Festivals in NRW

Bürgerfest mit Möglichkeiten |

1. Herner Jazzfestival 2013

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Herne, 21.05.2013 | Und noch ein Festival über Pfingsten? Reichen uns nicht Moers als traditioneller Pilgerort für alle Freunde der improvisierten Musik, Düsseldorf mit seiner Jazz Rally für den „breiteren“ Jazzgeschmack – von den vielen anderen Pfingstevents in der Region wie ‚Kemnade in Flammen’ etc. einmal abgesehen?

Die Stadt Herne wagt nun mit ihrem ersten Jazzfestival in der Organisation von Oliver Bartkowski, dem Kopf der Bochumer Marketing-Agentur und des gleichnamigen CD-Labels ‚Wunderbar’, den Schritt, ein Open Air-Festival zu starten im schönen Umfeld des Schlosses Strünkede. Unabhängig von Stadtmarketing-Überlegungen ein sicherlich löbliches Unterfangen, mit einem kulturellen Highlight das städtische Angebot in Sachen Musik zu erweitern und dabei die Vorzeige-Orte einer Kommune zu nutzen. Anknüpfen kann die Stadt dabei an die Vorarbeit, die Oliver Bartkowski mit seinen „Jazz in Herne“-Abenden – zunächst in der ‚Alten Druckerei’, jetzt in den Flottmann-Hallen mit einem mittlerweile festen Stammpublikum – geleistet hat.

Der Wettergott war allerdings den Herner Planungen leider nicht gut gesonnen. Tage vorher zeichnete sich bereits ab: Der Pfingstsamstag wird kühl und leider auch einigermaßen verregnet. Kurzer Hand und mit einigen logistischen Verrenkungen wurde das Festival in die Flottmann-Hallen verlegt, wo immerhin die Infrastruktur und Technik für ein solches Festival vorzufinden sind. Sicherlich sind durch die Verlegung einige potentielle Zuschauer von ihrem Kommen abgehalten worden, die für ein Open Air-Konzert noch zusätzlich zu mobilisieren gewesen wären. Aber immerhin konnte das Festival wie geplant starten.

Die ‚Wakefield Arms Band’ aus der Herner Partnerstadt Wakefield eröffnet das Festival. Die englische Marching-Band mit ihrem traditionellen Brass-Jazz markiert auch musikalisch die eine Seite der Bandbreite eines Festivals, das sicherlich gerade im ersten Aufschlag ein möglichst breites Spektrum an Publikumsinteressen und dabei auch mögliche städtische Verpflichtungen abdecken will. Gut gelaunte ältere Herren präsentieren im bekannten Brass-Idiom Jazz-Klassiker wie ‚Ain’t Misbehavin’ oder ‚Sunny Side Of The Street’ – Gute-Laune-Musik, die bei einigen Zuhörern die Klischee-Vorstellung von Jazz bestärkt und auf keinen Fall Erwartungen an innovative Impulse für den Jazz geweckt haben dürfte. Trotzdem: Wegen der genannten Bandbreite ist dies bei einem solchen Festival verbreitet und sicherlich auch legitim. Bei den Zuhörern kam die ‚Wakefield Arms Band’ an, was sicherlich auch an dem freundlichen Bandleader lag.

Die nächste „Gruppe“ – das Duo ‚Tropical Turn’ - gibt dem Festival eine lateinamerikanisch-karibische Note. Der Gitarrist Buck Wolters gilt zurecht als Spezialist fürs Latin-Caribbean und für Bossa-Nova, Perkussionist Benny Mokross ist sein kongenialer Begleiter am Drumset. Dem Zusammenspiel von beiden hört man an, dass sie in unterschiedlichen Kontexten viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln und diese in ‚Tropical Turn’ zu einem virtuosen und erfreulich unaufdringlichen Duett mit Latin-Ausrichtung verbinden konnten. Sons wie ‚Luna Cubana’, Samba (‚Copacabenny’ !) Merengue wie ‚Merenguitis’ führen uns in entspannt-tanzanimierende Latino-Gefilde, dem Festival wird ein wenig ‚Buana Vista Social Club’-Atmo eingehaucht. Da spielt dann sogar der Wettergott mit und schickt den Hernern ein paar Sonnenstrahlen, die in der Pause einen „Tropical Turn“ nachvollziehen lassen können.

