Clarinet Summit 2015 |

Konzertimpressionen

Text & Fotos: Ingo Marmulla

Wuppertal, 05.10.2015 | „Das nächste Stück heißt You better fly away. Wir haben das Stück vor über 35 Jahren aufgenommen, ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir das heute wieder so gut hin bekommen...“ So in etwa lautet die Ansage von Theo Jörgensmann im Cafe Ada in Wuppertal vor einer gut aufgestellten Publikumskulisse. Schaut man sich um, so ist die Vermutung erlaubt, dass etliche der Anwesenden die Originalversion des Titelstückes des 1979 bei MPS von Joachim-Ernst Behrendt produzierten „Clarinet Summit“ kennen. Natürlich sind seit dem ursprünglichen Aufnahmezeitpunkt die Jahre ins Land gegangen, und alle „Originals“ sind nicht nur älter geworden (Theo Jörgensmann 67, Bernd Konrad 68, Gianluigi Trovesi 71, Perry Robinson 77, Baby Sommer 72), sondern haben sich auch individuell weiter entwickelt. Die Zeit zurückzudrehen, ist mit Sicherheit auch nicht das Ziel des heutigen Konzertes, sondern eine Neudeutung eines der interessantesten Instrumentations-Konzepte des europäischen Jazz. ...Und erwartungsgemäß läuft die Neugestaltung der „Konradschen“ Komposition wie von selbst.

Die Gruppe fügt sich musikalisch schnell zusammen, spielt interaktiv und kommunikativ, so wie man es sich an diesem Abend wünscht. Neu im Team sind Albrecht Maurer, der gewissermaßen die Aufgabe des vormaligen Geigers Didier Lockwood übernimmt, sowie Sebastian Gramss am Bass. Beide unterstützen das Klarinettenkonzept überzeugend. You better fly away gelingt, weil hier Musiker spielen, die neben dem instrumental-technischen Know-how wissen, wie man improvisiert.

Dennoch klingen die Musiker sehr unterschiedlich und das ist auch gut so. Zum einen bewirken unterschiedliche Musikertypen heterogene Kompositionen und andererseits entsteht bei dem Konzert ein breit gefächertes Klangfarbenspektrum. Trovesi, heute Abend auf der Alt-Klarinette, ist der Lyriker auf der Bühne. Sein Stück eröffnet den Abend mit einem melodischen Lob auf den Wein. So klingt seine Komposition trotz folkloristisch untermaltem Marsch- Rhythmus freundlich und unbeschwert. Gramss hat dem Abend eine eigene Komposition hinzugefügt, die erst hier einen Titel erhält: „1.Oktober“. Bernd Konrad überzeugt überwiegend auf der Bassklarinette. Sein kraftvolles Spiel wird durch interessante Klangeffekte (perkussive Staccato-Töne) bereichert. Theo Jörgensmann, der an diesem Abend auch die Ansagefunktion übernimmt, bleibt für mich persönlich der Klarinettist mit dem stärksten Jazzidiom und der größten Power in allen Lagen. Bei ihm hört man intensive Anklänge an den Free-Jazz der Siebziger Jahre. Im Blickpunkt der Zuschauer ist besonders Günter „Baby“ Sommer am Schlagzeug, der sich auch außer-instrumental in Szene setzen kann. Sein Spiel wird durch rhythmische Sprech- und Gesangseinlagen ergänzt, durch pantomimische Aktionen und kleine Ansprachen. So erfahren wir von ihm, dass Dresden eigentlich nur zwei kulturelle Highlights besitzt: den Christstollen und „Baby“ Sommer. Und dafür, dass er Dresdener sei, würde er sich wegen Pegida und anderer politischer Erscheinungen schämen. Aber so wären seine Sachsen schon immer gewesen ... und sie hätten einen Hang zur Monarchie: von König „Kurt“ bis zur königlich-sächsischen Bockwurst... Tja, auch diese vokalen „Einlagen“ bereichern das Schlagzeugspiel und tragen zum unterhaltsamen Verlauf des Abends bei. Oft übernimmt er auch (und das ist wirklich eine Qualität!) die strukturelle Führung der Musik durch deutlich Zeichen und Klangakzente.

Für mich ist Perry Robinson der Star des Abends. Seit den späten sechziger Jahren war Perry avantgardistisch tätig, ob mit Archie Shepp und Henry Grimes, mit Carla Bley und Charlie Haden, in den zahlreichen Formationen Gunter Hampels, später auch mit den Two Generations of Brubeck, oder, wie er mir nach dem Konzert erzählt, zusammen mit Mark Whitecage und Grateful Dead.

Musikern... Er hat nichts mehr zu beweisen, liebt seine Freiheit über alles und ist der Meister der leisen Töne. Er drängt sich nicht auf, freut sich über die Aktionen seiner Mitmusiker und trägt so zum Gelingen des Abends bei. Ein Feature erhält er in einer Friedenshymne von „Baby“ Sommer. Völlig leicht und zurückhaltend, dennoch ganz ehrlich spielt er den Blues, so wie nur er es versteht.

Das letzte Stück des regulären Programms ist schließlich ein frei improvisiertes Klarinetten-Quartett. Keine Vorgaben, einfach aufeinander hören und spielen - vielleicht der Höhepunkt des Abends...

Und dann gibt es, den „Sommerschen“ Vokalismen ist es zu verdanken, noch zwei Zugaben. Besonders die zweite ist bemerkenswert. Perry nimmt seine Panflöte, startet mit rhythmischen Intervallen und lässt sich von seinem selbstverliebten Spiel auf der Panflöte, begleitet von den Melodien seiner Mitmusiker, erst im zweiten Anlauf bremsen, als nämlich „Baby“ Sommer auf seiner Beckenglocke unüberhörbar neun kräftige Glockenschläge spielt: Zwei Stunden Konzert müssen reichen!