20-Finger-Zauber mit 176 Tasten |

Klavierduo mit Chris Hopkins und Philippe Milanta

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 16.09.2015 | Was passiert, wenn ausschließlich zwei Pianisten an zwei Flügeln Swing- und Jazz-Standards spielen? Wenn sie in spielerischer Hinsicht richtig gut und mit dem einschlägigen Idiom bestens vertraut sind, erlebt man eine Performance, die eine komplette Jazzcombo als überflüssig erscheinen lässt und das virtuose Potenzial von 176 Tasten voll und ganz ausschöpft. So geschehen mit Chris Hopkins, dem bekannten und beliebten Bochumer Jazzpianisten. Chris Hopkins gilt national und international als einer der wesentlichen heutigen Interpreten des „Classic Jazz“, als perfekter Interpret des Stride Piano im Stil der 30er Jahre – zurecht, wie er gerade bei seiner Tour im Piano-Duo beweist. Sein Duo-Partner Bernd Lhotzky ist leider kurzfristig erkrankt, eingesprungen ist der aus Paris herbeigeeilte französische Pianist und Arrangeur Philippe Milanta, auch er ein ausgewiesener Kenner und Könner im Bereich des Classic Jazz.

Beim zweiten Abend der beiden in der Bochum-Wattenscheider Kunstwerkstatt am Hellweg weist Chris Hopkins in seiner für ihn typisch launigen Anmoderation augenzwinkernd darauf hin, dass sie wegen der Kurzfristigkeit des Partnerwechsels am Vorabend ja bereits Gelegenheit hatten, gemeinsam zu üben. Es folgt ein wahrer pianistischer Schlagabtausch, man kann kaum glauben, dass die beiden Pianisten bisher noch nicht zusammenspielten. Mit ihren 20 Fingern zaubern sie wechselseitig über rhythmisch-harmonische Grundlinien eine Vielzahl von improvisatorischen Arabesken und Kapriolen. Im ersten Set geht’s mit dem Ellington-Song Don't Get Around Much Anymore los, es folgen Gershwins Strike Up The Band und Moten Swing von Count Basie in einer ausgesprochen dichten Version mit perfektem Pingpong-Spiel an den beiden Flügeln. Spielt einer der beiden ganz in der Tradition des Stride Pianos mit großen Oktavsprüngen der linken Hand die Rhythmus-Sektion, improvisiert der andere darüber in immer neuen Varianten, per Blickkontakt oder kurzem Zuruf erfolgt der Rollenwechsel, kurze Läufe und Phrasen nimmt der andere auf und variiert sie. Beide Pianisten haben erkennbar Spaß an ihren Ideen und Dialogparts, Philippe Milanta lacht häufiger auf ob eines besonders gelungenen Einfalls seines Duopartners.

Nach der Pause wechseln die beiden die Flügelseiten – auf die Analogie zum Fußball weist Hopkins süffisant hin. Der Cole Porter-Klassiker What Is this Thing Called Love macht den Auftakt, Mean To Me und Ellingtons Sophisticated Lady folgen. Anschließend demonstriert Philippe Milanta in einer kraftvollen Solo-Nummer, dass seine musikalische Sprache deutlich über den Rahmen des „reinen“ Swing hinausgeht. Einen stilistischen Kontrapunkt setzt Chris Hopkins daraufhin mit seinem raffiniert-ausgeklügelten Solo-Spiel bei Bix Beiderbecke Suite: Flashes/In A Mist, das weder der klassischen Musik noch dem Jazz zuzuordnen ist.

Im Duo erweisen die beiden Pianisten sich – wie bei Chris Hopkins’ Duo-Projekt mit Stammpartner Bernd Lhotzky oder auch in seinem Ensemble Echoes of Swing – als echte Traditionalisten, die eine bestimmte Epoche des Jazz auf höchstem Spielniveau in Erinnerung halten möchten und dabei mit den Bällen ihrer Könnerschaft souverän jonglieren. Ihnen geht es dabei offensichtlich nicht um einen konservatorischen Gestus, ihre Spielfreude, ihr Spielwitz sind grundiert in einem unerschöpflich erscheinenden Repertoire an Titeln und Variationsideen des Classic Jazz. I'm Confessin' That I Love You kommt dabei zum Beispiel im 3/4-Takt daher oder Avalon in einer temperamentvollen Latin-Version oder Blue Moon in einem an Erroll Garner erinnernden Stil. Die Zugabe La vie en rose setzt nach den zum Teil rasend schnellen Up-tempo-Nummern einen eher ruhig und zurückhaltenden Schlusspunkt.

Das Publikum in der ausverkauften Kunstwerkstatt am Hellweg applaudiert begeistert den beiden Männern am Klavier ob ihres beschwingten und beschwingenden Spiels.

In dieser Woche ist das Duo noch zu erleben:

16.9.2015 in Bonn, Klavierhaus Klavins

17.9.2015 im Steinway-Haus in Düsseldorf

18.9.2015 im Bielefelder JazzClub

20.9.2015 im Vormittag in Köln bei Steinway & Sons, im Spätnachmittag im Foyer des Konzerthauses Dortmund

Oder auf der Duo-Piano-CD mit Bernd Lhotzky ‚Partners in Crime’ EOSP 4510 2.