Beim Wiedereintreten in die Festival-Halle erlebt man mit dem hessischen Quartett ‚Captain Overdrive’ um den Posaunisten Andreas Jamin einen fulminanten Stilwechsel: Jazz-Rock-Funk ist angesagt, eine klare Genre-Zuordnung fällt bei der reinen Instrumentalband schwer. Andreas Jamin macht sich in seinen Ansagen auch ein wenig lustig über ein Publikum (fern von Herne, natürlich), das eine Posaune nicht von einem Saxophon unterscheiden kann oder als „Jazzpolizei“ sich ob der rock- und funk-lastigen Musik die Nase rümpft. Nicht zuletzt die Posaune vermittelt Druck und Power, die schon seit über 11 Jahren zusammenspielenden Musiker geben eine energiegeladene Performance mit groovigem tanzbaren Hintergrund. Der Titel ‚Funky King Kong’ z.B. oder der Bandname lassen das Selbstverständnis der vier Gießener erahnen und gut nachvollziehen, warum sie 2004 den 1. Deutschen Rock- und Jazzrockpreis erhalten haben. Neben der dominanten Posaune mit ihren treibenden Riffs und hoch energetischen Soli, die jegliche Gesangsstimme überflüssig macht, überzeugen Jörg Helfrich an der Gitarre und Christian Keul am funkigen Bass.
Der Funk ist übergesprungen, wie man beim Blick in die Runde des durchaus auch älteren Publikums sehen konnte.

Mit der Haryo Sedhono-Group steht ein erneuter Stilwechsel an: Der Kölner Jazzsänger mit seiner Gruppe ist mit seinem mittlerweile vierten Auftritt in Herne bereits ein alter Bekannter. In der Besetzung beim Festival variiert die Gruppe im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten bzw. zu ihrer ersten zurecht mit viel Lob versehenen ersten CD ‚Close To You’: Verzichtet wird auf das groovende Altsaxophon von Jan von Klewitz, am Kontrabass ist neuerdings zu hören der ebenfalls aus Köln stammende Joscha Oetz, an den Drums Christoph Freier und Sven Bergmann am Flügel. Mit Titeln ihrer CD wie ‚If you and I’ (aus der Feder von Sven Bergmann und Haryo Sedhono), ‚Close to you’ oder dem Bill Evans/Gene Lees-Klassiker ‚Waltz for Debby’ oder dem Michael Jackson-Song ‚The way you make me feel’ oder dem Duke Ellington-Standard ‚It don’t mean a thing’ zeigt Haryo Sedhono mit seiner warmen, smarten Stimme, dass er zu einem veritablen Jazz-Sänger herangereift ist, der von den Kritikern zurecht als aufkommender Stern im Vokaljazz gelobt wird. Im Vergleich zu ihren früheren Auftritten ist die Gruppe noch stärker zusammengewachsen, die Einsätze und die Soli der einzelnen Musiker ergeben ein im wahrsten Sinne harmonisches Ganzes. Neben dem Sänger tragen dazu die Mitmusiker entscheidend bei: Sven Bergmann ist für diese Art von gefühlvollem Jazz in der Begleitung und in seinen Soli eine Idealbesetzung – Jasper van’t Hof lobt den Folkwang-Absolventen in höchsten Tönen („Ich kann ihm nichts mehr beibringen“). Das Schlagzeug von Christoph Freier stützt den nötigen Swing und Groove der Songs, und der Bass von Joscha Oetz, ja, der fetzt geradezu. Oetz bildet mit seinem kraftvollen, fast schon aggressiven Bass-Spiel einen passenden und spannenden Kontrapunkt zum eher samtenen Gesang von Haryo Sedhono. Aus der geplanten neuen CD werden ‚Whenever’ gespielt – eine neue Komposition vom Sänger – und als Zugabe ein Jazzpop-Titel von Sven Bergmann und Haryo Sedhono (bisher ohne Titel). Auf die neue CD darf man gespannt sein. Das Publikum reagiert mit stehendem Applaus.

Quasi als kurzfristig einberaumtes Intermezzo gibt das Festival dem Nachwuchs eine Chance: Der Herner Johannes Altemeier – 13 Jahre jung - war im letzten Jahr Preisträger des bundesweiten Wettbewerbs ‚Jugend jazzt’. Auf der Bühne wird der Altsaxophonist begleitet am Flügel von Felix Römer, der gerade bei der Folkwang-Hochschule Jazzpiano studiert. Ein sehr löbliches Unterfangen, die Talente der Region in dieser Weise zu fördern und ihnen ein öffentliches Forum zu geben. Johannes Altemeier wirkt sehr gelassen und spielt sein Programm ziemlich professionell. Alle Achtung!

