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Jerry Bergonzi - Master Musician, Educator

Text: Ingo Marmulla | Fotos: Christoph Giese, Kurt Rade

Dortmund, 24.01.2013 | Wer ist dieser Mann, der heute abend im Domicil auftritt? Ok, den Namen hat man schon mal gehört, aber ganz geläufig ist er im Gegensatz zu seinen Kollegen (D.Liebman, M.Brecker, St.Grossman...) nicht. Natürlich informiere ich mich vor dem Konzert im Internet und in meiner Schallplattensammlung. Und da taucht der Name Bergonzi auch im Zusammenhang mit der LP „Miles & Quincy Live at Montreux“ aus dem Jahre 1991 auf. Im Satz mit Bob Malach, Larry Schneider in der George Gruntz Concert Jazz Band wirkt er an dieser legendären Aufnahme mit, für die es später einen Grammy gab. Jahrgang 1947, geboren in Boston, kein Zufall. Aus Boston, eh bekannt für sein Berklee College of Music, da kommt er also her. Früh mit dem Jazz vertraut entwickelte er sich zu einem Wunderkind auf dem Tenor. Nach Studienjahren gelang sein Durchbruch Mitte der 70er Jahre mit den „Two Generations of Brubeck“. Mit Brubeck bereist Bergonzi die ganze Welt. Und das Reisen und Musizieren weltweit hat ihn neben seiner Lehrtätigkeit auch immer noch nicht losgelassen. So ist er nun also hier in Dortmund, wo er gestern noch einen Workshop durchführte. Begleitet wird er von der Würzburger Pianistin Tine Schneider, Sean Pentland am Bass und Sebastian Nay am Schlagzeug. Diese Gruppe hat schon einige dates mit Berganzi in Deutschland gespielt und kennt das Repertoire. Es sei aber gleich vorweg gesagt: Das anwesende Publikum ist nicht wegen der Rhythmusgruppe gekommen, obwohl sie ihre Sache gut macht. Dank „You Tube“ können wir Bergonzi in anderem Kontext erleben, zum Beispiel mir Mick Goodrick. Kein Vergleich ...

Dennoch, freundliche Begrüßung pünktlich um 20 Uhr. Er stellt gleich seine Mitmusiker vor. Das erste Stück ist ein Standard zum warm spielen. „We start with Come rain or Come Shine and we have decided to play both!“ So lautet die erste Ansage des verschmitzten Musikers. Und von diesen humorvollen Gesten werden wir an diesem Abend noch einige erleben...
Nach dem Themenvortrag überlässt er zunächst das Feld seinen Mitspielern. Doch schon nach wenigen Chorussen der Pianistin über das alternierende Akkordgerüst übernimmt Bergonzi das Zepter. Er gibt den musikalischen Raum vor, steck den Rahmen und er füllt ihn mit seiner technischen Brillianz voll und ganz aus. Nach einer Interaktion mit seinem Schlagzeuger, immer begleitet von Bergonzis freundlichem Lächeln, wechselt Bergonzi zum eigen Material über.

„Awake“ heißt das nächste Stück, eine Komposition in Post-Bebop-Manier, mit eruptiven Melodieverschiebungen und Unisonolinien auf dem Klavier. Es wird schnell klar, dass der Mann spielen kann - aber schaffen es auch die Zuhörer ihm zu folgen. Man muss wirklich gut aufpassen, wo das Thema aufhört und die Improvisation beginnt, zumal kein zweiter Bläser dieses deutlich macht. Das Stück wirkt konstruktivistisch. Man spürt das Bemühen, die Harmoniestrukturen durch melodische Rückungen zu konfrontieren. Das macht die Musik spannend, aber auch leicht abgehoben. Literarisch gesprochen, wäre diese Musik ein anspruchsvolles Sonnett, bei dem es von Vorteil wäre, die Syntax zu kennen, denn nur der Swing und der Walkingbass sind nicht die ganze Musik. Das Publikum ahnt, dass hinter der sympathischen Fassade des Virtuosen mehr steckt, als anfangs angenommen.

