Märchenhafte Sphärenklänge |

Zeena Parkins und Ikue Mori

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Heike Kandalowski/Ruhrtriennale

Essen, 27.08.2013 | Im Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale war ein für Freunde der improvisierten Musik außergewöhnlicher Abend zu erleben: Mit Zeena Parkins an der Harfe, der elektronischen Harfe und am Synthesizer und Ikue Mori mit digitaler Elektronik waren in der Reihe ‚Konzerte im Maschinenhaus/Improvisation & Sound Art’ in der Zeche Carl zwei der wesentlichen Protagonisten der New Yorker Avantgarde-Szene zu erleben. Das Duo unter dem Namen ‚Phantom Orchard’ ist seit Jahren in der Szene bekannt für die gemeinsame Erkundung außerordentlicher Klangwelten, so unterschiedlich ihre jeweilige künstlerische Herkunft auch ist: Zeena Parkins gilt als Pionierin, die die Harfe in die Welt der Improvisation überführt. Ihre Zusammenarbeit mit dem Who is Who der Impro-Musik (Fred Frith, John Zorn, Chris Cutler, Elliott Sharp, Anthony Braxton, Pauline Olieros, Yoko Ono u.v.a.) weist sie als innovative Klang-Spezialistin aus. Seit zwei Jahrzehnten bedient sie mit vielen Auszeichnungen die Schnittstelle von Musik und Tanz und Performance. Ikue Mori kommt ursprünglich vom Schlagzeug (mit Arto Lindsay in der legendären No Wave-Band DNA) und entwickelt sich seit den 1990er Jahren immer mehr zu einer anerkannten Klangkünstlerin mit elektronischen Mitteln.

Zu erleben sind die beiden Künstlerinnen in Essen in einer Session mit dem Titel ‚100 fairies vol. 1 (duo-version)’ – einer ursprünglich 2011 vom SWR beauftragten Produktion zusammen mit der norwegischen Improvisationsgruppe SPUNK. Ziel der Zusammenarbeit: Ensemblestücke für das Radio zu erarbeiten, die sich auf Märchen berufen, und darauf bezogene imaginäre Soundtracks zu entwickeln. In diesem Sinne arbeitet auch das Duo bei der Ruhrtriennale. So unterschiedlich die jeweilige Herkunft der Künstlerinnen ist, so unterschiedlich ist auch ihr Temperament: Während Ikue Mori – bis auf einen gelegentlichen kleinen Augenschlag – unbewegt an ihrem Laptop arbeitet, entwickelt Zeena Parkins als Energiebündel eine Performance mit hohem Körpereinsatz – ihre Affinität zu Tanz und Performance ist unverkennbar. Auch musikalisch zeigt sich eine ähnliche Entsprechung: Ikue Moris Einsatz des Computers ist sehr auf wenige rhythmische Pattern reduziert, die im Laufe des (Zusammen-)Spiels mehr und mehr überlagert werden von Soundeffekten aus der digitalen Trickkiste. Das dabei erzielte Klangvolumen grenzt zum Teil ans eher Bombastische, die Gesamtwirkung ihres Parts ist aber von der musikalischen Variabilität eher als zurückhaltend zu bezeichnen. Das Spiel von Zeena Parkins hingegen steht eindeutig im Zentrum der Performance: Ist ihr Synthesizer im Anfangsstück ‚Luminous Fairies’ noch relativ zurückhaltend und bei durchaus ungewöhnlichen Akkordfolgen eher repetitiv, entwickelt sie an der Harfe und der elektrischen Harfe vom tiefen Bass bis zum Diskant einen eigenen Klangkosmos. Ihre Harfe entfernt sich erwartbar wohltuend von der Klischeevorstellung des eher (spät-)romantischen Orchesterrepertoires, das mit den Läufen und Akkordausführungen des Instruments in der Regel assoziiert wird. Mit einer stupenden Fingertechnik, einem energiegeladenen, beherzten Greifen in die Saiten und dem Wechsel zwischen den Instrumenten gelingt ihr es, die Möglichkeiten des Zupfinstruments voll und ganz auszureizen und durch Schlagen, Dämpfen und der Zuhilfenahme von Objekten wie Stangen, Glocken und Knisterpapier zu erweitern. Erst recht an der elektronischen Harfe – einer offensichtlichen Neu-Konstruktion des Instruments mit Tonabnehmern an jeder Saite – nutzt Zeena Parkins die Möglichkeiten von diversen Loop- und Effektgeräten so, dass ein äußerst variantenreicher und innovativ zu nennender Klangraum erzeugt wird, der sich von der „klassischen“ Harfe nahezu vollständig entfernt und in symbiotischer Weise an unterschiedliche Klänge verschiedener Saiteninstrumente erinnert. Ihr Tappen gemahnt nicht von ungefähr an Fred Frith und seiner „Spezial“-Behandlung der Gitarre.

Auffällig beim Zusammenspiel der beiden Improvisationskünstlerinnen ist eine äußerst gelungene Synthese ihrer musikalischen Vorstellungen und instrumentell-technischen Möglichkeiten: Trifft man bei improvisierter Musik häufig auf dialogische Muster des Zusammenspiels – eine musikalische Idee eines Spielers wird von einem anderen aufgegriffen und kompetitiv variiert – zeigt sich das ‚Phantom Orchard’-Duo dadurch aus, musikalische Ideen und Vorstellungen von bestimmten Klangwelten gemeinsam zu entwickeln und zugunsten einer einheitlichen Klangvorstellung das Publikum an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen. Hier erweisen sich Ikue Mori und Zeena Parkins trotz ihres unterschiedlichen Temperaments als kongeniale Partnerinnen. Es entsteht, anders als der Bezug zu Märchen vielleicht nahelegte, keine süßlich-kitschige Soße eines undifferenzierten Einheitssounds, sondern ein filigranes und punktgenaues und dabei höchst innovatives Zusammenspiel der beiden Musikerinnen im Wortsinn, das die improvisatorischen Kompetenzen und die instrumentellen und technischen Möglichkeiten zu etwas Neuem, ja bisher auch Un-Gehörtem zusammenbringt. Das Publikum genießt einen Soundtrack zu imaginären (Märchen-?)Filmen und nimmt gerne Anteil an der beeindruckenden Live-Performance. Zur positiven Gesamtwirkung trägt sicherlich auch der Umstand bei, dass Avantgarde und experimentelle Musik hier nicht als „noise“ bis zur Schmerzgrenze praktiziert werden, sondern als filigranes und kunstvolles Zusammenspiel mit sphärischen Klangwelten.

Der Anspruch von Heiner Goebbels zu genreübergreifenden Ansätzen im Triennale-Gesamtangebot erfüllt sich auch in diesem Konzert in äußerst gelungener Weise. Bedauerlich nur bei allem Respekt vor der Umsetzung des Programms, dass der improvisierten Musik insgesamt nur so wenig Raum gelassen wird, dass nur so wenig international anerkannte einschlägige Avantgarde-Künstler der Impro-Szene eingeladen werden: Gerade einmal zwei (!) Veranstaltungen zu „Improvisation & Sound Art“ finden sich im Gesamtprogramm der Triennale. Dies wird dem ästhetischen und transzendierenden Potenzial der improvisierten Musik nicht gerecht. Das Publikum des ‚Phantom Orchard’-Konzerts gehört sicherlich eher nicht zu den Stammgästen von improvisierter Musik, seine Reaktionen am Ende des Konzerts lassen sich als Votum für ein Mehr an dieser genre- und rezeptionsübergreifenden Art von Musikangebot im Rahmen der Triennale deuten.