​So live wie möglich |

In Trance versinken mit Lektron

Text: Stefan Pieper | Fotos: Bernd Zimmermann

Gelsenkirchen, 26.10.2015 | Die riesigen Räder in der Fördermaschinenhalle hoch auf dem Nordsternturm stehen schon lange still. Aber manchmal ist es so, als würde ein Hebel umgelegt, und alles kommt hier in Bewegung. Ströme fließen, Energien werden frei. Man könnte so etwas assoziieren, wenn die Band Lektron ihr elektronisches und akustisches Instrumentarium in Gang setzt. Imaginäre Räume öffnen sich weit, wenn Geräuschsequenzen aufbranden, wenn Überlagerungen und Modulationen Energiefelder freisetzen.Wenn drei junge Musiker aus dem Südwesten Deutschlands ihre kreative Freiheit auf der Bühne ohne Netz und doppelten Boden leben...

Und das heißt auch, man reist irgendwo an, lässt die Location auf sich wirken, formuliert dann lieber weniger und dafür umso treffendere Töne. Julian Maier-Hauff, Tobias Schmitt und Dominik Fürstberger sind zwar Saxofonist bzw. Trompeter, Bassist und Schlagzeuger - aber eben nicht nur. Sie kommen aus dem Jazz, aber öffnen sich ganz weit der (tanzbaren!) Elektronik.

Sie greifen auf ein technisches Instrumentarium aus Computern, Verzerren, Hallgeräten, Mixern zurück – und spielen dennoch in jedem Moment handgemachte Musik. Das fängt damit an, dass Dominik Fürstberger uhrwerkspräzise Texturen nebst filigraner Auszierung trommeln kann, die zuweilen auch jeden Drumcomputer alt aussehen lassen. Und das hört noch lange nicht auf, wenn Julian Meier zuweilen auch -Hauff sein Spiel auf Trompete oder einem Saxofon, was aus denn Jahr 1914 (!) stammt, elektrisch modifiziert oder lyrisch verdichtet.

Aus Geräuschteppichen werden rhythmisch fließende Parts. Mächtig wummernde Beats lassen das Gemäuer hoch über den Dächern des Ruhrgebiets erzittern. Aber die Musik von Lektron ist alles andere als industriell oder abstrakt, sondern über weite Strecken bewusst „musikalisch“. Nicht nur, wenn Bassist Tobias Schmidt immer wieder mit lyrischen melodischen Mustern die Richtung vorgibt – und immer wieder neue orchestrale Klangspektren aus der Elektronik den Horizont weiten! Man braucht schon ein extremes intuitives Gespür füreinander, um in spontaner Improvisation derartig in sich ruhende Klanggemälde zu zaubern. Wilde Kakophonien heraushauen, das kann so ziemlich jeder, der sich auf die Pfade der freien Improvisation begibt. Lektron gehen hier etwas anders zu Werke. Hier lebt das organische Gefüge einer zusammengewachsenen Band.

Das alles nimmt auf dem Nordsternturm unaufhaltsam Fahrt auf. Schlagzeuger Dominik Fürstberger verdichtet das Spiel mit treibendem Drive. Repetitive Muster werden beherrschender auf Bass, Snare und zischendem Becken. Das ist über weite Strecken ein housiger, manchmal gar technoider Beat, zu dem nicht selten Fender-Rhodes-Klänge durch den großen Industrie-Raum schweben. Saxophon und Trompete spielt Julian im fliegenden Wechsel - und baut auch im richtigen Moment die nötige Portion Lyrik ein. Hände tanzen auf den Tastaturen der Elektronik - vor allem im späteren Verlauf, als Julian Meier-Hauff eine trancige Spielfigur auf dem Synthesizer in repetitiver Folge bis zu Exzess verdichtet. Wo ist die nächste Goa Party? Das Publikum ist versunken und mitgerissen. Warum sitzen eigentlich noch alle in diesem Moment?

Eine gute Stunde nach dem Konzert sind alle Instrumente schon wieder im Bandbus eingeladen und dieser ist wieder auf dem Weg zurück nach Freiburg. Die nächsten Termine warten. Die drei jungen Musiker sind vielgefragt. Zum Master-Studium kommt Julian Meier-Hauff eigentlich gar nicht mehr, da er schon jetzt ein halbes Jahr im voraus ausgebucht ist. Und im November geht es auf zweiwöchige Indien-Tournee.