D-Zug des kollektiven Improvisierens |

'Freeter' im Kunstmuseum

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 29.04.2013 | Das Kunstmuseum Bochum beherbergt im Augenblick die 33. Übersichtsausstellung des Westdeuten Künstlerbundes ‚Wirwiederhier’. Das Motto der Ausstellung könnte ebenfalls das des Musikprojektes um den Drummer und Perkussionisten Martin Blume sein, dessen Reihe ‚Klangbilder’ im Kunstmuseum Bochum seit langem eine Heimat gefunden hat. ‚Wirwiederhier’ bezieht sich auch auf die aktuelle Formation des Quartetts ‚Freeter’, von dem neben Martin Blume Tobias Delius (Tenorsax und Klarinette) und Clayton Thomas (Kontrabass) in einem begeisternden Auftritt bereits vor zwei Jahren im Trio zu Gast in Bochum waren. Nun also mit ‚Freeter’ eine Erweiterung durch den Posaunisten Johannes Bauer, der – wie seine Mitstreiter – zu den international bekanntesten Vertretern der Improvisierten Musik und der Neuen Musik zählt.

Die Bezeichnung ‚freeter’ leitet sich übrigens von dem englischen Begriff ‚free’ und dem deutschen ‚Arbeiter’ ab. Die mitschwingenden Bedeutungen der ‚freien’ Arbeit wie die einer ebensolchen Musik, aber auch die der Ambivalenz einer „freien“ Künstlerexistenz vor allem im Bereich der improvisierten Musik sind offenkundig.

Das Publikum erfährt ziemlich schnell, was mit „freeter“ als Programm gemeint ist: Die vier Musiker finden einen freien allmählichen Einstieg in ihr Projekt, Tobias Delius entlockt dem Sax und der Klarinette Phrasen und Töne bis zum mehrfachen Pfiff, der Bass zupft und streicht Rhythmus-Pattern und wummert und summt, Martin Blume bearbeitet seine Drums mit Stöcken und Besen und allerlei Perkussions- und Glocken-Gerät, die Posaune von Johannes Bauer nimmt die Phrasen des Saxophons auf und führt sie in ein Staccato und instrumententypisches Glissando über. Ein Rufen, Schreien, Singen, Zischen, Zwitschern, Schimpfen, Kreischen, Pfeifen lässt die Lokomotive des scheinbaren Nebeneinanders in Gang kommen und sich entwickeln zu einem D-Zug des kollektiven Improvisierens. Die Lok brettert mit ungeheurer Energie durch die akustische Landschaft, die vier Musiker entlocken ihren Instrumenten Töne und Geräusche mit einem schier nicht enden wollenden Einfallsreichtum und entsprechender Konzentration. Atemlos bleiben ob dieser stupenden tempo- und ideenreichen Technik der vier Freelancer der Improvisation nur die Zuhörer, die nach dem ersten Set ahnen, wie das Quartett zu der Bezeichnung ‚freeter’ gekommen sein muss: Freie Improvisation ist auch schweißtreibende Arbeit. Übrigens bleibt auch das Publikum davon nicht unberührt: Man vernimmt ein körperliches Mitgehen der Zuhörer mit der Musik, die Energie der Free Jazz-Performance geht auf das Publikum über. Nach dem Set gibt’s frenetischen Applaus, jemand lässt sich zu dem Zwischenruf „Rock ‘n Roll!“ hinreißen.

Nach dieser Sternstunde der Improvisation beweisen die vier auch in den folgenden etwas ruhigeren Sets, dass sie eine ideale Combo für Improvisierte Musik sind. Der langjährige Wunsch von Martin Blume, Johannes Bauer für ein Mitmusizieren zu gewinnen, lässt sich gut nachvollziehen, kann der Posaunist reichhaltige Erfahrungen einbringen aus Formationen mit Peter Brötzmann, Keith Tippett, Hans Reichel, Cecil Taylor, Tony Oxley, Irene Schweizer, Fred van Hove und vielen anderen. Sein Posaunen-Spiel ist dabei nie aufdringlich und fügt sich „harmonisch“ ein in den Kollektiv-Spaß. Interessant ist dabei neben einer offenen und variantenreichen Auffassung des Posaunenspiels die Blastechnik mit Zirkulationsatmung und Multiphonics. Differenz- und Summationstöne erzeugt Johannes Bauer mit seiner Stimme, mit Lippen- und Zungengeräuschen als Erweiterung seines Instruments im Sinne von „extended technique“. Die Überlagerungen in Obertönen und Harmonien und Disharmonien korrespondieren in verblüffender Weise mit den drei Mitspielern, was bei dem Posaunisten – wie beim Publikum - offensichtlich Überraschung und Spaß hervorruft.

Der Jüngste in dem Quartett ist der in Berlin lebende Australier Clayton Thomas. Er spielt seinen Kontrabass so frisch und „unerhört“, dass man verwundert aufhorcht und mehr und mehr nachvollziehen kann, warum er zu den interessantesten und angesagtesten Bassisten nicht nur der Free Jazz-Szene zählt. Er erweist sich als wahrer Schüler u.a. von Henry Grimes und Peter Kowald. Sein Spiel animiert durch eine unbändige Energie, sein unkonventioneller Witz beim Einsatz seines Instruments als Takt- und Ideengeber, als durchaus „strukturierend“, als Klangerweiterung des Quartetts, als Kontrapunkt sind eine wahre Freude.

Insgesamt bietet ‚Freeter‘ eine ganz starke Performance im Musikalischen mit hohem Inspirationsgrad, mit unglaublicher Energie, viel Spielfreude und Witz, mit hohem körperlichen Einsatz – „freie“ „Arbeit“ eben. „Wirwiederhier“ wünscht man sich von diesem außerordentlichen Quartett bald wieder zu hören, zu erleben.