Soloabend mit Vadim Neselovskyi |

Mut zum Risiko und ganz viel Fantasie

Text & Fotos: Stefan Pieper

Hürth, 19.11.2014 | Die wirklich großen Abende kommen manchmal mit einem ganz kleinen Rahmen aus - oder letzterer macht solche Erlebnisse erst möglich: Nach den langen Skype-Gesprächen mit dem Wahl-New Yorker war der Wunsch da, Vadim Neselovskyi auch lief zu hören. Und da traf es sich gut, auf der Durchreise auch den Jazzclub Hürth aufzusuchen – bzw. seine Außensteller, die Auftakt-Musikschule in einem malerischen altern Kloster im alten Ortskern aufzusuchen.

Hürth ist nicht Köln, und das Publikum im kleinen Saal setzt sich auch eher aus dem Kreis Bergheim und dem ganzen Umland zusammen. Liebevoll ist der Saal der kleinen Musikschule gestaltet – und es zieren stimmungsvolle Malereien die Wände.

In ruhiger Bescheidenheit begrüßt Neselovski sein Publikum, dann nimmt er den zierlichen (und leider nicht eindwandfrei intonierten!) Stutzflügel in Besitz.

Welch eine Sternstunde von Wagemut und kreativer Risikofreude schließt sich hierauf nun an!

Er beginnt mit zwei Stücken von seiner neuen Duo-CD mit dem Hornisten Arkady Shilkloper, die er hier nun zu extrem konzentrierten, explosiv temperamentvollen Solonummern, die eigentlich schon Suiten sind, verdichtet. Die Raffinesse dabei macht schwindelig. Er hat liedhafte Themen geschaffen - fast so, als würde das Erbe eine Franz Schubert oder Chopin in verklärter Weise durchschimmern. Aber ständig durchbricht und verwirbelt Neselovskyis Spiel die Struktur, löst die kantable Linie in perkussiv prasselnden Klangflächen auf, setzt wieder mit anderen Partikeln des Themas an und baut manchmal Anspielungen auf andere Stücke in der jeweiligen Nummer ein.

Aber er kann auch anders, wenn er in balladesken ruhigen Passagen das tiefste Innerste nach außen kehrt - bis er wieder die nächsten Sforzato-Kaskaden plakativ explodieren lässt.

Hat er sich zu Anfang eines Sets als experimentierfreudiger Grenzgänger zwischen romantischer Melodiösität und neutönerischem Experiment gezeigt, so kommt zunehmend auch der profunde, cool abgeklärte und hintergründig humorige Jazzer Vadim Neselovkyi ins Spiel. Denn er streift Standards, bringt Bepop-Rhythmik in Bewegung - etwa in einem Stück von Freddie Hubbard, das Charlie Parker gedenkt. Doch solches Vokabulär wird verwirbelt, konterkariert, verfremdet. Gerne wirft er polytonal verspielt mit den Tönen um sich. Auch nimmt er sich einer Bach-Invention an – zeigt, wie der Kontrapunkt das Grundnahrungsmittel für alle Forschungsreisen in weite kreative Freiräume ist. Einfach nur Harmonien spielen, sei doch wie Fastfood -Nahrung aus dem Supermarkt wird er später im Pausengespräch sein Credo augenzwinkernd auf den Punkt bringen.

Und weiter geht dieses vibrierende Abenteuer auf den schwarzen und weißen Tasten. Dazwischen streut er aufschlussreiche und humorvollen Anmoderationen seiner Stücke ein. Wie gut kann man Nähe mit seinem Publikum herstellen, wenn man mit diesem auch redet.

Und diesem Prinzip huldigt Vadim Neselovski noch konsequenter in seiner Zugabe. Er lässt sein Publikum irgendwelche Zahlen von 1 bis 12 nennen, denn nur so viele gibt die Zwölftonreihe her.

7,11,5,3,2 lautet die Auswahl. Und er lässt diese Töne im Zusammenklang und Mischklang aus sich selber heraus sprechen - wobei eine sphärische Klangimpression wie bei Debussy heraus kommt. Dann werden Jazzharmonien daraus geformt, um im nächsten Schritt alles zu einem melodischen Thema zu ordnen. Tonal, atonal, in Dur und in Moll lässt dieser Spontan-Composer mal eben alles vom Stapel, was die Trickkiste thematisch-motivischer Arbeit hergibt inklusive einer kunstvollen Variationenfolge über eine Ostinatofigur. Dann braust eine motorische Überleitung auf, leitet zu einer Art Seitenthema über.

Wir erleben hier eine Lektion in Sachen spontanem Erfindergeist, die weit über jede landläufige Vorstellung von „Improvisieren“ hinausgeht. Das ist Echtzeit-Komposition, die aus dem Erbe der Klassik schöpft, mit allen Wassern das Jazz gewaschen ist und damit zwei Sphären im Hier- und Jetzt bündelt, die doch konventionsbedingt oft voneinander getrennt sind.