Kammermusikalische Preziosen |

Soundtrip im Kunstmuseum Bochum

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 02.12.2013 | Wieder einmal war in der Reihe ‚Soundtrip‘ im Bochumer Kunstmuseum ein Highlight der improvisierten Musik zu erleben: Dem Drummer Martin Blume gelingt es in dieser Reihe immer wieder, hochkarätige Musiker mit ihren jeweiligen zum Teil sehr eigenen und eigenwilligen Ansätzen zu einer respektablen Improvisationssession zusammenzubringen. So auch am letzten Samstag mit dem estnischen Pianisten Taavi Kerikmäe und dem in der Region wohlbekannten und international geschätzten Eckard Koltermann am Gebläse.

Taavi Kerikmäe ist ein international bekannter und agierender Pianist, aktuell arbeitet er als Lehrer für experimentelle und improvisierte Musik an der Estonian Academy of Music und als Kurator des IMPROTEST Festivals in Tallinn. Er eröffnet das Konzert mit einem Solo. Seine Spezialität besteht darin, ein präpariertes Klavier zu spielen - er tut dies in einer ausgesprochen ungewöhnlichen Art und Weise. Der Thürmer-Flügel im Bochumer Kunstmuseum erfährt eine Erweiterung um eine weltweit wohl einzigartige Klangelektronik, die Taavi Kerikmäe mit Igor Zubkov eigens entwickelt hat. Bei dieser werden in einer elektromagnetischen Schleife die Saiten des Flügels in Schwingungen versetzt, wobei gleichzeitig der Ton abgenommen wird. Dieser kann dann mit unterschiedlichen Effekten moduliert werden. Basis für den eigentlichen Klang und seine Veränderung bleibt das Klavier. Erzeugt wird so eine verblüffende Klangwirkung, wenn Taavi Kerikmäe die Tasten bedient bzw. mit Schlägeln, Metallstücken oder mit hölzernen Essstäbchen die Saiten zusätzlich behandelt oder einfach einen Klang-Cluster erzeugt und diesen mit der Dynamik modifiziert. Es entsteht ein sehr suggestiver Klangraum, fremde, z.T. fernöstlich anmutende Weisen klingen an, der Zuhörerschaft wird viel Assoziationsfutter gegeben.

Als Taavi Kerkmäe zu seinem Sampler greift, erläutert er, dass er sein halbes Haus mit elektronischen Instrumenten voll stehen hat, er aber beim Sampling immer wieder aufs Klavier zurückkäme. Wer dann typische Klavierklänge erwartet, muss sich enttäuscht sehen. Aus dem Computer kommen in der Tat klavierbezogene Töne: Schlagen, Schleifen, Stoßen, Klavierdeckel-Geräusche, Töne, die beim Reiben von Radiergummi auf dem Klavierholz oder beim Schlagen auf die Saiten entstehen. Also alles, was rund um das Klavier, in und mit dem Instrument Töne erzeugt, bringt der Pianist mit Unterstützung seiner Live-Elektronik zu Gehör und entlockt der kleinen Tastatur seiner Keys nicht – wie man erwarten könnte – geräuschbetontes „Noise“, sondern durchaus differenzierte und sehr hörenswerte Musik und innovative Klangkunst.

Die beiden Mitspieler können hier mühelos einsteigen. Eckard Koltermann bedient sich seines Blasinstrumenten-Arsenals von Bassklarinette, Klarinette, Sopran- und Bariton-Saxophon, er nimmt trotz seiner – wie er sagt - längeren Abstinenz im Kontext von improvisierter Musik sehr feinfühlig die Klangfäden von Taavi Kermäe und die rhythmisch-klanglichen Muster von Martin Blumes Percussion auf. Es entsteht ein kammermusikalisch anmutendes Zusammenspiel voller Preziosen, alle drei verstehen es in geradezu zarter und filigraner Weise, sich aufeinander zu beziehen und zu einer kollektiven Spontan-Komposition mit beizutragen. Die Stärke des Trios besteht in der Kunst, einander zuzuhören und auf die „Vorlagen“ reagieren zu können. Improvisierte Musik gerät nach diesem Verständnis nicht zu einem solistischen oder lautlichen Overdrive oder einem stimmlich-klanglichen und dazu noch überlauten Tohuwabohu. Die drei Musiker setzen ihre verschiedenen Instrumente und ihre musikalischen Fähigkeiten unaufdringlich, aber höchst wirksam zu dem Generieren eines kohärenten (Klein-)Kunstwerks ein. Mal schweigt das jeweilige Instrument, um den anderen zuzuhören und neue Ideen und Energie aufzuladen, mal verstärken die Saxophon-Klappen die Perkussion, mal verblüffen die verschieden modulierten Piano-Töne die Mitspieler, die die Frequenzen und Tonfolgen aufnehmen und in das Spektrum von (Bass-)Klarinette oder Perkussion übersetzen, mal ringt sich das Sopransax zu einem kleinen Pattern mit starkem Ton durch. Das Trio erreicht so ein unaufdringliches und unaufgeregtes Ensemble-Spiel, das ausschließlich dem Ziel einer stimmigen Musikdarbietung verpflichtet ist.

Das Publikum ist begeistert. Die akustische Sternschnuppe vergeht leider zu schnell. Das Flüchtige am Konzept von ‚Soundtrip‘ mit seinen unterschiedlichen Zusammensetzungen an den Aufführungsorten in NRW ist zwar ausgesprochen sympathisch, am letzten Samstag wünschte man sich jedoch mehr Konstanz und einen häufigeren Auftritt des erlebten Trios.