Die Melodie erfühlen |

Thomas Rückert Trio bei FineArtJazz

Text & Fotos: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 12.12.2015 | Wenn der Pianist Thomas Rückert Standards spielt, kommt dies einer Reise ins Innere gleich. Nach eigenem Bekunden gehe es doch vor allem darum, die Melodie als solche und in ihrem tieferen Gehalt zu erfühlen. Thomas Rückert griff beim Konzert auf der Wasserburg Lüttinghof mit David Helm und Fabian Arends auf zwei deutlich jüngere Mitspieler zurück- eine perfekte Einheit war die logische Konsequenz, die auch wieder staunen ließ.

Ruhig lässt das Trio Balladen aus dem American Songbook atmen. Mal ist es ein Stück von Cole Porter, dann wieder ein vital vorwärts swingendes Errol-Garner-Stück – die Bandbreite des herangezogenen Materials ist groß - mittendrin finden die Eigenkompositionen von Thomas Rückert bestens Platz, vor allem Stücke aus dem aktuellen Album Parveneh. Gerne entsteht hier so manches frei assoziierte Mosaik aus musikalischen Momentaufnahmen, die er gerne mal zwischendurch, vor allem frühmorgens notiert, um sie dann zu etwas Größerem zu vereinen. „Die Musik komme doch immer zu ihm und nicht umgekehrt“ gab er auf Lüttinghof seinem Publikum zu verstehen.

Singend, aber auch mit oft latent impressionistisch anmutenden und nicht selten Bill Evans - lastigen harmonischen Farben bringt Rückert den mächtigen Steinway-Flügel zum Klingen. Bassist David Helm ist um zupackende melodische Linien aus seinem Tieftöner kaum verlegen. Und Schlagzeuger Farbian Arends vollführt die Kunst der Reduktion aufs Wesentliche. Eine ungeheure Luftigkeit gepaart mit unbestechlichem Timing ist die Folge – nicht nur, wenn er mittels federnder Snaredrum-Synkopen den musikalischen Redefluss vorwärts treibt, oder wenn er auf den Becken feinziselierte Gischtnebel über die Wellen der Musik legt. Und dann bewies auch noch ein großes, intelligentes Drum-Solo, dass hier ein Musiker weiß, was er tut und will. Hochkreativ destilliert Fabian Arends eine rhythmische Figur aus dem Spielfluss heraus, reflektiert und variiert sie durch Akzentverschiebungen, legt gegenläufige Muster darüber und schöpft, meist nur auf Snare und Becken eine spannungsgeladene Dramaturgie. Das lässt fragen, wie sich all dies so locker, so scheinbar unangestrengt allein mit zwei Händen und ebenso vielen Gehirnhälften koordinieren lässt.