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25. Internationales Jazzfestival Münster 2015

Text & Fotos: Stefan Pieper

Münster, 14.01.2015 | Wenn der Essener Schlagzeuger Simon Camatta allein mit drei Bläsern die Musik von Thelonius Monk interpretiert öffnen sich Tore und werden Energien frei, die in Zeiten hinein katapultieren, wo Jazz vor allem noch und nichts anderes als Avantgarde bedeutete. Schier unglaublich ist die Präzision, mit der das deutsch-italienische Quartett den ganzen Ecken, Kanten und Reibungen der Monk-Musik eine gleißend scharfe Kontur verleiht. Monks scheppernd-dissonantes Klavierspiel kann man eh nicht kopieren und nur ansatzweise nachempfinden (wenn man es kann.) Trompeter Flavio Zanuttini, Tenorist Julius Gabriel sowie Florian Walter an Bassklarinette und Baritonsax erzeugen Bläsersätze, die wie ein hochenergetischer Block ganz viel Reibung und Spannung erzeugen. Camatta selbst waltet und schaltet darin, setzt auf dem Schlagwerk groteske Akzente und treibt einen lässigen Swing in bestem Monkschen Geist auf den Siedepunkt. So und nicht anders geht querdenkerischer Umgang mit einem großen musikalischen Erbe aus dem 20. Jahrhundert!

Fritz Schmücker hatte bei seiner Festival-Programmierung zur 25. Ausgabe eine besonders ausgewogene Mischung zusammengestellt. Die rasend kurze Zeitspanne, in der im Vorfeld sämtliche Tickets ausverkauft waren zeigt: Man kann ein Publikum langfristig erobern, wenn man in der Programmatik nur konsequent bleibt. Die zweite Generation des Münsteraner Jazzfestivals (also sämtliche Ausgaben im Schauspielhaus seit 1997) hat den europäischen Jazz mit seiner riesigen Vielfalt an regionalen und aktuellen Strömungen gegenüber amerikanischen „großen Namen“ seitdem bestens emanzipiert.

Das heißt in Münster jedoch nicht, dass rigide ausgegrenzt wird: Ein gebürtiger Münsteraner pflegt sein aktuelles Projekt mit einem Amerikaner. Michael Schiefels brachte exeptionelle Vokalkunst mit der perkussiver Leuchtkraft aus den Händen des Vibrafonisten David Friedman in Berührung. Großartig, wie die brillant klingenden Mallets Michael Schiefels verspielte Wunderwelt aus Worten, Lauten und Silben charmant bereichert. Schiefel hat mit seiner Mischng aus Gesang, schrägen Texten, Vokalimprovisation und elektronisch unterstützter Bühnenperformance etwas wirklich Neues im Jazz kreiert – und dafür zu Recht den Westfalenjazz-Preis bekommen!

Münster blickt gern nach Italien – zu Recht, denn dort wird besonders spielerisch und humorvoll und zugleich extrem virtuos gejazzt. Neben dem finalen Abschluss-Showdown des Minafric Orchestra gelang dies auch im kammermusikalischen Format ganz hervorragend. Hier traf Livio Minafras humorgesättigte Klavierimprovisationen auf die Trommelkunst von Louis Moholo – nicht immer perfekt, dafür spontan, impulsiv und mit ganz viel Witz!

Genau das Gegenteil davon – nämlich eine introvertierte Klangreise nach innen erzeugte der britische Pianist Keith Tippet. Faszinierend waren vor allem die ersten Momente seines Auftrittes - wo er mit zarten Klanggesten, und Messiaen-Anklängen die Tasten seines Flügels schwerelos behandelte, um später dann immer monolithischer werdende Klangflächen mittels präparierter Effekte zu erzeugen. Man muss auch mal wieder forschen, um Ausdruckspotenziale von Instrumenten zu sprengen, zu erweitern. So wie Keith Tippet in Münster einen spannenden Kontrast ins Repertoire einbrachte.

Spielfreude entfalten, Wärme verbreiten, das Publikum woanders hintragen – das sind die beliebten Qualitäten des Münsteraner Jazzfestivals, vor allem bei den großen Besetzungen im großen Haus. Celine Bonacina hatte gleich mehrere Sternstunden in Münster. Die Französin, die auf Reunion lebte und von dort vermutliche ihre von ansteckender Leichtigkeit getragene Musizierauffassung mitbringt, ist in Münster keine Unbekannte mehr. Ihre Stimme auf den Saxophonen, vor allem auf dem von ihr so ungemein sinnlich phrasierten Bariton-Sax kann nur ihresgleichen suchen! Frauen-Power entfaltete sich in mitreißenden Duetten und Duellen Sängerin Himiko Paganotti. Von Fusion-Jazzrock-Stilistik getragen, brachte diese großbesetzte Band ganz viel wärmende Freude ins Münsteraner Theater- die irgendwie auch sehr weiblich wirkte. Mit so viel Schwung kann das neue Jahr getrost beginnen!

Und auch beim Konzert von Jasper van-t Hof, Markus Stockhausen und Patrice Heral blieb live der Eindruck von ganz viel Energie und Spaßfaktor zwischen den dreien, zumal die drei auch über sehr freie Improvisationen und ostinate Riffs fröhlich miteinander abrockten. Beim Norweger Marius Neset und seiner norwegisch-schwedisch-britischen etwas größeren Formation fügten sich trickreich verschiedene stilistische Spurenelemente zusammen, etwa erfrischend unverbrauchte folkloristische Melodien und ebensolche harmonischen Muster aus der Minimal Music. Nur zu gern mutierte das eine im fliegenden Wechsel zu etwas ganz anderem - und bot zuhauf Sprungbretter zu virtuosen kollektiven Improvisationen! Und überaupt versetzt Marius Nesets extrovertiertes und charismatisches Spiel auf den Saxophonen den Jazzhimmel in frische Schwingungen.

Auf internationaler Augenhöhe agierte in Münster ein weiterer Musiker aus NRW: Jonas Burgwinkel! Der wird vermutlich irgendwann sogar auf mehreren Konzerte irgendwo im Lande gleichzeitig auf dem Schlagzeugpodest sitzen. Könnte man annehmen angesichts der Produktivität und Rasanz seiner ständig neuen Projekte. Aber man braucht den Kölner ja jetzt nicht klonen, denn er allein hat ja schon genug zu sagen, sobald erstmal Besen oder Drumsticks in seinen Händen sind.

In Münster wurde er zum Motor einer der ausgereiften und vitalsten „klassischen“ Jazztrio-Besetzungen – zusammen mit Niklas Anatolisch am Klavier und dem Bassisten Simon Tailleu. Hier ging lupenreine Interaktion in Burgwinkels rhythmischen, linearen, melodischen, geräuschhaften, treibenden Ideenfeuerwerken auf dem Schlagwerk auf. Später im kleinen Haus waltete Burgwinkel als traumwandlerisches Gegenüber des Kölner Pianisten Sebastian Sternal, der mit neuen empfindsamen Kompositionen nach Münster kam. Und beide umrahmten das sensible, lyrisch strahlende Spiel der Trompeterin Airelle Besson. Eine wunderbare kammermusikalische und zugleich druckvolle Interaktion.

Nochmal zurück zu Simon Camatta: Der ließ zwischen den neuinterpretierten Monk-Stücken noch ein paar Worte los über jene richtige politische Haltung zu aktuellen Ereignissen in unserem Lande und anderswo, wie er sie von seiner Zuhörerschaft erwartet. Die Teilnahme an einem Jazzkonzert durfte hier also mal wieder Statement sein, um Flagge zu zeigen!