Ruhen im Raum |

Tobias Schoessler im Bunker Ulmenwall

Text & Fotos: Rainer Schmidt

Bielefeld, 01.05.2013 | Der Nordrhein-Westfale ist beschäftigt an diesem Abend, mit in-den-Mai tanzen, zum letzten Mal einen Schankraum einräuchern oder in der Ferne balltretenden Landsleuten zusehen. Er oder sie hat heute anderes im Sinn als Jazz, der von Keith Jarrett, Arvo Pärt oder J.S. Bach beeinflusst ist.

So nehmen beim Dienstagstermin im Bunker Ulmenwall, der vornehmlich aufstrebende Künstler aus diesem Bundesland vorstellen möchte, wenige Besucher die Gelegenheit wahr, einen davon, der anderswo in Deutschland schon Erfolge feiert, kennenzulernen. Der Harsewinkeler Tobias Schoessler (aktuelle Veröffentlichung: "Letters Late", wizmar records/nrw jazz) hat klassisches Piano studiert und wird von der Fachpresse schon mal als Bielefelder vorgestellt – für ein Jahr lebte er auch einmal hier. Schoessler schreibt Stücke von großer melodiöser Eindringlichkeit, die auch als sorgsam ausbalancierte Stimmungsbilder funktionieren und sogar mal schräge Zwischentöne zulassen. Sein Ton ist dabei stets rund und beherrscht, die Klänge ruhen bei gehaltenem Pedal oft im Raum, während der Pianist stetig irrwitzigere Linien nachschiebt. Zuweilen bedient er synchron ein elektronisches Instrument, es sorgt für warm gurrenden E-Piano-Klang oder gelegentliche verfremdete Stimmsamples. Aufrecht sitzt der Musiker im Bunker an den Klaviaturen und hält stupend intensiven Blickkontakt zu seinem Mitspieler am Schlagzeug. Der heißt Klaus Wallmeier und ist ein humorvoller Vertreter seiner Zunft, der auch schon mal seine Leidenschaft für Kehlkopfgesang mit ins Spiel bringt oder die Spielzeugsirene bläst, als sei dies eine spirituelle Übung und kein Gimmick. Ein paar nervöse Grooves, die gewitzt knapp an einer Anbiederung an moderne Tanzclubstile vorbeisegeln hat er auch parat, wenn Schoessler mit den Spielweisen von Chick Corea oder Herbie Hancock experimentiert. Zumeist stellt Wallmeiers Arbeit mit den Schlegeln jedoch kurze, trockene Kommentare zum musikalischen Ideenfluss des Pianisten vor. Es scheint, als ginge es ihm darum, dessen Rhythmus zu entgehen, ihn zumindest zu absorbieren und übersetzt wieder frei zu lassen. Manchmal scheinen die beiden sich auf der Bühne zu belauern. Drumrum lauern die Kameras und Mikrophone, denn man möchte eine saubere Demoaufnahme erstellen. Und das Publikum? Traut sich vor Ergriffenheit nicht, zwischen den Inventionen der Musiker zu applaudieren. Gelegentlich ist das eine wohltuende Abweichung vom sonst so reflexhaften Alles-beklatschen, im Sinne der Aufnahmeleiter dürfte es nicht gewesen sein.