Wasserfuhr-Quartett in der Lohnhalle |

Melodiöser Jazz belohnte das Kommen

Text: Stefan Pieper | Fotos: Bernd Zimmermann

Dorsten, 29.10.2015 | Wie viele Menschen müssen hier früher gearbeitet haben! Die Raumdimensionen auf der Zeche Fürst Leopold sind einfach nur gigantisch – allein die Lohnhalle ist ein großer, prunkvoller, hoher Saal mit mehreren Galerien. Und wo einst die Werktätigen ihr Salär abholten, belohnt ab sofort feinste Jazzkunst das Kommen der Musikbegeisterten. Als würdigen Start in der neuen großen Halle konnte das allseits gefragte Julian und Roman Wasserfuhr Quartett verpflichtet werden.

Julian und Roman Wasserfuhr sind im Bergischen Land miteinander groß geworden – heute sind verkörpern die beiden eine perfekte Symbiose, die sich über die Musik, und hier vor allem über ein hellhöriges, universales Jazzideom definiert. Und das verströmte in der Lohnhalle auf Fürst Leopold ganz viel Leichtigkeit. Zusätzlich zum beredten Austausch auf Klavier und Trompete waren diesmal Hendrik Smock und Martin Gjakonovski mit im Boot. Auch im Quartettformat ist die unaufgeregte Symbiose Programm.

Und so läuft es rund und swingt federnd leicht in der stilvoll hergerichteten ehemaligen Lohnhalle. Weit trägt der Trompeten- bzw. Flügelhornsound mit diesem coolen, etwas dunklen Chet-Baker-Timbre- welches für Julian Wasserfuhr ja auch so eine vorbildhafte Inspirationsquelle ist. Roman Wasserfuhr erzählt in seinen langen und erfindungsreichen Klavierimprovisationen beredte solistische Geschichten, und das geht mit gutem Energielevel immer nach vorn. Vor allem, wenn eine federnde Rhythmusgruppe diesen Fluss unaufhaltsam, energetisch federnd voran treibt - so soll es sein! Die Wasserfuhr-typische persönliche Note kommt nicht zuletzt durch die kompositorischen Ideen, die in jedem Moment das Melodiöse favorisieren. Das alles ist vielmehr an intimem Songwriting und weniger an Jazzstandard-Idiomatik orientiert. Twinkle Eyes, Joy and Sorrow, Midnight Walk oder auch Glücksmelodie heißen die Eigenkompositionen – und sie klingen auch so!

So manche ewigen Popsongs standen Pate und geben einem Wasserfuhr-Konzert immer eine reiche Portion Ohrwurm-Potenzial. Also flutet auch wieder Stings „Englishman in New York“ durch die alte Lohnhalle, um auch - dank der einprägsamen Aufbereitung durch das Wasserfuhr-Quartett- noch Tage später im Kopf nachzuklingen. „Behind Blue Eyes“ von The Who ist ein anderer Songs, den die Brüder schon früh lieben lernten – und ihrem spielfreudigen Jazz-Kosmos einverleibt haben. Das alles erfindet das Rad nicht neu – aber transportiert in der Lohnhalle auf Fürst Leopold doch sehr viel ansteckendes Wohlfühl-Potenzial. Musik, Publikum, Örtlichkeit – Jazz funktioniert, wenn sämtliche dieser Faktoren wie hier zusammen kommen.