Improvisation in 4 Sätzen |

Brötzmann Solo im Haus Kemnade

Text: Ingo Marmulla | Fotos: Kurt Rade

Bochum, 13.03.2013 | Schneetreiben. Wer heute Abend zum Brötzmannkonzert im Haus Kemnade wollte, brauchte starke Nerven und einen starken Willen. Und das passt zu dem Konzert, auf das ich mich schon lange gefreut habe. Ich steige aus dem Auto – und höre ...“Ida Lupino“ von Carla Bley. Soundcheck! Aha, da muss die „Scheune“ sein, in die das Konzert auf Grund großer Nachfrage verlegt wurde ... Ob wohl alle Zuschauer wissen, wer Peter Brötzmann ist? Oder ist es lediglich die Einladung des Bochumer Kunstmuseums, die das zahlreiche Publikum in dieses ungewöhnliche Konzertambiente gelockt hat.

In der Tat, die „Scheune“ ist ein großer Raum, der eine entsprechende Beschallungsanlage erfordert, selbst für Brötzmann. Und die Mikrophone werden nicht nur von ihm benötigt, sondern auch für den Veranstalter (Kunstmuseum Bochum - Förderverein Instrumentenmuseum) und den Autor des just erschienen Buches „Brötzmann-Gespräche“, Christoph J. Bauer, der uns einen Überblick über fünfzig Jahre Brötzmann gibt.

20.10 Uhr - Das Konzert beginnt. Die vier Instrumente des Abends liegen hinter Brötzmann. Er greift ganz ruhig zur Klarinette, dem Instrument, mit dem alles begann. Kein Thema, keine bestimmende Melodie, sondern Motivfetzen, versehen mit Pausen zum Atmen. Unverkennbar seine Endungen mit dem typischen Vibrato. Was hören wir, was will er uns „erzählen“? Die Musik klingt irgendwie nach Balkan. Nach einleitenden Sequenzen nimmt der Vortrag Fahrt auf, wird aggressiver und schreiender, abrupte Pausen, schrille Klänge mit Überblastechnik, Triller, die er demonstrativ völlig unschulmäßig bewusst mit dem Zeigefinger ausführt. Ich glaube, etliche Zuschauer beginnen jetzt erst zu spüren, dass der Konzertabend kein gemütlicher Ohrenschmaus wird ... der Vortrag hat Struktur ... lange Melodiebögen bilden einen Gegensatz zu kurzen Riffs, die Charakteristik des Modus jedoch bleibt bestehen, mit einem eigenen chromatischen Charakter, unterbrochen von einer Technik, die man von Coltrane kennt. Und das in diesem Stück! Wer kennt nicht „My favourite Things“? Schnelle 16-Intervalle mit Orgelpunkt im Bass und wandernder zweiter Stimme oben. Eigentlich eine polyphone musikalische Denkstruktur. Nach verdichteten Klängen gibt es eine Phase der Entspannung, die Melodien werden getragener, man spürt den „inneren“ Brötzmann, man hört den Atem, die Ruhe, die seinen explosiven Ausbrüchen die Basis geben. Dann geht es wieder in höchste Regionen und Toncluster, vermischt mit seinem wirklichen Hereinrufen in das Instrument. Ganz Peter Brötzmann. Der „Ruf der Freiheit“ – kein belangloses Geplänkel. Hier wird gearbeitet. Musik als Vergegenständlichung des musikalischen Aufbegehrens gegen das eingefleischte Hören von Belanglosigkeiten ... „Machine Gun“ und Soundeffekte, die an den frühen Paroah Sanders erinnern. Leittöne, ohne Auflösung ... Ende des ersten Satzes.