Krönender Abschluss und sicherlich Höhepunkt des Festivals bildet Jasper van’t Hofs Solo-Auftritt am Flügel. Dem sympathischen und allürenfreien Niederländer obliegt der eigentlich etwas undankbare Part eines Solo-Auftrittes an einem Festival-Ende, bei dem die Publikumserwartungen nach viel Rhythmik und verbreiteter guter Laune in Richtung einer gewissen euphorischen Spannung auch beim letzten Act gehen. Umso überraschender ist die hochkonzentrierte aufmerksame Stimmung im Saal, wenn Jasper van’t Hof im ersten Stück eine virtuose Ballade anstimmt, die von seinen Rock-Jazz- oder ‚Pili Pili’-Ansätzen weit entfernt ist. Melodiöse Linien und an klassisches Klavier gemahnende Harmonik bestimmen sein Spiel, die Metren wechseln häufig. Sein ‚Dinner For Two’ improvisiert zwischen den elegischen Balladen über einen hämmernden Rhythmus. Im Vordergrund stehen jedoch intensive, dabei äußerst lebendige Balladen wie ‚Pseudopodia’ oder ‚The Way She Looks’, in denen Jasper van’t Hof seine pianistische Meisterschaft in einem intimen, geradezu traumhaften Solo-Spiel demonstriert. Das Publikum bekommt einen Einblick von der international anerkannten Virtuosität und dem Ideenreichtum des Pianisten, der in seinem Solo-Konzert eine unglaubliche Energie aufbringt und damit die Flottmann-Halle in Spannung versetzt. Den Abschluss des Konzertes bildet eine Variation des Titels ‚Whybecause’ von van’t Hofs neuer beim französischen Label ‚Futura’ erschienenen CD – eine pianistische Reflexion über Fragen und Antworten, über den Zusammenhang von Warum und Weil, den van’t Hof als Einheit begreift und dies energiegeladen entsprechend umsetzt. In der Zugabe – wie so häufig bei seinen Konzerten– entlässt van’t Hof mit Horace Silvers ‚Peace’, einer fast requiemhaften Ballade, das begeisterte Publikum in die fast sommerlich-friedlich anmutende Nacht. Standing ovations for Jasper – so entlädt sich die Spannung in Herne.
Im Backstage-Gespräch äußert sich Jasper van’t Hof begeistert über das Herner Publikum, dem er offensichtlich eine so konzentrierte und für sein Spiel notwendig offene Haltung nicht zugetraut hat. Diese Haltung sei übrigens den Zuhörern in Deutschland eigentümlich, die durch viele Jazz-Veranstaltungen und Festivals (!) sehr „verwöhnt“ seien und einen hohen Qualitätsstandard im Jazz nachvollziehen könnten und auch erwarteten. Dies sei mittlerweile in seinem Heimatland deutlich anders, wo die Unterstützung des Jazz’ und der improvisierten Musik gegen Null zurückgefahren sei. Und ein einziges nationales Festival im Jahr von Bedeutung wie das North Sea Jazz Festival in Rotterdam reiche nicht für die Akzeptanz des Jazz’ und eine interessierte und kompetente Zuhörerschaft aus. Und im übrigen: Das im nrwjazz-Flyer zitierte Motto „Jazz is a way of life“ sei immer sein eigenes persönliches gewesen, meint er anerkennend und lobt unsere Initiative des regionalen Networking in Sachen Jazz.

Die Eingangsfrage nach dem Sinn eines zusätzlichen Jazz-Festivals in der Region ist nach dem erfolgreichen Verlauf des 1. Herner Jazz-Festivals mit einem eindeutigen Ja zu beantworten. Festivals – unter der Voraussetzung einer klugen Planung und reibungslosen Organisation - sind immer ein Bürgerfest mit der Möglichkeit, verschiedene Stile, verschiedene Strömungen, neue Musiker kennen zu lernen und schlicht Musik zu genießen. Sie bieten im Sinne von Jasper van’t Hof auch die kulturpolitische Chance, eine nachhaltige Wirkung im Musikgeschmack durchaus auch durch Abgrenzung von Verschiedenem und durch bloßes Zuhören auszubilden. Bei aller Verschiedenheit der Musik-Stile und der Musikerpersönlichkeiten ist dies dem Herner Jazzfestival voll und ganz gelungen – eine Ermutigung für die Kommune und die Festival-Organisatoren. Nur, lieber Wettergott, gönne den Hernern in Zukunft ein schöneres Wetter, ein wirkliches Open-Air-Festival im wunderschönen Park von Schloss Strünkede wäre ein zusätzlicher Gewinn! Vielleicht klappt’s ja mit dem Wetter im nächsten Jahr.