Lyrische Jazz-Landschaften |

Klaro! im Hertener Glashaus

Text: Ingo Marmulla | Fotos: Kurt Rade

Herten, 24.04.2013 | 11 Uhr – Jazzmatinee in der Hertener Glashausrotunde, einem der interessantesten Veranstaltungsorte des Ruhrgebietes. Heute Morgen ist der Raum lichtdurchflutet, die Sonne scheint, wir sitzen gemütlich an Tischen, dürfen uns auf ein spannendes Konzert freuen. Die Kulturmacher, vormals der leider früh verstorbene Oswald Petermann, und nun Bettina Hahn, leisten eine vorbildliche Kulturarbeit. Und bei dem geringen Budget der kleinen Stadt Herten gelingt ihr es dennoch, hochrangigen Jazz auf das Podium zu bringen.

Heute erwartet uns „Klaro!“, ein Quartett um die WDR-Altsaxophonistin Karolina Strassmayer. Am Schlagzeug hören wir ihren Mann, den Brooklyner Schlagzeuger und nun Wahlkölner Drori Mondlak, der Kontrabass wird von ihrem Kollegen John Goldsby gespielt. Seit einiger Zeit ist Stefan Bauer der Vierte im Bunde, gebürtiger Recklinghäuser und nun Wahlbrooklyner ...

Das Konzert beginnt mit lyrischen Klängen im modalen Gewand. Die Kompositionen sind meistens von Karolina Strassmayer. Zu vernehmen ist ein lydisch anmutendendes Thema mit sequenzierten Motiven und einem Pickup für die Solisten. Stefan hat das erste Solo, und wie wir ihn kennen, füllt er seinen Chorus in seiner flüssigen und fantasievollen Spielweise aus. Gut gemacht! Strassmayer übernimmt nach dem Pickup und beginnt mit kurzen Motivfetzen, schafft damit einen Spannungsbogen zum weiteren Verlauf ihres Solos, endend in langen Melodielinien und gut platzierten emphatischen Topnotes. Sie ist eine zierliche aber selbstbewusste Musikerin mit einem wirklich schönen Ton, der mich an den frühen John Handy erinnert. Das Zusammenspiel funktioniert intuitiv, ein kleiner Blick genügt, um den weiteren Verlauf des Stückes anzudeuten. Goldsby hält sich im Hintergrund, schafft aber die sichere Grundlage für das Zusammenspiel. Auch sehr dezent das Schlagzeug, die Snaredrum wird lange Zeit ohne Teppich gespielt. Mondlaks Timing ist klasse, sein Spiel unglaublich exakt, seine Triolen sind einfach perfekt... Das Stück endet wie es angefangen hat, mit sanften coltranesken Melodien und einer friedlichen Atmosphäre. Wie diese Komposition hieß, erfahren wir leider nicht.

Ansage von Mondlak: „Three for All“ – Wie der Titel schon andeutet, Musik im 3/4 Takt (mit geradem Taktwechsel). Hier werden wir Zeuge einer überzeugenden Besenarbeit. Aber hier hören wir auch Strassmeyer und Bauer in ihrer eloquenten Art zu improvisieren: Strassmayer immer etwas malerischer, impressionistischer, Bauer etwas perkussiver und kräftiger. Beides zusammen bildet eine gute Mischung für diese Art von Kompositionen.

Strassmayer ergreift das Wort, erzählt aus ihrer Jugend in der Steiermark, von Wanderungen in den Bergen und nimmt uns so mit auf ihre musikalische Reise.
Das Publikum nimmt ihre persönlichen Anekdoten gerne an, dient es doch auch dem Verständnis ihrer Musik.

„Small Moments“ – Die stillen, schönen, kleinen Momente des Lebens. Vielleicht Teil der Programmatik Strassmayers Musik. Wir werden klanglich verwöhnt, nie gibt es schrille Töne oder kantige Wendungen. Die Musik ist fest durchstrukturiert, neben den Improvisationen ist nichts dem Zufall überlassen, dieses Stück beschreibt auf dem Notenständer übrigens glatte vier Seiten. Ebenso die darauf folgende Komposition „Seven Minutes in Heaven“. Hier beginnen Bauer und Strassmayer im Duo. Es entwickelt sich eine modale Ballade, die allmählich ins verdoppelte Tempo übergeht. Ein gefühlvolles Solo auf dem Alto wird anschließend kontrastiert durch rhythmische Kontrapunkte auf dem Vibraphon. Das Ende: eine ausgedehnte Solokadenz der Komponistin, in der sie ihr ganzes technisches Können zeigt. Fine – nachhaltiger Applaus für einen langen ersten Set ...

Es geht nun weiter mit „A Call for all Forefathers“ – einer Komposition für ihren Vater und die Bergwelt, die sie heute noch häufig erwandert. Wenn man das Stück hört, kann man sich allerdings auch die musikalischen Forefathers vorstellen. Ich hörte da eine bluesartige Form in Moll und im 5/4 Takt. Überhaupt sind krumme Taktarten eine Glanzseite für Strassmayer, ebenso für ihren Mann, der in diesem Stück mit Filzschlägeln brillieren kann.

Auch der zweite Set begeister die Zuschauer, und sie werden mit weiteren Stücken aus der Feder der Bandleaderin belohnt. Lediglich das Schlussstück und die Zugabe stammen von Stefan Bauer: „Look up!“ – eine Uptemponummer, in der Bauer auftrumpft und eine andere Facette des Jazz anspielt und „Adieu“ – eine Art 5/4 Tango-Ballade, die ein wenig an Astor Piazolla erinnert.

Wir dürfen den Musikern für das schöne Konzert danken und Bettina Hahn, die durch ihr kulturelles Engagement solch ein Konzert erst ermöglicht hat.