Als nächstes eine typische Ansage. „John Coltrane, I’ll wait and Pray, Atlantic Records – 1354“. Der Mann kann sich gut Zahlen merken. Eine Eigenschaft so mancher Musiker, oder versteht sich dieser Hinweis als eine Art Coltrane-Opuszahl. Dieses Stück kennt man natürlich im Original, und es wird schnell deutlich, dass Coltrane die Basis für unseren Saxophonisten bildet. Der Themenvortrag, ganz Coltrane! Macht man die Augen zu, könnte tatsächlich Coltrane spielen. Bergonzi trägt seinen Coltrane auch im Sinne klassischer Musik vor. Ähnliche Phrasierung, ähnliche Verzierungen, warmer Seelen durchdrungener Ton. Dann beginnt die Improvisation. Er greift die Stilelemente Coltranes auf: „Sheets of Sound“, rasante hingeworfene Melodieflächen, Tonverfärbungen und Überblastechnik, emphatische Toptone-Endungen ...Coltrane ist Berganzis Grundlage. Es scheint, als wolle Borgonzi da weitermachen, wo uns Coltrane verließ um in atonale Spären überzuwechseln. Soweit geht Bergonzi aber nicht. Er steht für harmonisch fundierte Perfektion. Der Set geht zu Ende mit weiteren Eigenkompositionen Bergonzis, die sein Musikkonzept deutlich machen.

„Flying Red“ – Bergonzi steht für Konzept, und wenn man schaut, welche theoretischen und technisch-instrumentalen Publikationen er veröffentlicht hat, vor allen als Pädagoge, wird schnell deutlich, dass er dieses auch in seinem Spiel ausdrücken will. Mal improvisiert er in großen Intervallsprüngen, mal wechselt er in den Gegentakt. Er schöpft den Ambitus seines Instrumentes voll aus endet häufig in höchster Lage, um wieder zu seinen Subtones zurück zu kehren. Letzter Ton des Stückes immer wieder im ganz tiefen Register, gehalten, bis nur noch das Atemgeräusch zu vernehmen ist.Totale Tonkontrolle! Und hier hätte ich mir mehr klangliche Unterstützung und Ausgestaltung durch die Rhythmusgruppe gewünscht...

Pause

„Pannonica“ – Monks unvergessene musikalische Widmung an seine Gönnerin. Hatte nicht Coltrane mit Monk gespielt? Ach nein, hier war es Rollins, der in der Originalaufnahme den Tenorpart übernahm. Bergonzi liefert eine großartige Interpretation dieses Klassikers. Er wirkt unglaublich locker beim Spiel, überlässt die erste Improvisation der Pianistin und wartet im Hintergrund. Beobachtet man ihn in seinem Habitus, bemerkt man aber auch, dass er ständig auf dem Sprung ist einzusteigen und die Musik zu übernehmen.

Der Zweite Set wirkt etwas entspannter, vielleicht aber auch ein wenig ermüdeter. Ist schon alles gesagt, oder woran liegt es? Bergonzi kündigt als zweites Stück eine Komposition des Bassisten an: “Even Steven“. Daran erkennt man den Pädagogen, der auch jüngeren Musikern eine Würdigung zukommen lässt und sie in ihrem Kompositorischen Schaffen unterstütz.

Und noch ein Standard: „Witchcraft“. Hier muss ich gestehen, dass mir unweigerlich Elvis einfällt, der nach seiner Militärzeit in Deutschland diesen Song mit Sinatra im Duo gesungen hat. Elvis „Witchcraft“ und Sinatra „Love me tender“. Bergonzi gibt diesem Song natürlich eine ganz andere Prägung. Die Changes sind kaum noch zu erkennen – in der Improvisation schöpft er aus dem Vollen. In 32steln jagt er durch die Musik und fliegt auf seinem Instrument durch die horizontalen Strukturen. Ja, mit dieser Musik ist man in Amerika wohl anders aufgewachsen als in Deutschland.
Nach einer weiteren Eigenkomposition endet das Quartett mit „Gabriela“, einer Komposition für Bergonzis Tochter. 3/4-Takt, langsam, getragen, modal, fast ein weinig süßlich, so wie man für sein Kind schreiben möchte, der totale Gegensatz zu Bergonzis anderen Stücken. Eine schöne pastellfarbene Fantasie auf dem Klavier, eine sehr kurze einfühlsame Improvisation auf dem Tenor und das Konzert geht zu Ende.

...Mit solch einem romantischen Stück darf man einfach nicht aufhören und das Publikum fordert eine Zugabe, die von Bergonzi und seiner Band gegeben wird.
Bergonzi – Mastermusican, Educator. Schön dabei gewesen zu sein.