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Wasserfuhr-Quartett auf Burg Lüttinghof

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper, Bernd Zimmermann

Gelsenkirchen, 30.11.2013 | Etwas eng wurde es schon auf dem kleinen Podium im Festsaal von Lüttinghof_Die Burg im Wasser, das sich ja seit vielen Jahren für Kammermusik bestens bewährt hat. Doch sowas produzierte umso mehr Behaglichkeit, in der das überaus gefragte Julian und Roman Wasserfuhr Quartett sein Publikum umso nachhaltiger erobern konnte. Eine gute Werbung im Vorfeld und eines der gefragtesten jungen Jazzensembles im Lande hatten zuverlässig für volle Ränge auf der stilvollen Wasserburg geführt.

Die Veranstalter sind hocherfreut, dass diese Spielstätte auf Anhieb so gut angenommen wurde. Und schon wurden wieder die Mileu-Unterschiede zwischen der Klassik und dem Jazz deutlich: Bei letzterem geht nichts ohne diese spezifische Lässigkeit, die in der Luft liegen muss. Man ist im Gespräch sofort mit allen per du und es ist auch völlig „normal“, mit Sektglas oder Bierflasche in der Hand dem Konzert zu lauschen. Und diese jungen, in Hückeswagen ansässigen Jazz-Größen zeigen, wie zeitgemäßer, kultivierter Modern Jazz geht: Roman Wasserfuhr lässt aus dem Flügel so herrlich beschwingte Läufe perlen. Er improvisiert seine langen melodischen Linien, bei denen die eigene Faszination für den unerreichten Michel Petrucciani mitschwingt. Sein Bruder Julian steht ihm von Kleinauf in musikalischen Dingen zur Seite Sein geschmeidig phrasierender Trompetensound atmet diese gewisse dunkle Timbre und schöpft daraus so viel berührende Kraft. Nach eigenem Bekunden markiert für den 24jährigen der große Chet Baker eine ganz herausragende Position im Jazz-Stammbaum! Und zusammen mit Schlagzeuger Oliver Rehmann und Benjamin Garcia am Bass formen die Brüder aus dem bergischen Land eine entwaffnend eingängige musikalische Sprache - in der es swingt und voran treibt und bei der vor allem in der Ruhe die Kraft liegt. Und diese Sprache setzt auf melodische bis balladeske Bögen, formuliert fantasievolle Improvisationen, verweilt in atmosphärischen Zwischenspielen. Das ist der Stoff, aus dem eines der gefragtesten jungen Jazzquartetts in Deutschland so viel Helligkeit zaubert und damit unmittelbar berührt. Und sie verleiben sich sehr souverän so manchen Klassiker ein: „English man in New York“ von Sting gehört dazu, was bei den vieren fast wie selbstkomponiert klingt - und man fragen muss, für wen das nun das noch größere Kompliment darstellt. Oder „Behind Blue Eyes“ von the Who. War es wirklich dieser lange nicht mehr gehörte Song? Man hatte während des Hörens schon geraten und gerätselt, aber das Stück doch eigentlich längst erkannt angesichts der hohen Kunst dieser Musiker, mit einprägsamer Melodik direkt und ohne Umwege auf den Punkt zu kommen. Man lag natürlich richtig, wie Julian Wasserfuhrs kurzweilige Moderation danach bestätigte. Die gemeinsame Biografie dieser Musiker ist eine Erfolgssstory ohnegleichen. Vor allem die Entdeckung der vier durch Siggi Loch vom ACT-Label markierte einen großen Durchbruch für die Profi-Karriere - denn von da ab konnten sie sich ganz auf das Produzieren guter Alben konzentrieren, die durch ACT auch vermarket werden. Den beiden Brüdern ist vor allem auch die gemeinsame Bandchemie mit Oliver Rehman und Benjamin Garcia ein großes Anliegen. Dass es jetzt eine goldene Schallplatte angesichts stolzester Verkaufszahlen gab (überhaupt kommen nur weniger Jazzmusiker in den Genuss dieser Ehrung) zeigt, dass man den richtigen Riecher hatte.

Und dieses hochkarätig besetzte Konzert sozusagen als „Pilot-Veranstaltung“ für eine künftige regelmäßige Jazzkonzert-Reihe weckt natürlich alle Hoffnungen, dass sich diese stilvolle Örtlichkeit – weit über Gelsenkirchen hinaus – zu einem regelmäßigen kleinen, aber feinen Jazz-Standort entwickeln möge. Das Publikum und die Nachfrage sind auf jeden Fall da. Und alles andere sowieso auch. Hoffentlich lassen sich jetzt noch einige neue Sponsoren für diese Idee begeistern.