Musik für Jeden |

John Goldsby’s „Miami New York Connection”

Text: Stefan Zimmer | Fotos: Zbyszek Lewandowski

Köln, 29.06.2013 | Das Alte Pfandhaus in Köln ist bekannt dafür, Konzerte internationaler Jazzgrößen zu veranstalten. Mit seinem einzigartigen Ambiente bietet es dem Publikum die einzigartige Gelegenheit, die Musiker hautnah zu erleben und ihnen quasi beim Spielen auf die Finger schauen zu können.

Am Donnerstagabend war jetzt John Goldsby mit seinem Quartett „Miami New York Connection“ im Alten Pfandhaus zu Gast. Goldsby ist einer der letzten amerikanischen Jazzgrößen, die noch in Köln ihre Heimat haben. Er ist sozusagen ein Relikt aus einer Zeit, in der internationale Jazzgrößen in Köln lebten, lehrten und arbeiteten. Die Meisten sind mit der Zeit leider weitergezogen, der Einfluss von Jazzgrößen wie der Pianist John Taylor oder der Komponist Jiggs Whigham ist allerdings immer noch allgegenwärtig.

Aber John Goldsby ist (zum Glück) geblieben. Die Meisten kennen ihn sicher als den Bassisten der WDR-Big Band, mit der er regelmäßig verschiedenste Jazzgrößen für Gastspiele nach Köln holt. Am Schlagzeug fanden wir im Pfandhaus dann auch seinen Weggefährten beim WDR, den in Köln lebenden Niederländer Hans Dekker. Diese beiden spielen und arbeiten jeden Tag miteinander, was sich am Donnerstag in ihrem blinden Verständnis beim Zusammenspiel widerspiegelte.

Als Pianisten hat sich Goldsby für diesen Abend Rob Schneiderman ausgesucht. In Boston geboren, wirkte Schneiderman als Jazzpianist vor allem in New York. Mittlerweile ist Schneiderman Matheprofessor und lehrt und forscht am Max-Planck-Institut in Bonn. Am Tag ist er Matheprofessor, am Abend tourt er durch die Jazzclubs.

Das „Miami“ im Bandnamen kommt vom Saxophonisten Gary Campbell. Er lehrt und wirkt in Miami. Goldsby und Campbell kennen sich durch ihre Zusammenarbeit in den USA, unter anderem durch ihre „Jamie Aebersold“-Workshops. Und genau diese Workshops beschreiben die Musik, die am Donnerstagabend zu hören war perfekt.

Für diejenigen, die Jamie Aebersold nicht kennen: Er ist ein amerikanischer Jazz-Saxophonist, der vor allem dafür bekannt ist, sogenannte „Play-A-Longs“ (frei übersetzt: „Spiel mit!“) zu hunderten von Jazz-Standards produziert und aufgenommen hat. Dabei sind auf der Aufnahme nur eine Rhythmusgruppe (meistens Schlagzeug, Bass und Klavier) zu hören, und der Hobby-, Profi- oder auch Spaßmusiker kann dann das Stück mitspielen und hat genug Zeit, selbst über das Lied zu improvisieren, bevor dann am Schluss wieder das Thema zum Mitspielen kommt. Diese Play-A-Longs werden von Generationen von Jazz-Studenten dazu genutzt, ihre Fähigkeiten beim Improvisieren zu verbessern.

Aber was hat das jetzt mit dem Konzert von John Goldsby’s „Miami New York Connection” zu tun?
Nun ja, jedes Stück das sie gespielt haben, war so oder ähnlich aufgebaut. Zuerst kam ein Intro, dann das Thema, meistens vom Tenorsaxophon gespielt, danach wechselten sich die Musiker beim Solieren ab bevor es dann wieder ins Thema geht und ein kurzer Schluss angehängt wird.

Dagegen ist so nichts zu sagen. Vor allen Dingen, da es sich um vier absolut virtuose Solisten handelt. Gary Campbell bot in seinen Soli eine ausgewogene Mischung von virtuosen Achtellinien und melodiösen Passagen. Schneiderman zeigte, dass er sowohl schnelle Soli mit viel Melodie in der rechten Hand und kurzer prägnanter Begleitung in der Linken, als auch akkordisch aufgebauten Passagen souverän und für den Zuhörer interessant und abwechslungsreich darbieten kann. Goldsby machte deutlich, dass er sich neben seinem sehr melodiösem und interessantem Begleitspiel auch als Solist nicht zu verstecken brauch, was eine von ihm alleine interpretierte Version des Jazz-Standards Stardust eindrucksvoll bewies. Auch Hans Dekker bekam an ausgewählten Stellen die Chance, sein solistisches Können unter Beweis zu stellen.

Es gibt viele Menschen, denen diese Art des Jazz sehr gut gefällt. Es ist leicht zum Zuhören und eingängig. Der ideale Jazz für einen schwülen Sommerabend. Man genießt dazu ein Glas Wein und unterhält sich oder liest ein Buch. Auch beim Publikum im Alten Pfandhaus kam das gut an. Nur dass man sich im Konzertsaal nicht wirklich unterhalten kann, auch ein Buch zu lesen wird wohl eher komisch beäugt. Meiner Meinung nach hätte der ganzen Sache etwas mehr interessant arrangierte Passagen gut getan. Hier vielleicht ein schöner Background zum Saxophon-Solo, da kleines Zwischenspiel. So wirkt die Musik über weite Strecken etwas vorhersehbar und für meinen Geschmack etwas langweilig.

Mir hat bei dem Konzert das Überraschungsmoment gefehlt. Die Kompositionen und auch die Auswahl der Stücke waren sehr schön. Es war von Rhythm-Changes über schöne 3/4-Takt-Kompositionen bis hin zu einer Latin-Version eines Bach-Menuetts für Jeden etwas dabei. Die Ausarbeitung ging aber meiner Meinung nach nicht weit genug.

So hatte der Auftritt von John Goldsby‘s Quartett mehr Session- als Konzert-Charakter. Wenn man das Ganze nicht so wertend betrachtet, wie ich es jetzt gerade getan hab, kann man sagen, die Stücke wurden sehr „amerikanisch“ vorgetragen. Da ist der Aufbau nun mal oft Thema, Solo, Solo, Thema. Wo im europäischen Raum ein Jazz-Standard aufgebrochen und im eigenen Stil interpretiert wird, belässt der Amerikaner eigentliche Stück so wie man es kennt und setzt den Fokus eher aus Solo.

Bei meinem letzten Artikel über Simon Nabotov’s neuestes Solo-Projekt habe geschrieben, es sei keine Musik für jeden Tag. Hier genau umgekehrt. Die Musik war ideal für Menschen, die noch nicht so viel mit Jazz gehört haben und die man nicht mit energischer freier Improvisation als ersten Eindruck des Jazz bombardieren möchte. Aber auch die Liebhaber des guten alten amerikanischen Standards-Jazz haben sicherlich am Konzert von John Goldsby’s „Miami New York Connection” ihre Freude gehabt. Der Applaus nach dem letzten Stück und der Zugabe sprechen dafür.