und Popmusik.

Das Konzert in der mit 600 Zuhörern voll besetzten Christuskirche in Bochum wird den Erwartungen der Fangemeinde offensichtlich voll und ganz gerecht. Nimis (dt. Treibholz) oder Mustasch aus der ersten CD des Trios Skagerrak zeigen bereits programmatisch die musikalische Richtung an: Bekanntermaßen ist mit Skaggerak die Meerenge zwischen Jütland und Norwegen gemeint, wo Nord- und Ostsee aufeinanderstoßen und damit sich unterschiedliche Strömungen treffen. Neben dem Naturbild sind Ruhe und Sturm weitere Natur-Phänomene, die die Musik vom Tingvall-Trio mit Kompositionen ausschließlich aus der Feder des Pianisten ausmachen: Lyrisch-elegische Melodien mit teilweisem Hang zum Melancholischen gehen über in kraftvoll-dynamische Improvisationen, die die Ansätze des möglicherweise allzu Gefälligen auflösen, ja dekonstruieren. In dem Live-Auftritt ist dieser Hang zur Entropie deutlich stärker zu spüren als auf den CD-Veröffentlichungen. Dies bekommt der Musik, die Nähe zum Klischee, zum idyllischen Postkarten-Nordland, die Nähe zur schwedischen Volksmusik sind von TT ja durchaus bewusst eingesetzt. Bevor das Schwelgen in fast ohrwurmartigen melodiösen Mustern zu stören beginnt, werden diese in kaum merklicher Dynamik zu einem energetisch geladenen Höhepunkt von komplexer Improvisationskunst gebracht.

Nordische Jazzer sind immer schon für ihren besonderen Sensus für traditionelle Wurzeln ihrer Musik bekannt und geschätzt. Der Hang zum Kontemplativen ist es auch, der die Live-Rezeption dieser Musik beim Publikum so beliebt macht und der vielfältige Natur-Assoziationen freisetzt. Eine befreundete Finnin berichtet nach dem Konzert, sie habe die skandinavischen Landschaften herausgehört. Ein anderer Teil des Publikums kann seine Begeisterung für das Trio eher im kräftigen rockorientierten Groove entwickeln, die starken Bewegungs- und Tanzreflexe, die diese Musik eben auch auslöst, müssen leider in einem Kirchenraum mit festen Bänken unterdrückt werden. Vielleicht ist das Publikum auch gar nicht in die verschiedenen Fraktionen aufgeteilt: in die der Einkehr und Meditation Suchenden auf der einen, der Liebhaber des rhythmischen Drives auf der anderen Seite. In der Christuskirche in Bochum versteht man die Attraktivität des Trios: TT bezieht seinen Erfolg aus der gelungenen Verschmelzung aus skandinavischer Melodik, kubanischem Groove und deutsch-europäischer rhythmischer Struktur.

Die Stärke des Trios liegt darin, dass das songorientierte Spiel mit eingängigen Grooves von allen drei Musikern meisterlich aufeinander abgestimmt ist: Ein wunderbar singender Kontrabass fungiert als Bindeglied zwischen den rockig-fetzig aufspielenden Drums und dem Piano, das mal mehr die Rolle des Melodie-, mal mehr die des Rhythmusinstrumentes übernimmt.

Ob gezupft oder mit Bogen: Das Bassspiel von Omar Calvo verdient eine besondere Erwähnung, es ist in seiner rhythmischen Genauigkeit und Pfiffigkeit, vor allem in seinem Sound schlicht umwerfend. Der Ton seines Kontrabasses ist in besonderer Weise abgenommen und erzeugt einen eher elektronisch klingenden Basssound. Er erinnert dabei an Eberhard Webers vibratoreiches Bassspiel und oder an den Fretless-Bass von Jaco Pastorius. Tonabnahme und Verstärkung zusammen ergeben eine Klangschönheit und einen Reichtum an klanglichen Nuancen, der die verschiedenen Stilistiken wie Jazz, Rock, Latin oder Funk genauso mühelos lyrisch-elegant bespielt wie langsame Elegien oder ekstatische Up tempo-Nummern.

Umso bedauerlicher ist, dass es dem mitreisenden Technikteam in Bochum leider nicht gelungen ist, ein ständiges Lautsprecher-Brummen zu eliminieren. Vor allem die leisen Stücke wurden dadurch massiv in ihrer Wirkung eingeschränkt. Schade, die Erkenntnis, dass die einfühlsame Musik des TT mit einer entsprechenden Tontechnik korrespondieren muss, gilt auch und gerade für Live-Acts. Die Tonaufnahmen auf den CD’s weisen dagegen eine ambitionierte und gelungene Klangqualität auf – dank dem großartigen Haus-Toningenieur von ECM, Stefano Amerio.

Trotz dieser Einschränkung gab es Standing Ovations und zwei geradezu ekstatische Zugaben. Wieder einmal ein rundum gelungenes Konzert in der Bochumer Christuskirche, seinem Mentor Thomas Wessel sei gedankt.