Nun wechselt Brötzmann zum Altsaxophon. Das Spiel ist deutlich jazzorientierter. Vielleicht liegt es am Instrument. Scream and shout. Melancholische Phrasen schaffen einen Raum, der in seiner Dimensionalität auch die Dynamik voll ausschöpft. Meistens zwar im forte fortissimo, aber schon auch Gegensätze bildend im pianissimo mit lyrischen Elementen, wo man den (eigentliche Kern) Brötzmanns vermuten mag. Auch in diesem Teil seines Vortrags gibt es einen erneuten Aufschwung zum Powerspiel, das natürlich nicht fehlen darf, weil es Teil der Sprache und der Grammatik Brötzmanns ist. Diese ungebroche Kraft, die sich in fantasievoller Entwicklung darstellt und immer wieder neu erfindet ... Eine zweite Erholungsphase: Klänge, wie aus Tausend und einer Nacht ... „Ist das der gleiche Musiker?“ fragt man sich zwangsläufig. Ja! Er ist es: Peter Brötzmann ... Subtones, tiefste Töne, mehr Atem als Ton, Bluesanklänge, die Musik, die Brötzmann liebt, was man allerdings nicht immer heraushören kann ...
Nach einem viertelstündigen energiegeladenen „Satz“ endet dieser diatonisch (was man am Fingersatz gut erkennen kann) auf dem Saxophonton E ...

Satz Drei: Tenor. Sein eigentliches Instrument? Ich glaube, auf allen Instrumenten kommt Brötzmanns musikalischer Gestus gleich gut zur Geltung. In ungebändigter Manier geht es nach einer kurzen Einleitung weiter. Das Überblasen auf dem tieferen Tenor geht etwas leichter. Aber hier klingt Brötzmann für mich am besten. Eine unbeschreibliche Tour de Force. Dem Publikum bleibt die Spucke weg. Selbst jene, die man hier nicht erwartet hätte, sind gebannt von der respektgebärenden musikalischen Sprache eines der Pioniere des freien Jazz. Und trotz aller Härte der musikalischen Artikulation bleibt noch Raum für kurze humorvolle Zitate. War das nicht gerade „On the Banks of Sacramento“? Das Tenor spielt er auch etwas balladesker. Hier offenbahrt sich auch sein Vibrato, es erininnert an seine „Nummer Eins“ unter den Jazz-Saxophonisten: Coleman Hawkins. Interessant das Endes des dritten Teils: nach erneuten Ausbrüchen gibt es ein Dreiklangsmotiv, erinnernd an Albert Ayler, wohklingend in F-Dur.

Letzter Teil (... wie sich herrausstellt): Brötzmann nimmt mit Gelassenheit das vierte Instrument zur Hand. Es sieht aus, wie eine Klarinette aus Metall, nur viel schlanker. Es ist ein Instrument aus dem Balkan, Tarogato genannt, wie er mir hinterher erläutert. Das Instrument mit den höchsten Tönen spielt hier in tiefem Register, ruhige und lange Bögen, fast gehaucht. Glissandi leiten zu immer neuen Motiven über. Piano pianissimo, so geht es auch! Das Stück entwickelt sich kontinuierlich und wird der zeitlich ausgedehnteste „Satz“ des Abends. Der Moment sich optisch auf die Person Peter Brötzmann zu konzentrieren: Er bildet mit seinem Instrument eine in sich geschlossene Einheit. Einerseits ganz statisch, verweilend, mit beiden Beinen auf dem Boden, und andererseits ein fantastisches Feuerwerk bewegender musikalischer Freiheit und vorwärts drängender kreativer Energie.

Nach einer knappen Stunde ist das Brötzmann-Konzert beendet. Das Publikum fordert eine Zugabe. In seiner trockenen Art hören wir ihn: „Vielen Dank für das zahlreiche Erscheinen. Als kurze Zugabe spiele ich eine Komposition des von mir sehr verehrten Jazzmeisters Ornette Coleman: „Lonely Woman“.
Nun also doch noch ein Thema, wie sollte es bei Coleman auch anders sein ...

Ich glaube, für alle Zuhörer war dieser Abend ein großes Erlebnis. Für Brötzmann auch, denn leider hören wir ihn in unserer Region eher selten. Im Publikum übrigens auch ein alter Weggefährte, extra angereist: Jost Gebers (FMP). Let the good Times roll.

„Peter! Enorm, diese Phantasie und die Kraft des Vortrages“. So mein anerkennender Kommentar nach einer kurzen Verschnaufpause. „Ja, und das mit zweiundsiebzig Jahren! Das wolltest du doch sagen!“ So seine verschmitzte Erwiderung.
Wir wünschen Peter Brötzmann natürlich alles Gute und sind gespannt auf weitere Konzerte in seiner unverkennbaren Art.